Arzneimittel und Therapie

Umstrittene Studie zu Pankreatitis und Krebsrisiko

Eine Analyse von Daten des FDA-Nebenwirkungsregisters hatte den Verdacht erhärtet, dass eine Therapie des Typ-2-Diabetes mit den auch als Inkretinmimetika bezeichneten GLP-1-Analoga (z. B. Exenatid) sowie den DPP-4-Inhibitoren (z. B. Sitagliptin) nicht nur das Pankreatitis-Risiko erhöhen kann, sondern auch das Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs und weitere Krebsarten. Doch die Studie ist höchst umstritten.

Pankreatitis-, Pankreas- und Schilddrüsenkarzinom-Verdachtsfälle unter einer Inkretinmimetika- und Gliptintherapie hatten Elashoff et al. dazu veranlasst, die Nebenwirkungen von Exenatid (Byetta®) und Sitagliptin (Januvia®, Xelevia®) mit denen von Rosiglitazon (Avandia®), Nateglinid (Starlix®), Repaglinid (Novonorm®) und Glipizid mithilfe der Daten des FDA-Nebenwirkungsregisters zu vergleichen. Bei der Analyse der in der Zeit zwischen 2004 und 2009 erfassten Meldungen stellten sie für Exenatid und Sitagliptin ein sechsfach erhöhtes Pankreatitisrisiko fest, ebenso gab es Hinweise für ein erhöhtes Risiko für Pankreaskarzinome und andere Krebsarten wie Schilddrüsenkarzinome. Das Ergebnis war am 21. Februar 2011 in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Gastroenterology veröffentlicht worden.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hatte zunächst mit Vorsicht auf diese Publikation reagiert und auf Limitationen des Studiendesigns hingewiesen. Trotzdem hatte sie die Befunde sehr ernst genommen und empfohlen, bis zur Vorlage von Daten aus kontrollierten Interventionsstudien Neueinstellungen von Typ-2-Diabetikern mit den GLP-1-Analoga Exenatid und Liraglutid sowie mit den DPP-4-Inhibitoren Sitagliptin, Saxagliptin und Vildagliptin leitliniengerecht nur bei Patienten vorzunehmen, bei denen das Therapieziel nicht oder nachweislich nur mit anderen schweren Nachteilen erreicht werden kann.

Inzwischen liegen der DDG weitergehende Informationen vor, die ihre Bedenken hinsichtlich der Aussagekraft der Studie verstärken. Die Firma NovoNordisk soll anhand der gleichen Daten aus dem FDA-Nebenwirkungsregister völlig andere Zahlen ermittelt haben. So soll Elashoff 17 Fälle von Pankreatitis in der Kontrollgruppe in der Zeit bis 2007 ausgemacht haben, NovoNordisk hingegen 79 Fälle. Der Editor der Zeitschrift Gastroenterology soll vor diesem Hintergrund aufgefordert worden sein, die Elashoff-Arbeit zurückzuziehen.

DDG: "Ungewöhnliche Kontroverse"

Die DDG will bis zur Klärung "dieser ungewöhnlichen Kontroverse" zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Empfehlung zu einer Änderung des bisherigen Verordnungsverhaltens für DPP-4-Inhibitoren und GLP-1-Analoga geben. Sie verweist in einer neuen Stellungnahme darauf, dass andere Studien zur Inkretinmimetika- und Gliptin-basierten Therapie vorliegen würden, die keine Hinweise auf die diskutierten Risiken ergeben hätten.

Über Pankreatitis-Symptome aufklären

In den deutschen Fachinformationen der GLP1-Analoga findet sich schon der Hinweis, dass unter der Therapie in seltenen Fällen eine akute Pankreatitis auftreten kann. Daher sollten Patienten über die charakteristischen Symptome einer akuten Pankreatitis (andauernde, schwere abdominale Schmerzen) informiert werden. Auf ein möglicherweise erhöhtes Pankreatitis-Risiko unter Sitagliptin hatte die FDA im September 2009 hingewiesen, der Hersteller hatte jedoch einen kausalen Zusammenhang ausgeschlossen. Einigkeit besteht, dass Diabetiker generell ein erhöhtes Pankreatitis-Risiko haben. Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko finden sich weder in den Fachinformationen der GLP-1-Analoga noch der der Gliptine.


Quelle

Elashoff M et al.: Increased Incidence of Pancratitis and Cancer Among Patients Given GLucagon Like Peptide-1 Based Therapy- Gastroenterology. Online-Publikation 21. Februar 2011.

DDG-Stellungnahme vom 4. März 2011.

DDG-Stellungnahme vom 7. März 2011.


du



DAZ 2011, Nr. 11, S. 38

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