Gesundheitspolitik

Die Offline-Gesundheitskarte kommt

Offizieller Rollout gestartet

Berlin (ks). Knapp acht Jahre nach dem ursprünglich geplanten Start ist am 1. Oktober der offizielle Startschuss für die elektronische Gesundheitskarte (eGK) gefallen. Zehn Prozent ihrer Versicherten müssen die gesetzlichen Krankenkassen bis zum Jahresende mit der neuen Karte ausgestattet haben – sonst müssen sie ihre Verwaltungskosten stutzen. Beim GKV-Spitzenverband ist man zuversichtlich, dass die Zielmarke von insgesamt rund 6,9 Millionen Versicherten erreicht wird. Einige schnelle Kassen haben bereits im September mit der Ausgabe der Karte begonnen, bis zum Jahresende werden viele nachziehen.

Von den 153 gesetzlichen Krankenkassen hätten bereits 130 ihre eGK im notwendigen Zulassungsverfahren bei der Gematik, sagte Rainer Höfer, Abteilungsleiter IT-Systemfragen beim GKV-Spitzenverband, am 28. September beim "Presseseminar Gesundheitskarte" in Berlin. Das Wörtchen "elektronisch" hatten die Veranstalter gar nicht in den Titel aufgenommen. Angesichts der Tatsache, dass die Karte in der Anwendung keine Zusätze – schon gar keine elektronischen – bietet, ist die Bezeichnung als "neue Gesundheitskarte" wohl angemessener. Neu ist, dass die Karte mit einem Foto des Versicherten ausgestattet ist. Dies soll einen Missbrauch verhindern. Zudem verbirgt sich in der Karte ein winziger Mikroprozessorchip – dieser macht sie zu einem "Minicomputer" und damit zu einem Gerät, das einer besonderen Zulassung bedarf. Diese erteilt die Gematik zum einen den Herstellern der Karten und der Lesegeräte. Zum anderen müssen sich die einzelnen Kassen eine Zulassung für die "Validierung der Personalisierungsdaten" holen – hier prüft die Gematik die Funktionsfähigkeit und die Interoperabilität der Karten. Von den bislang 130 Anträgen der Kassen hatten letzte Woche erst 14 das Zulassungsverfahren durchlaufen und bestanden. 60 weitere Karten befinden sich laut Gematik-Geschäftsführer Peter Bonerz allerdings gerade im Test. Er erwartete daher für die letzten Tage des Septembers noch eine erhebliche Steigerung der Zulassungen. In der Regel passierten die Karten das Verfahren problemlos, wenn nicht, gebe es Gelegenheit, nachzubessern.

Arztpraxen rüsten sich

Auch die Arztpraxen bereiten sich vor. Die nötigen Lesegeräte sind zu weiten Teilen schon installiert, jedenfalls aber bestellt. Da der begehrteste Anbieter Lieferschwierigkeiten hat, kamen Ärzte und Kassen überein, dass sich Ärzte, die bis Ende September ihr Gerät bestellt haben, auf jeden Fall die Finanzierung durch die GKV sichern. Wer ein stationäres und ein mobiles Lesegerät ordert und diese installieren lässt, bekommt hierfür 850 Euro aus Versichertengeldern. Bis zum Jahresende sollten mehr als 90 Prozent der Arztpraxen mit den Geräten ausgestattet sein, meint Wilhelm Wilharm von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen/KV Telematik ARGE. Mehr Bürokratie müssen die Ärzte durch die neue Karte noch nicht fürchten. Bislang enthält sie lediglich die Versichertenstammdaten und läuft dabei nur im Offline-Modus. Somit funktioniert das Einlesen der Daten nicht anders als bei der bisherigen Krankenversichertenkarte.

Auch für die Versicherten wird sich durch die neue Karte erst einmal nichts ändern – vom Foto abgesehen. Angesichts der unveränderten Funktionen kommt die Frage auf, warum die Gematik-Beteiligten die neue Gesundheitskarte vergangene Woche wie einen Durchbruch feierten. Bonerz erklärt: "Die neue Karte ist Voraussetzung überhaupt online gehen zu können." Wenn man tatsächlich soweit ist, die Zusatzfunktionen zu aktivieren, will man sich nicht erst noch mit dem Verteilen der Karte und der Installation der Lesegeräte befassen. Es sei eben "mehr als eine Woche nötig, um den Versicherten die Karte an die Hand zu geben", so Bonerz. Auch die Chefin des GKV-Spitzenverbandes will sich die abgespeckte eGK nicht schlechtreden lassen: Sie sei "lernfähig und intelligent", daher sei auch ihre "beschränkte Anwendung unproblematisch". Bedenken, die Ausstattung der Karte könnte bereits veraltet sein, wenn die Anwendungen einsatzbereit sind, wiesen die Beteiligten ebenfalls zurück. Die Geräte seien updatefähig und werden kein Auslaufmodell sein, wenn der Online-Betrieb starte, unterstrich Wilharm. KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller gab sich überzeugt: "Erst die Online-Anbindung wird die wahren Werte der Karte für die Versicherten offenlegen".

Und so heißt es einmal wieder abwarten. Müller geht davon aus, dass 2015/16 die ersten weiteren Funktionen starten können. Allerdings gilt auch hier das altbekannte Motto der eGK: Sicherheit geht vor Schnelligkeit. Konkret befinden sich derzeit neben dem allgemeinen Aufbau der Basis-Telematikinfrastruktur vier Projekte in der Entwicklung, um die sich jeweils einer der Gesellschafter schwerpunktmäßig kümmert: das Management der Versichertenstammdaten, die künftig online aktualisiert werden können (GKV-Spitzenverband), das Notfalldatenmanagement (Bundesärztekammer), die Digitalisierung der Kommunikation zwischen den Leistungserbringern (KBV) sowie die Migration von Gesundheitsdatendiensten in die Telematikinfrastruktur am Beispiel der elektronischen Fallakte (Deutsche Krankenhausgesellschaft). Müller hält es für wünschenswert, wenn diese Anwendungen zeitnah miteinander starten könnten – ihm liegt viel daran, dass die Projekte gemeinsam wachsen.

Vom eRezept ist die eGK noch weit entfernt

Apotheken betreffende weitere Anwendungen sind noch Zukunftsmusik. Insbesondere das eRezept und eine Arzneimittelsicherheitsprüfung, aber auch Projekte wie die elektronische Patientenakte werden vermutlich noch einige weitere Jahre auf sich warten lassen. Was das eRezept betrifft, gebe es noch keinerlei Zeitleiste, sagte Müller. "Es wird kommen – aber wann ist nicht absehbar." Es ließen sich zwar ganze Wälder retten, wenn man vom Papierrezept wegkomme – doch erste Versuche zeigten, dass das eRezept in der Praxis zu schwierig und zeitintensiv, mithin noch nicht umsetzbar sei. Dabei, so ist sich Müller sicher, würden gerade das eRezept und der Medikationsplan von den Versicherten am schnellsten akzeptiert werden. Arbeit für die Apotheker wird sich jedoch im Kommunikationsprojekt der KBV auftun. Gerade bei der Arzneimitteltherapiesicherheit sei die Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker "stark verbesserungswürdig", sagte Müller. Die Apotheker hätten hier zugesagt, sich einzubringen. Aktiv geworden ist die Apothekerkammer Westfalen-Lippe: Sie will ein eGK-Pilotprojekt zur Arzneimitteltherapiesicherheit in Bochum-Wattenscheid vorantreiben; kürzlich hat sie hierfür im Rahmen eines Landeswettbewerbs Fördergelder zugesagt bekommen.

Noch steht vieles in den Sternen, was die eGK betrifft. Etwa, wo die Daten, die man künftig speichern will, abgelegt werden sollen. Gewiss ist nur: Auf der Karte selbst wird es zu eng werden. Dennoch sind Höfer wie auch Pfeiffer überzeugt: Die Installation der Kartenleser und die Ausgabe der eGK stellen einen ersten wichtigen Umsetzungsschritt in Richtung Telematikinfrastruktur dar. Die komplette Ausstattung der knapp 70 Millionen Versicherten mit den Karten kostet nach Angaben des Kassenverbands übrigens rund 139 Millionen Euro. Die Ausstattung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Krankenhäuser mit Lesegeräten schlägt mit rund 156 Millionen Euro zu Buche. Hinzu kommen noch Kosten, die im Rahmen der Lichtbildbeschaffung anfallen, Porto- und ggf. Prozesskosten. Die Gematik hat seit ihrer Gründung rund 300 Mio. Euro gebunden.



AZ 2011, Nr. 40, S. 1

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