Gesundheitspolitik

Fragwürdige Verordnungstrends

Berlin (ks). Benzodiazepine für Alkoholabhängige, Neuroleptika für Demenz-Patienten, die Renaissance des Problemwirkstoffs Novaminsulfon – das Verordnungsverhalten mancher Ärzte kann durchaus stutzig machen. Der am 14. Juni in Berlin vorgestellte Barmer GEK Arzneimittelreport 2011 zeigt exemplarisch derartige Bereiche der Über- und Fehlversorgung mit Arzneimitteln auf. Für Studienautor Prof. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen ist dies "nicht nur eine Verschwendung von Geld, sondern auch eine Gefährdung von Patienten und Patientinnen".
Prof. Gerd Glaeske: "Die Über- und Fehlversorgung mit Arzneimitteln ist nicht nur eine Verschwendung von Geld, sondern auch eine Gefährdung von Patienten und Patientinnen".

Die stille Sucht

Bereits seit zehn Jahren nimmt Glaeske alljährlich die Arzneimittelverordnungsdaten der GEK unter die Lupe – seit dem vergangenen Jahr hat sich die Datenmenge durch die Fusion von GEK und Barmer deutlich erhöht. Rund 9 Millionen Versicherte zählte die Kasse 2010. Wie gewohnt, legt der Report einen Fokus auf problematische Trends. So befasst sich ein Kapitel mit der Arzneimittelabhängigkeit. Besonderes Suchtpotenzial haben bekanntlich Schlaf- und Beruhigungsmittel. So werden insbesondere Benzodiazepin-Verordnungen schon lange kritisch beäugt – zumeist werden die Schlafmittel zu lange verordnet. Der Barmer GEK-Report zeigt nun auf, dass sie auch häufig den falschen Patienten verschrieben werden. So bekommen gut 13 Prozent der alkoholabhängigen Menschen in Deutschland Benzodiazepine verordnet, obwohl eine klare Kontraindikation besteht. Glaeske spricht von einem "Kunstfehler".

Demente werden ruhig gestellt

Auch der Umstand, dass Demente sechsmal häufiger Neuroleptika erhalten als Patienten ohne Demenz, ist für Glaeske schlicht eine Gefährdung von Menschenleben. Diese Medikamente seien nur in seltenen Fällen indiziert, führten aber zu einem um 1,6- bis 1,7-fachen Sterblichkeitsrisiko. Obwohl dies mittlerweile "Gemeinwissen" sei, kämen diese Arzneimittel vor allem in Pflegeheimen oft zum Einsatz – eine Folge des Personalmangels. Hinnehmbar ist dies für Glaeske nicht. Angesichts der demografischen Entwicklung ist klar, dass die Zahl der Demenzpatienten in den kommenden Jahren stark ansteigen wird. Schon jetzt müsse man deutlich darauf hinweisen, dass in Personal investiert werden müsse statt in Neuroleptika.

"Bestürzend" ist es für Glaeske, dass das in den 80er Jahren wegen seiner Nebenwirkungen in die Kritik geratene Metamizol (Novaminsulfon) derzeit eine "Renaissance" erlebt. Unter den 20 am häufigsten verordneten Arzneimitteln bei der Barmer GEK finden sich gleich drei Präparate mit diesem Wirkstoff. Glaeske betonte, dass sich dieses Schmerzmittel leicht ersetzen ließe und viele Länder ohne es auskommen – in den USA ist es nicht einmal mehr zugelassen. Doch in Deutschland sind die Präparate populär.

Neue Pillen in der Kritik

Weiterhin beklagen die Autoren des Reports, dass junge Frauen häufig neue Antibabypillen einnehmen, die gegenüber älteren Präparaten der 2. Generation fast ein doppelt so hohes Thromboembolierisiko bergen. In Zahlen: Von 100.000 Frauen, die ein Jahr lang eine Pille der 2. Generation einnehmen, erleiden 20 einen Verschluss. Kommen aber Pillen mit neueren Gestagenen zum Einsatz, liegt die Zahl der Verschlüsse bei 30 bis 40. Das mag noch immer eine recht geringe Anzahl sein – doch für Glaeske ist es nicht verständlich, warum man das größere Risiko eingehen sollte. Vor allem, wenn man bedenkt, dass viele junge Frauen rauchen, was das Risiko abermals erhöht. Lediglich für die Firmen sei es interessant, neue Präparate zu entwickeln, wenn der Patentschutz älterer Pillen ausläuft, so Glaeske. Er ermuntert daher junge Frauen, mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin über ihre Antibabypille zu sprechen.


Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, Barmer GEK, freut sich über die Wirkung der vergangenen Arzneimittelspargesetze und will Quoten für Biosimilarverordnungen.
Fotos: AZ/Sket

Ruf nach Biosimilarquoten

Was die Arzneimittelausgaben betrifft, so freut sich der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, über die Wirkung der vergangenen Arzneimittelspargesetze: Im ersten Quartal 2011 sind die Arzneimittelausgaben bei der Kasse um rund 5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken. Allerdings sind bei Spezialpräparaten weiterhin Zuwachsraten von 10 Prozent und mehr zu verzeichnen. Bei Biologicals liegen die Steigerungsraten sogar noch höher – und das, obwohl hier dank Biosimilars Einsparpotenzial besteht. Über 15 Prozent der Arzneimittelausgaben fallen bei der Barmer GEK auf Biologicals; dabei werden nur knapp drei Prozent der Versicherten mit diesen speziellen Arzneimitteln therapiert. Arzneimittelvereinbarungen mit Biosimilarverordnungsquoten seien eine "sinnvolle Strategie der Effizienzoptimierung", heißt es im Report. Mit diesen patentfreien Präparaten ließen sich zwischen 20 und 25 Prozent des jeweiligen Erstanbieterpreises einsparen. In Betracht kommen Biosimilars insbesondere für neu eingestellte Patienten. Glaeske geht davon aus, dass eine Biosimilar-Quote von 50 Prozent die Barmer GEK um 100 bis 200 Mio. Euro entlasten könnte. Bei Epoetin liegt der Biosimilar-Anteil bereits bei rund 50 Prozent – allerdings gibt es starke regionale Unterschiede: Im Saarland liegt er bei 16 Prozent, in Bremen bei 69 Prozent. Die Studie vermutet, dass dahinter unterschiedliche Zielvereinbarungen der einzelnen Kassenärztlichen Vereinigungen stecken. Für Epoetin gab es 2010 im Gegensatz zu anderen Biosimilar-fähigen Arzneimitteln in den meisten KVen Verordnungsquotenregelungen mit Mindestwerten. Anders sieht es dagegen bei dem Biological Somatropin aus: Hier beträgt der Biosimilar-Anteil für ganz Deutschland erst knapp 5 Prozent, wobei in Rheinland-Pfalz bereits über 30 Prozent, in Bayern oder Niedersachsen aber gerade 1,3 bzw. 1,8 Prozent erreicht werden.

Weiteres Einsparpotenzial sieht Glaeske auch bei Generika: Hier sollte seiner Ansicht nach eine Quote von 90 Prozent eingeführt werden. Dies könnte allein die Barmer GEK um 300 bis 400 Mio. Euro entlasten. Allerdings räumt Glaeske ein, dass sich die Einsparmöglichkeiten zunehmend schwer beziffern lassen. Dies sei eine Folge der intransparenten Rabattverträge, denen Glaeske in vielerlei Hinsicht kritisch gegenübersteht.


Internet


Den vollständigen Report können Sie sich im Internet unter www.barmer-gek.de herunterladen.



AZ 2011, Nr. 25, S. 1

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