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Zwischen Traumberuf und Albtraum

BERLIN (lk). Haiti, Simbabwe, Kongo, Süd-Sudan – das sind nicht die üblichen Touristenziele. Trotzdem wollte die erst 29-jährige Pharmazeutin Anna Eschweiler schon immer etwas von der Welt sehen. Seit Kurzem hat die Apothekerin ihren Wunschtraum zum Beruf gemacht. Für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" arbeitet und hilft die junge Frau aus Barkenberg im Ruhrgebiet in den Krisengebieten dieser Welt. Jetzt ist sie als erste "fliegende Pharmazeutin" im Süd-Sudan unterwegs, organisiert die Arzneimittelversorgung im vom Bürgerkrieg zerrütteten Land in Afrika.
Foto: privat
Fliegende Apothekerin Anna Eschweiler arbeitet als Apothekerin in den Krisengebieten dieser Welt für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Sie ist zurzeit zweimal wöchentlich mit dem Kleinflieger unterwegs, um lebensnotwendige Arzneimittel zu transportieren; "Es ist eine große logistische Herausforderung."

Nach ersten ehrenamtlichen Kurzeinsätzen für die bayerische Organisation "Humedica" und "Apotheker ohne Grenzen" in Haiti und Mexiko sagt sie: "Das ist jetzt mein Beruf." Welche Voraussetzungen muss jemand haben, der sich darauf einlässt? "Aufgeschlossen sein und flexibel", sagt Anna Eschweiler. Die Arbeit, die Standards seien in keiner Weise vergleichbar mit Europa. Hat sie Angst vor den Einsätzen in Konfliktregionen? "Ich mache meine Wahl nicht von der Sicherheitslage abhängig", sagt die Barkenbergerin, "all diese Gebiete haben Gefahrenpotenzial."

Ein Jahr wird Anna Eschweiler im Süd-Sudan helfen, in Krankenhäusern die Arzneimittelversorgung aufzubauen, Ärzte im sachgerechten Umgang mit Medikamenten zu schulen. "Ich betreue insgesamt fünf Projekte in Leer, Lankien, Nasir, Malakal, Bentiu. Das heißt, ich bin ständig unterwegs von einem zum anderen und zwischendurch noch im Hauptquartier in Juba oder im Logistikzentrum in Lokichoggio (Kenya)", beschreibt die 29-Jährige gegenüber der DAZ ihren Auftrag.

Und Reisen im Süd-Sudan ist zum einen wegen der Entfernungen und der schlechten Infrastruktur und zum anderen aufgrund der Sicherheitslage nur mit dem Flugzeug möglich. Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" verfügt über ein eigenes Flugzeug. Eschweiler: "So ist es relativ flexibel möglich, seinen Zeitplan zu gestalten." Momentan fliegt die Apothekerin zweimal die Woche zu ihren Einsatzorten. Auch die Arzneimittel können angesichts der zerstörten Infrastruktur nur mit dem Flugzeug zu den Projekten gebracht werden: "Es ist eine große logistische Herausforderung, immer alles zur richtigen Zeit in der richtigen Menge in den Projekten zu haben." Denn eigentlich fehlt es immer und überall an allem.

Apothekerliche Aufgaben im Süd-Sudan

Eschweilers Aufgabe ist es, Arzneimittel und medizinischen Bedarf in angebrachter Qualität zu transportieren und zu lagern. Das ist im Süd-Sudan leichter gesagt als getan. Denn die örtlichen Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" haben oft noch nie zuvor mit Arzneimitteln gearbeitet und kennen weder die spezifischen Richtlinien noch Grundsätze bei deren Handhabung. "Dabei stellen Kühlkettenprodukte wie Impfstoffe oder Betäubungsmittel eine besondere Herausforderung dar", berichtet Eschweiler.

Als Apothekerin entscheidet sie mit, welche Arzneimittel in einem Projekt zum Einsatz kommen sollen und liefert die Entscheidungsgrundlage dazu. Vor allem der Zeitfaktor spielt hier eine große Rolle. Tägliche Lieferungen des Großhandels sind im Sudan unbekannt. Eschweiler: "Von der Bestellung bis zur Lieferung in die Projekte kann es schon mal vier bis sechs Monate dauern." Wichtig ist daher, genaue Verbrauchsdaten zu sammeln: "Ich stelle die notwendigen Hilfsmittel zur Datensammlung bereit und helfe den medizinischen Teams bei der Kontrolle des Verbrauchs. Bei Fragen zur Anwendung, Dosierung und anderem seitens der Mediziner ist meine beratende Tätigkeit ähnlich zu der in Deutschland."

Flexibilität ist das Wichtigste

Daneben gehört die Schulung und Ausbildung der nationalen Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" zu ihren wichtigen Aufgaben. "Ich schule sie zum Beispiel in allgemeiner Pharmakologie, Hygiene, rationellem Arzneimittelgebrauch." Oft sind nicht mal einfache Vorkenntnisse vorhaben. "Hier im Süd-Sudan haben wir Probleme, überhaupt Leute zu finden, die schreiben, lesen und rechnen können."

Auch der Umgang mit den Patienten ist schwierig. Der Kontakt zur Bevölkerung besteht in erster Linie aus der Zusammenarbeit mit den nationalen Mitarbeitern. Die Patienten sprechen oft nur ihre lokale Sprache.

Welche Fähigkeiten muss man neben Idealismus für einen solchen Einsatz mitbringen? "Uneingeschränkte Flexibilität ist das Wichtigste", berichtet Anna Eschweiler der DAZ, "man muss schnell und angemessen auf sich ändernde Bedingungen reagieren können. Manchmal ändern sich die Aufgaben schneller als man überhaupt darüber nachdenken kann, was zu tun ist. Man braucht Kreativität und muss sich immer wieder neu motivieren können unter den herrschenden Bedingungen zu arbeiten und sich nicht geschlagen zu geben. Denn manchmal verliert man vor Arbeit und Problemen das Licht am Ende des Tunnels aus den Augen."

Tägliche Herausforderungen

Trotzdem bereitet die Arbeit Freude. Das Team von "Ärzte ohne Grenzen" kommt aus allen möglichen Ländern der Welt, im Süd-Sudan zurzeit aus über 20 Nationen. Eschweiler: "Das ist eine sehr positive Seite, da man viel über andere Menschen, Länder und Kulturen und auch über sich selber lernt."

Die Lebensumstände sind sehr einfach. Das betrifft nicht nur das Reisen. Unterbringung, das Essen, Freizeit und die persönliche Freiheit entsprechen nicht mitteleuropäischen Maßstäben. "Es gibt alle möglichen krabbelnden, kriechenden und fliegenden Tiere und neben Malaria noch viele andere Krankheiten, die man in Deutschland nicht fürchten muss", beschreibt Anna Eschweiler ihre täglichen Herausforderungen.

Und trotz der vielen Arbeit gibt es auch so etwas wie Heimweh: "Unschön ist es an bestimmten Tagen so weit weg von Familie und Freunden zu sein." Den Kontakt zu Familien und Freunden hält die hilfsbereite Apothekerin mit dem Handy. Das funktioniert sogar im Süd-Sudan.

Und auch die DAZ ist behilflich und richtet im Namen von Anna Eschweiler herzliche Grüße aus an die Mitarbeiter der Apotheke der Uniklinik Münster und Aachen, der Rats-Apotheke Richterich, der Lambertus Apotheke Haltern und der Pluggendorf Apotheke Münster sowie an die Apotheken-Kolleginnen Christine, Eva, Franziska, Heike, Julia, Lisa, Silke, Steffi und Ulrike.



DAZ 2011, Nr. 17, S. 34

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