Wirtschaft

DAX: Schöne Worte, keine Lösung

Bekenntnis zum EU-Mitglied Griechenland lässt Anleger aufatmen – Vorsicht ist angebracht

(hps). Wie muss es um die Eurozone bestellt sein, wenn nun die Schwellenländer als Retter in der Not den Kauf von europäischen Staatsanleihen anbieten? Welcher konkrete Lösungsansatz für die Schuldenkrise ist aus dem deutsch-französischen Bekenntnis zu Griechenland herauszulesen? Beistandserklärungen und Schwörreden – die Marktteilnehmer schwelgen wieder in schönen Worten. Doch die frohen Botschaften könnten mit süßem Gift gewürzt sein.

Die Marktlage

Die Stimmung war vorher schon schlecht. Als jedoch bekannt wurde, dass der EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark das Direktorium der Europäischen Zentralbank verlässt, brachen alle Dämme. Und um die Katastrophe perfekt zu machen, wurden in Politik und Wirtschaft die Szenarien einer Staatspleite Griechenlands durchgespielt. Die Nachricht zog die Börse nach unten, in Frankfurt tauchte der DAX unter die 5000er Marke ab. Unter dem Strich büßte das deutsche Kursbarometer seit Ende Juli rund ein Drittel seines Wertes ein. Laut den Analysten vom Bankhaus Lampe werden die DAX-Werte zwischenzeitlich mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8 bewertet (auf Basis der Gewinnschätzungen für 2011) – deutlich unter dem Mittelwert der letzten zehn Jahre. Für einige Strategen ist damit eine Menge Pessimismus bereits eingepreist.

Unterdessen herrscht auf politischer Ebene hektische Betriebsamkeit. Da bieten sich die Schwellenländer China, Brasilien, Indien und Russland als Käufer für europäische Anleihen an. Sogar Südafrika denkt über Investitionen in europäische Staatsanleihen nach. Auch in den USA wird man angesichts der Eurokrise langsam nervös. Da kam das Bekenntnis zu Griechenland als Ergebnis der Telefonkonferenz zwischen Merkel, Sarkozy und Papandreou sowie die Nachricht über das vom Parlament in Rom gebilligte Sparprogramm gerade zur rechten Zeit. Auch dass die EU-Kommission nun an der Einführung von Euro-Bonds arbeitet, weckt bei den Investoren die Hoffnung, dass in der Euro-Schuldenkrise bald eine Beruhigung eintritt. Mehr noch. Einige Analysten bezeichnen dies bereits als Wendepunkt im Dauerstreit um die Eurokrise.

Bulle & Bär – was bringt die neue Börsenwoche?

Ist nach den starken Kursverlusten beim DAX die Konjunkturabschwächung bereits voll eingepreist? Diese Ansicht vertreten jedenfalls die Experten der DekaBank und wittern für September ein kräftiges Erholungspotenzial. Nun trauen sich auch zahlreiche Analysten aus der Deckung. Experten der Union Investment, Dekabank und Allianz Global Investors raten zum Kauf von Aktien. Ganz im Gegensatz zu den Strategen der WestLB. Hier sorgt man sich um die bislang immer nur kurzatmigen Erholungsansätze beim DAX, die einen weiteren Erdrutsch vermuten ließen. Anleger sollten daher Erholungstendenzen zum Ausstieg nutzen.

Die Lage an den Märkten ist instabil. Eine Phase, in der die Profis ihre Strategie gerne an der Charttechnik festmachen. Die BHF-Bank sieht unter technischen Gesichtspunkten ein Rückschlagpotenzial bis auf 4780 Punkte im DAX. Börsenprofi Bernecker wähnt zwischen 4800 und 5000 Punkten den "endgültigen Boden".

Unterdessen hat der DAX das in der Apotheker Zeitung Nr. 36, S. 4, ausgegebene Kursziel von 5000 Punkten erreicht. Auf diesem Niveau fanden sich zwar wieder ein paar mutige Käufer, die den DAX wieder bis auf fast 5500 Punkte anschoben. Aber alles in allem fiel auch diese Erholung wieder viel zu kurzatmig und recht dürftig aus. Das Kaufinteresse scheint selbst auf stark ermäßigtem Niveau immer noch recht gering zu sein.

Sorgen bereiten insbesondere die US-Börsen. Seit Juli sind hier bei Dow Jones und der Technologiebörse Nasdaq lediglich Abschläge von gut 10 Prozent zu verzeichnen. Die Amerikaner scheinen zu glauben, dass sie die Probleme in der Eurozone nichts angingen, wobei die eigenen Unzulänglichkeiten geflissentlich übergangen werden. Die jenseits des Atlantiks überaus populäre Idee, Schulden mit noch mehr Schulden abbauen zu können, wird am Ende den Ausfall eines der größten Spieler im Welthandel zur Folge haben. Bei den US-Börsen kann man jetzt nur noch auf einen schnellen Befreiungsschlag nach oben hoffen. Andernfalls drohen starke Rückschläge, die die Kurse um mindestens weitere 15 Prozent absacken lassen dürften. Dem könnte sich auch der DAX nicht entziehen. Als Anleger sollte man hier ein Kursniveau von 4500 bis 4600 Punkten als wahrscheinliches Szenario in Erwägung ziehen.

Thema der Woche: Griechenland

Viele Verantwortliche in Politik und Wirtschaft haben ihr Urteil bereits gefällt, was den Verbleib Griechenlands aus dem Euro-Verbund angeht: Raus aus der Eurozone! Das klingt so, als sei das Problem damit auch schon gelöst. Doch stolpert man dabei leicht über das Kleingedruckte im Vertrag. Denn laut dem Lissabon-Vertrag wäre ein Austritt Griechenlands aus der EU zwar möglich, das Regelwerk für die Gemeinschaftswährung dagegen sieht keine Austrittsmöglichkeit vor. Neben dem rechtlich schwierigen Procedere zeichnen sich indes weit größere Herausforderungen ab. Dabei stehen nicht einmal so sehr die maroden griechischen Staatsanleihen im Fokus. Die Banken haben die Griechen-Papiere bereits größtenteils im Wert angepasst. Vielmehr fürchtet man den Zusammenbruch des gesamten griechischen Bankensystems. Denn legt man die Erfahrungen mit Argentinien im Jahr 2000 zugrunde, dürften auch die griechischen Sparer ihr Geld im Falle eines Euro-Austritts abziehen. Möglicherweise bricht auch der Interbankenhandel erneut zusammen, wenn sich die Institute gegenseitig misstrauen. Springt der Umschuldungsvirus dann noch etwa auf Portugal oder Italien über, geriete die Lage völlig außer Kontrolle. Denn für diesen Fall haben Privatbanken und Versicherungen keine Vorkehrung getroffen – und können auch gar keine treffen. Vor diesem Hintergrund wird man wohl um die Einführung von Gemeinschaftsanleihen ("Euro-Bonds") nicht herumkommen. Das dürfte für eine gewisse Beruhigung an den Märkten sorgen. Gelöst ist das Problem damit freilich noch nicht. Die westlichen Industrieländer müssen wesentlich stärker auf die Sparbremse drücken. Andernfalls droht eine ausgewachsene Rezession. Das Dilemma: Tun sie das tatsächlich, dürfte die Konsequenz auch nicht viel anders aussehen.

Eckdaten zum 15. September 2011 (alle Angaben ohne Gewähr)
DAX (15. 9., 12.25 h)
5449 Punkte
Dow Jones (14. 9., Schluss)
11.246 Punkte
Gold (Feinunze)
1813,10 Dollar
Tagesgeld 5000 € (Durchschnitt)
1,81%
Festgeld 3 Monate (Durchschnitt)
Bester überregionaler Anbieter mit Einlagensicherung*
1,29%
2,50% (NBC Direkt)
Festgeld 12 Monate (Durchschnitt)
Bester überregionaler Anbieter mit Einlagensicherung*
1,87%
3,00% (IKB direkt, Bank of Scotland)

*Quelle: www.fmh.de



AZ 2011, Nr. 38, S. 4

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