Klinische Pharmazie

Trainingsapotheke und Virtuelles Praktikum

Praxisbezogene Ausbildung an der Universität Mainz

Von Marion Eberlin und Irene Krämer

Die Pharmaziestudierenden der Universität Mainz erwerben seit dem Wintersemester 2010/11 verstärkt Kenntnisse in der patientenorientierten Pharmazie. In einer Trainingsapotheke lernen sie, mithilfe von Computern, aktueller Apothekensoftware und elektronischen Datenbanken die wesentlichen Informationen zu Fertigarzneimitteln abzurufen. Zudem nehmen sie an einem Kommunikationstraining teil und üben in Rollenspielen, ihre Patienten über die korrekte Arzneimittelanwendung zu beraten (Tab. 1).
Tab. 1: Inhalte und Ziele der Lehreinheiten Trainingsapotheke und Virtuelles Praktikum
Lehreinheit
Inhalte und Ziele

Trainingsapotheke

Training der Arzneimittelabgabe und Patientenberatung in realitätsnaher Umgebung; Steigerung der Kommunikations- und fachlichen Kompetenz der Studierenden zur Information und Beratung sowie zur Schulung des Patienten bei erklärungsbedürftigen Arzneimitteln; Übung der fachgerechten Informationsweiterleitung an Patienten, Ärzte und sonstige Heilberufler; Umgang mit Datenbanken zur Recherche nach unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Interaktionen

Virtuelles Praktikum

Bearbeitung einer Projektarbeit, aufbauend auf Erfahrungen in der Trainingsapotheke, Hochladen der Ergebnisse auf die Website der Klinischen Pharmazie in Mainz (geschlossener Bereich)

Fotos: Eberlin
Zwischen Sichtwahl und Monitor Hier können die Pharmaziestudierenden üben, wie sie ihre Patienten kompetent beraten.

Auch an anderen Universitäten werden Trainingsapotheken erfolgreich in der Lehre eingesetzt, z. B. an der Universität Münster oder an der Robert Gordon University in Aberdeen.

In Mainz sind die neuen Unterrichtseinheiten Pflichtveranstaltungen, die die Studierenden im sechsten Fachsemester absolvieren. Dabei verbringt jeder Studierende 36 Stunden pro Semester in der Trainingsapotheke.

Die Trainingsapotheke führt natürlich keine echten Arzneimittel, aber den Studierenden stehen hier Muster und Umverpackungen von Fertigpräparaten zur Verfügung, damit sie bereits vor dem Eintritt in das Berufsleben lernen, welche Präparate besonders erklärungsbedürftig sind und welche Hinweise sie bei ihrer Abgabe geben müssen. Dabei hängt es auch immer von der jeweiligen Situation ab, was der Apotheker dem Patienten auf welche Weise vermitteln muss.

Beratungsgespräche

In der Trainingsapotheke wird großer Wert auf das Erlernen von selbstbewusstem, verbindlichem und bestimmtem Auftreten gelegt. Gleichzeitig wird Verständnis für den Patienten und Empathie geübt.

Die Studierenden simulieren Beratungsgespräche mit Patienten sowohl bei ärztlich verordneten Arzneimitteln als auch in der Selbstmedikation. Hierbei müssen sie z. B. auf folgende Fragen der Patienten antworten können:

  • Welche Selbstmedikation ist bei meinem Durchfall indiziert?

  • Wie wende ich mein Arzneimittel an?

  • Welche unerwünschten Wirkungen können mich erwarten?

Auch auf Diskussionen mit Ärzten bereiten die Studierenden sich vor, indem sie sich mit typischen Fragen auseinandersetzen wie:

  • Warum sind die Arzneimittel nicht austauschbar?

  • Welche Dosierung ist bei Kindern angemessen?

Die Studierenden lernen zudem, Verordnungen kritisch zu prüfen und z. B. potenzielle Interaktionen mit Unterstützung der Apothekensoftware zu erkennen.

Bei den Übungen nehmen komplizierte Applikationssysteme wie Insulinpens, Inhaler, subkutane Injektionen und transdermale Pflaster großen Raum ein.


Unterrichtseinheiten in der Trainingsapotheke

Selbstmedikation 1

BAK-Leitlinien und Arbeitshilfen zur Selbstmedikation, Erstverordnung,
Wiederholungsverordnung, SOAP-Schema, verbale und nonverbale
Kommunikation, W-Fragen, Patient mit Eigendiagnose, Symptomerfassung, Auswahl eines Arzneimittels, Information und Beratung des Patienten zur richtigen Anwendung der Darreichungsform, z. B. Magen-Darm-Erkrankungen, Erkältungskrankheiten, Arzneimitteltherapie in der Schwangerschaft und Stillzeit

Selbstmedikation 2

BAK-Leitlinien und Arbeitshilfen zur Pharmazeutischen Betreuung,
Mikro- und Makrointerventionen, Dokumentation, PI-Doc-System,
Nutzen der Pharmazeutischen Betreuung, Patientenfälle, z. B. Allergie,
Auge, Kopfschmerzen

Diabetes mellitus und Insulinanwendung

Diabetes mellitus, Folgeerkrankungen, Therapieziele, Patientenberatung
zur Blutzuckermessung, Blutzuckermessgeräte, Entnahmehilfen
für Kapillarblut, Stufenplan der medikamentösen Therapie bei Typ-2-
Diabetes, Insulinpens verschiedener Hersteller mit verschiedenen
galenischen Zubereitungen, Lebensweise und Insulinbedarf, Hypo- und Hyperglykämien, Injektionsmanagement, Ernährung, diabetesbedingt Komplikationen, Diabetischer Fuß, Gastroparese, Polyneuropathie usw.

Asthma bronchiale/COPD

Asthmaschweregrade, Messung der Atemstromstärke, Peak-Flowmeter,
Ampelschema, Arzneimittel zur inhalativen Anwendung Pulverinhalatoren, Dosieraerosole, Vernebler, korrekte Anwendung inhalativer Arzneimittel, theophyllin-, corticoidhaltige Arzneimittel
zur oralen Anwendung, atemerleichternde Stellungen, Leitlinien

Hyperkoagulation/Thrombose

Primär- und Sekundärhämostase, Fibrinolyse, Virchow-Trias, Risikofaktoren,
Thromboseprophylaxe, Folgeerkrankungen, Heparine, subkutane
Injektion von niedermolekularen Heparinen, orale Antikoagulanzien, INR-Wert, Koagulometer, Entnahmehilfen für Kapillarblut, interaktive Marcumarberatung

Arzneimittelinteraktionen/Hypertonie

Pharmakokinetische und pharmakodynamische Arzneimittelinteraktionen,
Folgen von Interaktionen, CAVE-Modul der ABDADatenbank, Anwendung der Apothekensoftware, Patientenfälle und
Gruppenübungen, Hypertonie, Blutdruckbereiche, Folgeerkrankungen,
nichtmedikamentöse Maßnahmen, Blutdruckmessung (vollautomatisch an Oberarm und Handgelenk,
Messung nach Riva-Rocci)

Enterale Ernährung

Enterale Ernährung, Mangelernährung, Ernährungswege, Sondenlagen,
transnasale Sonden, PEG-Sonden, Sondennahrungen, Pumpen,
Komplikationen bei enteraler Ernährung, Flüssigkeitsbilanzierung,
Praxis der Arzneimittelgabe über Sonde, Sondenverstopfung,
geeignete und problematische Arzneistoffe

Kinderarzneiformen und TTS

Zulassungsproblematik, Besonderheiten bei Kindern, Selbstmedikation
bei Kindern, geeignete und problematische Arzneiformen, Dosierhilfen, Trockensäfte richtig anwenden, Transdermale
therapeutische Systeme, Beispiele von Indikationen, Vor- und Nachteile, Matrix- und Membranpflaster, Anwendungshinweise und
Beratung

Compliance

Ursachen und Folgen von Non-Compliance, Strategien zur Förderung
der Compliance, Rituale, Compliancemessung, direkte und indirekte
Methoden, MEMS (Medication Event Monitoring System),
Medikationsprofile

Förderung der Compliance

Eine wirksame und sichere Arzneimitteltherapie scheitert oft an mangelnder Compliance der Patienten, d. h. dass die Patienten die Medikamente nicht ordnungsgemäß einnehmen. Solche Patienten schaden nicht nur ihrer Gesundheit, sondern belasten auch das Gesundheitssystem finanziell. Die Studierenden werden für dieses Thema sensibilisiert und wenden in simulierten Beratungsgesprächen compliancefördernde Strategien an.

Rollenspiele und interaktives Lernen

Um den Lerneffekt zu optimieren, wird der frontale Vorlesungsstil durch interaktive Lehr-Lern-Methoden und Fall- oder Problem-orientiertes Lernen ersetzt. Die Studierenden lernen in Rollenspielen typische Patientenfälle kennen und üben die Kommunikation mit den jeweiligen Patienten.

Qualität der Lehre

Die Inhalte der neuen Lehrveranstaltung sind transparent (s. Tab. 2). Dies ist eine wichtige Voraussetzung, um die Qualität der Lehre zu prüfen und das subjektive Lernempfinden der Studierenden zu verbessern. Die Lehrveranstaltung wurde mittels des im Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung der Universität Mainz etablierten Fragebogens "Seminare" mit einer Durchschnittsnote von 1,9 bewertet, was ein sehr guter Wert ist.

Die Fachliteratur ist trotz elektronischer Datenbanken noch unverzichtbar. Auch hier will die Recherche geübt sein.

Virtuelles Praktikum

Im Rahmen des sogenannten Virtuellen Praktikums bekommen die Studierenden die Aufgabe, während des aktuellen Semesters eine Projektarbeit anzufertigen. Die Projektarbeit baut auf den aus der Trainingsapotheke gewonnenen Erfahrungen auf. Das Anwenden von komplizierten Applikationssystemen wird mittels Fotografie festgehalten und die jeweiligen Rollenspiele teilweise auf Video aufgenommen. Diese Videoaufnahmen geben den Studierenden Aufschluss über ihre Körpersprache und Intonation im Beratungsgespräch. Die Ausarbeitung erfolgt in kleinen Gruppen von sechs bis acht Personen.

Dokumentation

Nach der Bewertung der erbrachten Leistung werden die Inhalte der angefertigten Arbeiten auf die Homepage der Klinischen Pharmazie in Mainz gestellt. Der Zugang ist nur nach Eingabe eines Passworts möglich, das den Studierenden bekannt gegeben wird. So können sich auch jüngere Semester eine Vorstellung von dieser Lehrveranstaltung machen.

Dank an die Sponsoren


Im Namen der Universität Mainz bedanken wir uns an dieser Stelle bei folgenden Sponsoren ganz herzlich für die außerordentliche Unterstützung in Form von großzügigen Sachspenden, die der Lehre Klinische Pharmazie und damit den Pharmaziestudierenden in den kommenden Semestern zugute kommen.


Apothekeneinrichtung:

Oskar Heinze jun. GmbH, Mellenbach/Thüringen


Apothekenhard- und software:

Pharmatechnik GmbH & Co. KG, Mainz


Literatur:

Govi-Verlag Pharmazeutischer Verlag GmbH, Eschborn

Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart


Faltschachteln und Informationsmaterial:

Vivesco Apotheken-Partner GmbH, Frankfurt am Main

Andreae-Noris Zahn AG (Anzag), Ludwigshafen

Spirig Pharma AG, Egerkingen/Schweiz

Merck KGaA, Darmstadt

Bayer AG, Leverkusen

Dr. Kade Pharmazeutische Fabrik GmbH, Berlin

MCM Klosterfrau Vertriebsgesellschaft mbH, Köln


Autorinnen

Dr. Marion Eberlin und Prof. Dr. Irene Krämer, Universitätsmedizin, Klinikapotheke, Langenbeckstr. 1, 55131 Mainz, eberlinm@uni-mainz.de, kraemer@apotheke.klinik.uni-mainz.de



DAZ 2011, Nr. 16, S. 56

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