Rezepturen

Die richtige Menge Fett für die Haut

Ein Beispiel aus dem Apothekenalltag - Folge 8

Von Gerd Wolf

Die Auswahl eines geeigneten Vehikelsystems ist ein Kernproblem bei der Verordnung halbfester Rezepturen zur Anwendung auf der Haut. Auch innerhalb der Grundlagentypen sind Variationen möglich. Insbesondere kann der Anteil der Wasser- und der Fettphase verändert werden. Doch nicht alles, was technologisch machbar ist, erweist sich als sinnvoll für jede Anwendung. Solche Rezepturen können daher nur mit dem Blick auf die Indikation bewertet werden.

Die grundsätzliche Vorgehensweise wird anhand eines Beispiels aus dem Apothekenalltag vorgestellt. Die folgende Rezeptur oder vergleichbare Zubereitungen werden von einigen Ärzten häufig verordnet:

Beispielrezeptur

Rp.
Olivenöl 6,0 g
Wasserhaltige hydrophile
Salbe DAB 10
ad 200,0 g
M.D.S.: 1 bis 2 mal täglich dünn auftragen

Die Wasserhaltige hydrophile Salbe DAB 10 (Ungt. emulsific. aquos.) stellt gemäß der Definition der Ph. Eur. eine hydrophile Creme bzw. eine O/W-Creme dar. Sie enthält 21 Prozent Fett und 70 Prozent Wasser (siehe in Tabelle 02 unter DAZ.plus/Dokumente). Bei dieser Darstellung des Wasser- und Fettanteils werden nicht nur Fette im chemischen Sinne, also Triglyceride, sondern alle Hilfsstoffe mit fettenden Eigenschaften, z. B. auch flüssige Wachse oder fettende Alkohole, zur Fettphase gezählt.

Indiziert ist eine solche hydrophile Creme bei akuten Hauterkrankungen und bei normaler, fetter oder feuchter Haut. Hydrophile Cremes wirken kühlend und austrocknend. Die Strömungsrichtung der Hautfeuchtigkeit ist nach außen gerichtet, wie es der pharmazeutische Technologe Professor Thoma anschaulich formulierte. Dieser Effekt ist bei stark entzündeten und nässenden Hautstellen erwünscht. Weniger erwünscht sind dagegen die auslaugenden Eigenschaften, die nach längerer regelmäßiger Anwendung zu einer trockenen, eventuell schuppenden Haut führen können. Daher erscheinen hydrophile Cremes bzw. O/W-Cremes zur langfristigen Versorgung trockener Haut ungeeignet.


DAZ.online


Ausführliche Tabellen als Hilfsmittel für das Erkennen und Lösen von Rezepturproblemen finden Sie auf DAZ.online unter DAZ.plus/Dokumente.

Grundsätzliche Hinweise zum Umgang mit den Tabellen und ein weiteres Rezepturbeispiel finden Sie in der DAZ 2010; Nr. 30, S. 38 – 45, Ergänzungen dazu ebenfalls bei DAZ.online.

Problem bei trockener Haut

Wohlrab hat hydrophile Cremes mit Macrogol-haltigen Emulgatoren mit solchen vom Zuckertensidtyp und mit sogenannten DMS® -Cremes in ihren Penetrationseigenschaften auf der Haut verglichen [1]. Dabei wurde jeweils die lipophile Phase eingefärbt. Die Hautquerschnitte, auf die O/W-Cremes aufgetragen worden waren, zeigten deutlich, dass die O/W-Emulgatoren die jeweiligen Fette durch das Stratum corneum bis in die Epidermis geschleust hatten. Bei einer anschließenden Wässerung der so behandelten Hautstücke, wurden die Fette inklusive der eventuell noch vorhandenen restlichen körpereigenen Anteile wieder quantitativ an die Oberfläche der Haut zurück transportiert. Im Patientenalltag ist dies bei jedem Waschvorgang an der Applikationsstelle zu erwarten. Dabei nimmt der Emulgator auch die Natural-Moisturizing-Faktoren (NMF) mit, die die Haut vor Austrocknung schützen sollen. Daher ist eine langfristige Fettung insbesondere trockener Haut mit O/W-Cremes nicht möglich.

Problem-Lösung durch Auffettung?

Dieses Problem veranlasst Verordner vielfach zu dem Versuch eine O/W-Creme "aufzufetten". Bereits in Folge 2 (DAZ 2010: 150 (34) S. 3814 – 3816)dieser Serie wurde über einige ungünstige Aspekte solcher Rezepturen berichtet. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Problems werden die Ansätze für eine solche "Auffettung" hier ausführlicher betrachtet. Im Fall der oben genannten Beispielrezeptur wird zu der wasserreichen und fettarmen hydrophilen Creme Olivenöl als weitere fette Komponente hinzugefügt. Alternativ dazu verwenden andere Verordner Mandelöl, dickflüssiges Paraffin, oder weiße Vaseline oder auch – wie in den neuen Bundesländern verbreitet – Wasserhaltige Wollwachsalkoholsalbe. Dadurch wird eine stärkere Fettung erwartet. Diese lässt sich jedoch wegen des oben geschilderten, von Wohlrab im Experiment beschriebenen Effektes in der Realität nicht bestätigen. Demnach ist ein einfaches "Auffetten" im Sinne einer Vergrößerung des Fettanteils ohne weitere Veränderungen am Vehikelsystem nicht zielführend.

Eine Übersicht über alternative Grundlagen mit vergleichbaren Fett- und Wasseranteilen bietet die Tabelle 02 unter DAZ.online DAZ.plus/Dokumente. Durch den Zusatz von 3 Prozent Olivenöl zur wasserhaltigen hydrophilen Salbe steigt der Fettgehalt in der Rezeptur nur von 20,37 auf 23,37 Prozent. Wenn eine etwas fettere, aber weiterhin hydrophile Creme gewünscht ist, bietet sich in diesem Bereich die Nichtionische hydrophile Creme DAB mit 25 Prozent Fettgehalt und 50 Prozent Wassergehalt an.


Problemfall Retaxation


Die ursprünglich verordnete Rezeptur kann jedoch noch in ganz anderer Hinsicht zu Problemen führen, nämlich durch Retaxationen von Krankenversicherungen. Offenbar untersuchen die von etlichen Krankenkassen beauftragten Prüfstellen zunehmend auch Rezeptur-Verordnungen. Dabei wurde die hier vorgestellte Rezeptur mit der Begründung retaxiert, sie enthalte nicht apothekenpflichtige Inhaltsstoffe und sei deshalb nicht erstattungsfähig. Die betroffene Apotheke hatte die Rezeptur auf Verordnung einer dermatologischen Gemeinschaftspraxis (Hautärzte, Allergologen, Naturheilpraxis) in sehr vielen Fällen auf Kassenrezept für Kinder unter 12 Jahren abgegeben. Gegen die Argumentation der Krankenkasse wäre allerdings anzumerken, dass eine solche Individualrezeptur unabhängig vom arzneimittelrechtlichen Status einzelner Bestandteile nur in Apotheken hergestellt werden kann und darf.

Grenzen der Stabilität

Neben den möglicherweise enttäuschenden therapeutischen Ergebnissen stößt die "Auffettung" auch an galenische Stabilitätsgrenzen. Gemäß eigenen Untersuchungen entsteht bei einer Einarbeitung von 10 Prozent Vaseline in die Wasserhaltige hydrophile Salbe DAB eine homogene Mischung, die ihr Aussehen über Wochen nicht verändert. Bei Erhöhung des Vaselineanteils auf 20 Prozent brach die Emulsion jedoch, nachdem sie drei bis vier Tagen in Ruhe stand.

Die Fähigkeit von hydrophilen Cremes bzw. O/W-Cremes, zusätzliche Fette oder Öle aufzunehmen, hängt auch von der Einsatzkonzentration der jeweiligen O/W-Emulgatoren ab.

Beispielsweise enthalten die aus den ehemaligen SR-Vorschriften stammenden O/W-Cremes "Anionische hydrophile Creme SR DAC (NRF S. 27.)" und "Nichtionische hydrophile Creme SR DAC (NRF S. 26.)" O/W-Emulgatoren in einer Konzentration von 21 Prozent, die Wasserhaltige hydrophile Salbe DAB enthält dagegen nur 9 Prozent des Komplexemulgators "Emulgierender Cetylstearylalkohol Ph. Eur.". Daher lassen sich in die neu in das NRF aufgenommenen O/W-Creme-Grundlagen weit größere Mengen an Fetten oder Ölen einarbeiten als in die entsprechende DAB-Ausführung.

Andere fettere O/W-Grundlagen

Anregungen für die Wahl einer etwas fetteren O/W-Creme-Grundlage können neben den Arzneibüchern auch die Zusammensetzungen von Körperpflegecremes bieten, die ebenfalls in Rezepturen von Dermatologen verordnet werden. Eine Übersicht über mögliche Grundlagen vermittelt die Tabelle "Fett- und Wasseranteile in O/W-Cremes des DAB, DAC, NRF u. a.". Für die Grundlagen von Körperpflegeprodukten werden die gemäß Arzneimittelrecht geforderten Analysenzertifikate nicht in allen Fällen von den Herstellern automatisch zur Verfügung gestellt, diese können jedoch auf besondere Nachfrage oft nachgeliefert werden.

Alternative: Lipophile Cremes

Es gilt als unbestritten, dass lipophile Cremes bzw. W/O-Cremes das Wasser im Stratum corneum wesentlich besser als hydrophile Cremes bzw. O/W-Cremes halten können. Lipophile Cremes bzw. W/O-Cremes besitzen eine hydrophile, innere Phase und eine lipophile, äußere Phase. Sie erzeugen auf der Haut eine partielle oder mäßige Okklusion. Im Sinne von Thoma ist die Strömungsrichtung der Hautfeuchtigkeit nach innen gerichtet. Daher eignen sich lipophile Cremes insbesondere zur Versorgung einer trockenen bis sehr trockenen, schuppigen Haut.

Ambiphile Creme als Maßanzug

Wenn eine lipophile Creme zu fett erscheint – etwa bei einer nur leicht trockenen Haut, bieten sich als Kompromiss ambiphile oder amphiphile Cremes wie die Basiscreme DAC an, die bereits in früheren Folgen dieser Serie zur Lösung ähnlicher Rezepturprobleme empfohlen wurde (siehe Folge 2, Folge 3 und Folge 6). Dieser Vehikeltyp steht zwischen den beiden Grundlagensystemen O/W und W/O. So besitzt die Basiscreme DAC keine innere, disperse Phase und keine homogene Außenphase, sie ist auch nicht mit hydrophilen oder lipophilen Cremes vergleichbar. Auch hinsichtlich des Fettgehaltes von 33 Prozent liegt sie zwischen beiden Vehikeltypen. Mit einem Wassergehalt von 40 Prozent besteht ein fast ausgeglichenes Verhältnis von lipophilen zu hydrophilen Anteilen.

Bei Zugabe von Wasser zur Basiscreme DAC entsteht in allmählichen Übergängen eine hydrophile Creme bzw. eine O/W-Creme, bei Zufuhr von bis zu 80 Prozent Wasser eine hydrophile Lotion bzw. O/W-Lotion. Fügt man dagegen Fette bzw. Öle (maximal bis zu 20 Prozent) hinzu, entsteht ebenfalls in allmählichen Übergängen eine lipophile Creme bzw. W/O-Creme. Dabei lassen sich kleine Mengen Fette oder Öle in der Kälte einarbeiten. Größere Mengen erfordern einen höheren Energieeintrag. Dazu muss die Mischung auf dem Wasserbad aufgeschmolzen und anschließend kalt gerührt werden. Nach Erreichen der Raumtemperatur wird das verdunstete Wasser ergänzt. Durch diese vielen Veränderungsmöglichkeiten kann mit der Basiscreme DAC jeweils ein passender "Maßanzug" für die Haut mit ihrem jeweiligen Fett- und Feuchtigkeitsbedarf geschaffen werden.

Anregungen zur Optimierung

Bei der Optimierung der ursprünglichen Rezeptur sind die Stabilität und die Anwendbarkeit getrennt zu betrachten. Die Rezeptur ist stabil herstellbar. Doch erscheint es wenig zweckmäßig, eine aufgefettete O/W-Creme auf trockener Haut einzusetzen. Daher wäre mit dem Verordner zu diskutieren, ob für solche Patienten eine ambiphile Creme wie die Basiscreme DAC oder sogar eine lipophile Creme bzw. W/O-Creme mit geringem Fettgehalt geeigneter ist.

Da die betrachtete Rezeptur regelmäßig Kindern verordnet wird, sollte auch darüber nachgedacht werden, ob eine Alternative mit noch weniger Noxen angebracht ist [2]. Dazu bieten sich beispielsweise mildere O/W-Emulgatoren wie z. B. Zuckertensidemulgatoren (siehe auch Folge 4 dieser Serie in DAZ 2010; 150 (42) S. 4760 – 4764) oder neue Vehikelsysteme wie z. B. DMS® -Systeme als Grundlagen an. Für deren regelmäßigen Einsatz wäre es notwendig, solche Monographien in den DAC oder das NRF einzubringen und die pharmazeutische Qualität im Sinne des § 11 ApBetrO nachzuweisen.


Literatur

[1] Wohlrab, J., Klapperstück, T., Reinhardt, H.-W., Albrecht, M., Interaction of Epicutaneously Applied Lipids with Stratum Corneum Depends on the Presence of either Emulsifiers or Hydrogenated Phosphatidylcholine, Skin Pharmacol Physiol (2010); 23: 298 – 305

[2] Wolf, G., Höger, H. P., Dermatologische Basistherapie mit hypoallergenen und noxenfreien Externa im Kindesalter, JDDG 1 (2009), 50 – 60


Autor
Dr. rer. nat. Gerd Wolf
Fachapotheker für Offizinpharmazie
Robert-Koch-Apotheke
Fauviller Ring 1, 53501 Grafschaft-Ringen

Rezepturprobleme erkennen und lösen


In der DAZ 30/2010 hatte Dr. Gerd Wolf ein praxisorientiertes Konzept zum Erkennen und Lösen von Rezepturproblemen vorgestellt und die Anwendung an einem Beispiel erläutert. Die Vorgehensweise wird in weiteren Beiträgen vertieft. Bislang sind erschienen:



DAZ 2011, Nr. 10, S. 48