Arzneimittel und Therapie

Körperliche Aktivität kann vor Stürzen schützen

Was kann Sport in der Primär- und Sekundärprävention der Osteoporose leisten? Mit diesem Thema befasste sich ein Symposium auf dem Osteologie-Kongress. Sicher scheint zu sein: Wer körperlich trainiert ist, erleidet seltener einen Sturz. Und der kommt ja häufig vor dem Knochenbruch. Insgesamt ist die Datenlage zum Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität, Frakturrisiko beziehungsweise Knochendichte aber eher unbefriedigend.

Treiben Patienten mit Osteoporose regelmäßig Sport, haben sie ein geringeres Risiko für Frakturen. Zumindest Beobachtungs- und Fall-Kontroll-Studien kommen zu diesem Ergebnis. "Insgesamt scheint die Frakturrate bei Sportlern um 30 bis 40 Prozent niedriger zu liegen als bei Nicht-Sportlern", fasste Prof. Dr. Wolfgang Kemmler, Erlangen-Nürnberg, die zur Verfügung stehenden Daten zusammen. Er musste allerdings einräumen, dass Evidenz-basierte Interventionsstudien fehlen. "Es liegt keine entsprechende Untersuchung vor, die evidenzgesichert einen Kausalzusammenhang zwischen körperlichem Training und Frakturen nachweist." Die Studienlage, so sein Fazit, ist daher eher unbefriedigend.

Nach Stürzen fragen – mit Fingerspitzengefühl

Anders, wenn es um den Zusammenhang zwischen Sport und Sturz geht. Und auch der ist in der Prävention von Frakturen bei Osteoporose von großer Bedeutung, denn, so Priv.-Doz. Dr. Clemens Becker, Stuttgart: "Vor der Fraktur kommt häufig der Sturz." Immerhin liegt die Zahl der sturzbedingten Hüftfrakturen in Deutschland bei 12.000 pro Jahr. Es sollte deshalb bei alten Menschen nach Stürzen gefragt werden und nach dem zweiten Sturz entsprechend der aktuellen AGS/BGS-Leitlinien mögliche Risikofaktoren abgeklärt werden, wie Medikation, Sehfähigkeit, Stand- und Gangfestigkeit, Kraft der unteren Extremitäten sowie neurologische und kardiovaskuläre Risikofaktoren. Bei der Frage nach Stürzen ist allerdings Einfühlungsvermögen gefragt. Denn viele Patienten sprechen laut Becker nicht gerne von "Sturz". Besser sei es deshalb von "Ausrutschen" oder "Ausgleiten" zu sprechen "am besten im jeweiligen Dialekt". Eine Anpassung der Umgebung, eine neue Brille und eventuell eine Veränderung der Medikation kann die Sturzgefahr senken. Aber auch konsequentes körperliches Training.

Kraft- und Balancetraining senken das Sturzrisiko

Für Furore sorgte die Thai-Chi-Studie mit mehr als 200 Patienten jenseits des siebzigsten Lebensjahres, in der regelmäßiges Üben über 15 Wochen das Sturzrisiko um knapp 50 Prozent reduzierte. "Spazieren gehen alleine hilft dagegen nicht", betonte Becker. Selbst intensives Gehen hat sich als nicht ausreichend erwiesen. Notwendig ist ein gezieltes Kraft- und Balancetraining, möglichst häufiger als eine Stunde pro Woche. Denn wer zwar trainiert, aber weniger als 50 Stunden pro Jahr, senkt sein Sturzrisiko nur um sieben Prozent, bei häufigerem Sport dagegen um 24 Prozent. In Abhängigkeit von der Trainingsdauer lassen sich dabei verschiedene Effekte erreichen. Bereits nach acht bis zwölf Wochen verbessern sich Kraft, Schnelligkeit, Stand und Gang, nach 36 Wochen auch Balance, Ausdauer, Schwindel und Depressionen. Und bis zur 52. Woche sinkt schließlich auch das Sturzrisiko. Ängste gehen zurück und das Selbstvertrauen steigt, so Becker.

Echte Alternative: Tango tanzen

Wie sich Sport auf das Sturzrisiko auswirkt, ist mehrfach untersucht. Günstige Effekte ließen sich etwa mit einem "aufsuchenden Training" erreichen, bei dem über 80-Jährige zunächst zu Hause bei fünf Besuchen eine Anleitung für progressives Krafttraining und Balancetraining erhielten. Danach wurde in Gruppen weitergeübt. Innerhalb eines Jahres ließ sich so das Sturzrisiko um 30 Prozent senken. Was ein gezieltes Training bringt, prüft derzeit auch die bayerische Sturz- und Fraktur-Präventionsstudie, die 2007 mit 13.000 Patienten in der Interventionsgruppe und 30.000 Patienten in der Kontrollgruppe (Durchschnittsalter: 84 Jahre) startete. Bereits im ersten Interventionsjahr konnte mit dem Sturzpräventionsprogramm die Zahl der Hüftfrakturen um 20 Prozent gesenkt werden. Für Patienten, die sich in der Turnhalle eher weniger wohl fühlen: Eine sehr wirksame Form der Sturzprävention ist laut Becker auch das Tango tanzen.

High-Impact-Sport gegen Knochendichteverlust

Besonders Osteoporose-gefährdet sind Frauen in der Postmenopause. Sie verlieren pro Jahr zwei bis drei Prozent der Knochendichte. Um diesen Verlust an Knochensubstanz mit körperlichem Training zu stoppen, braucht es allerdings mehr als Aerobic, Thai Chi oder Walking. Nur mit High-Impact-Sportarten, die mit hohen Stoßbelastungen das Knochenwachstum anregen, lässt sich ein günstiger Effekt auf die Knochendichte erreichen. "Bei postmenopausalen Frauen muss schon viel Kraft aufgewendet werden", so Prof. Dr. Bernd Kladny, Herzogenaurach. Zu den High-Impact-Sportarten zählen neben Tennis, Fußball und Squash auch Stepaerobic, Jogging oder Volleyball. Dagegen haben Schwimmen, Fahrrad fahren oder Reiten keinen messbaren Einfluss auf die Knochendichte.


Quelle

Prof. Dr. Wolfgang Kemmler, Erlangen-Nürnberg; Priv.-Doz. Dr. Clemens Becker, Stuttgart; Prof. Dr. Bernd Kladny, Herzogenaurach: Vorträge auf dem Osteologie-Kongress, Fürth, 25. März 2011.


Apothekerin Dr. Beate Fessler



DAZ 2011, Nr. 18, S. 38

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