DAZ aktuell

Walters Risiko

Gerhard Schulze

Patienten, so stand es vor Kurzem in der Zeitung, die regelmäßig Ibuprofen oder ähnliche Schmerzmittel einnehmen, haben ein höheres Infarkt- und Schlaganfallrisiko. Ich dachte an meinen Freund Walter aus Amerika. Er ist 80 Jahre alt, war Soldat im Koreakrieg, leidet unter Herzschwäche, Gelenkverschleiß und Arterienverkalkung. Er nimmt regelmäßig alles Mögliche ein, bestimmt auch ein entzündungshemmendes Mittel gegen chronische Schmerzen.

Wie würde Walter die Zeitungsmeldung verstehen? Würde er sich klar machen, was "höheres Risiko" bedeutet – eine Verhältnisangabe, die sich auf eine Verhältnisangabe bezieht? Verdoppelt sich zum Beispiel das Risiko, dann kann das vieles heißen: von zwanzig auf vierzig Prozent oder von einem auf zwei Promille. In seinem Buch "Einmaleins der Skepsis" spricht der Psychologe Bernd Giegerenzer von "Zahlenblindheit": Nicht nur Patienten, auch Ärzte oder Journalisten würden Risiken oft falsch einschätzen.

Als Soziologe habe ich von Pharmakologie keine Ahnung, aber ich verstehe etwas von Empirie. Also lud ich mir die wissenschaftliche Arbeit herunter, auf die sich die Meldung bezog. Darin ging es um ein Problem, das schon oft untersucht wurde: das kardiovaskuläre Risiko selektiver COX-2-Hemmer bei älteren Patienten mit chronischen Schmerzen, deren Herz und Gefäße oft schon irreparabel geschädigt sind.

Forscher am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern werteten 31 pharmakologische Studien aus, in denen es um dieses Risiko ging. Die 116.429 beobachteten Patienten litten je nach Studie unter Alzheimer, Darmpolypen oder Osteoarthritis. Die kleinste der Studien hatte 98 Teilnehmer, die größte 23.498, manche liefen über Monate, andere über Jahre, einige waren placebokontrolliert, andere nicht. Also alles ein wenig wie Kraut und Rüben, und unvermeidlich haben wir es mit Drittvariablen zu tun. Manchen Patienten wurde zusätzlich Aspirin gegeben, anderen nicht. Welche Medikamente nahmen sie noch? Wie waren die Gruppen altersmäßig zusammengesetzt? Wer starb woran genau? Es gibt eine Tabelle mit der Spalte "kardiovaskulärer Tod", dann Herzinfarkte und Schlaganfälle noch mal extra, und zwar mit oder ohne Todesfolge, dann wieder Tode anderer Ursache, die ebenfalls mit den COX-2-Hemmern in Verbindung gebracht wurden.

Um diesem statistischen Dadaismus etwas abzugewinnen, lasse ich mal mein methodisches Stirnrunzeln beiseite und sehe als bestätigt an, was man schon vermutet hatte: ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko durch bestimmte COX-2-Hemmer. Die sieben untersuchten Medikamente haben unterschiedlich hohe Risiken, aber risikolos ist keines. Nehmen wir eine pauschale Verdreifachung des Risikos gegenüber Placebo an, und zwar nicht etwa von 10 auf 30 Prozent, sondern von 0,5 auf 1,5 Prozent, wie sich aus den gelisteten Todesfällen grob errechnen lässt. Was folgt daraus für meinen Freund Walter? Soll man ihm bei chronischen Schmerzen jetzt nur noch Paracetamol verordnen? Was ihm nicht schadet, aber auch nicht hilft? Oder Naproxen, das in der Auswertung am besten abschnitt, aber die Magenschleimhaut stärker angreift, so dass ein Zusatzmedikament benötigt wird? Oder soll es Walter fortan mit Homöopathie versuchen, mit Meditation, mit Akupunktur, mit Morphium? Oder sich dem Suff ergeben, weil er es vor Schmerzen nicht mehr aushält?

Stell dir 300 Menschen vor, könnte ich Walter sagen, und du bist einer von ihnen. Alle haben Herzprobleme, irgendeine Gefäßerkrankung und leiden wegen Gelenkverschleiß unter chronischen Schmerzen. Euer Risiko, in der nächsten Zeit an einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu sterben, verdreifacht sich durch das Schmerzmittel: Statt einem von 300 müssen drei sterben. Aber denke daran, dass die Vermeidung des Risikos auch riskant ist.

Rückt man Walters Risiko mit konkreten Zahlen näher, schrumpft es zusammen wie der Scheinriese Herr Tur Tur aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Es verschwindet nicht, aber man kann es besser einschätzen und sich vernünftig entscheiden. Walter hat schon ganz anderen Risiken ins Auge gesehen.

Viele Menschen meinen, in der modernen Gesellschaft würden die Risiken ständig wachsen; mein Kollege Ulrich Beck hat dafür den Begriff der Risikogesellschaft geprägt. Dazu passt aber nicht so recht, dass unsere Lebenserwartung jährlich um etwa drei Monate steigt. Eher leben wir in einer Risikovermeidungsgesellschaft, und das ist gut so. Dazu gehört aber, Risiken richtig zu beurteilen und auch die seriösesten Zahlen mit Vorsicht zu genießen.


Gerhard Schulze


Gerhard Schulze, geb. 1944, ist Professor für Soziologie an der Universität Bamberg. Seine Arbeiten untersuchen den kulturellen Wandel der Gegenwart. Im Februar 2011 erschien sein aktuelles Buch "Krisen. Das Alarmdilemma" im Fischer Verlag.



DAZ 2011, Nr. 16, S. 23

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