Gesundheitspolitik

Nimmt uns noch jemand ernst!

Andreas Kaapke

Vor wenigen Tagen hat der Chefredakteur der Deutschen Apotheker Zeitung, Peter Ditzel, in einem Editorial die Frage aufgeworfen: "Nimmt uns noch jemand ernst?" Am Beispiel der Packungsgrößenverordnung hat er deutlich gemacht, dass die Apotheker wieder mal den Kürzeren gezogen haben. Hat er Recht? Hat er übertrieben? Überzeichnet er, was für Journalisten typisch wäre?

Seit nunmehr rund zehn Jahren hat man das Gefühl, dass die Apotheken von der Politik am Nasenring durch eine Arena gezogen werden und am Ende immer wieder etwas Schlechteres für den Berufsstand rauskommt. Die Politik gleich welcher Couleur hat auf Einlassungen des Berufsstandes nicht oder nur zurückhaltend reagiert. Echte Erfolge gab es kaum, nur die Klage vor dem Europäischen Gerichtshof ist aus Sicht der Mehrheit zugunsten der deutschen Apotheken entschieden worden, offensichtlich aus anderen Erwägungen heraus als aus politischen und in anderen Gefilden als den deutschen Ministeriumsstuben. Ein derart desaströses Ergebnis muss Diskussionen auslösen, muss Stimmungen erzeugen und Unzufriedenheit muss sich Raum verschaffen können. Will die Politik in Rambo-Manier ein schwächeres Glied in der Gesundheitswirtschaft ausbeinen? War die Situation der Apotheken zuvor derart üppig, dass die Politik meint, wirtschaftlichen Aderlass bei den Apotheken betreiben zu können? Oder betreibt der Berufsstand schlicht und ergreifend die falsche Lobbypolitik?

Aber kann es an letzterem – einer falschen Lobbypolitik – liegen? In den jüngsten Ausgaben von DAZ und PZ konnte man nachlesen, dass nennenswerte Vertreter in Verbänden und Kammern allesamt in ihren Ämtern bestätigt worden sind. Wäre dies geschehen, wenn die Basis mit der Arbeit unzufrieden wäre? Oder ist die Basis derart desillusioniert, dass weder Ämter angestrebt werden noch sich erwähnenswert Widerstand äußert?

An anderer Stelle wurde berichtet, dass jetzt in den Sitzungen und Apothekertagen Tacheles geredet würde. Es wird schon lange Tacheles geredet, aber immer nur in den eigenen Kreisen, dort fehlt es weder an mutigen Worten oder an fundierten Analysen noch an stichhaltigen Argumenten.

Für einen, der von draußen reinschaut, bleiben aber erhebliche Zweifel, ob dies reicht:

Die Apothekerinnen und Apotheker hören sich immer noch gegenseitig gerne zu, werden aber von anderen nicht wirklich gerne gehört.

In Medien außerhalb der Apothekerlandschaft wird ein schlimmes, tradiertes, rückständiges und gieriges Bild vom Apotheker gezeichnet.

Die Apothekerinnen und Apotheker und ihre Standesorganisationen reagieren, nur selten wird agiert, wenn dann reichlich spät.

Zu gewagte Thesen und Ideen werden fortgebügelt, es wird leise und moderat argumentiert.

Wirklich gute Studien werden zaghaft kommuniziert, nicht wirklich distribuiert und schon gar nicht penetriert.

Man bedient sich in erster Linie eigener Expertise nur selten fremder Expertise.

Man erkennt keinen offenen Dialog mit Standeskollegen an, die an einer Diskussion, nicht aber an einem Amt interessiert sind.

Was lässt mich eine derartige Meinung kundtun? Ein Beispiel: Die Apothekerkammer Baden-Württemberg hat eine tolle Studie beim Institut für Handelsforschung in Auftrag gegeben und die ehemaligen Kollegen haben höchst interessante Ergebnisse ermittelt, die die Branche in Entzücken versetzen und die von allen Standesvertretern im Bund und in den Ländern hoch und runter gebetet werden müsste. Nach außen passiert damit aber sehr wenig. Haben die Kollegen die Studie nicht gesehen, nicht gelesen, nicht verstanden, nicht verinnerlicht oder gar vergessen? Vieles spielt sich in der Branche in dieser Art und auf diesem Niveau ab. Soll man Vorwürfe machen? Nein, aber es ist ein nicht wegzudiskutierender Befund, dass die Argumente nicht wirklich geballt vorgelegt werden. Die angesprochene Studie hat den Vorteil nicht als Status-quo-Verteidigungs-Bericht abgetan werden zu können, wie so vieles sonst, sondern als fundierte Analyse etikettiert werden zu können, die aufzeigt, welche externen Kosteneffekte durch Apotheken vollzogen werden. Die Standesvertreter, die ich kenne und kennen gelernt habe, sind engagierte und motivierte Männer und Frauen ihres Berufes. Sie haben sich bestens eingearbeitet und arbeiten weit über das normale Maß hinaus. Aber sind sie auch außerhalb der Fragen der Pharmazie professionell, mit allen Wassern gewaschen, mit einem Entwurf ausgestattet, der den eigenen Tellerrand überlebt?

Was aus Sicht derer von draußen Not tut, ist ein Expertengremium, das eine unabhängige Arbeit über die Zukunft der Wertschöpfungskette Apotheke in Deutschland abliefert. Ähnlich der jüngst ins Leben gerufenen Ethik-Kommission müsste dieses Gremium mit Vertretern unterschiedlicher Disziplinen besetzt sein, die vom Spitzengremium ABDA für ihre Arbeit bezahlt werden und die Ergebnisse danach in einem internen Diskurs mit den Standesvertretern vorstellen und die Handlungsempfehlungen diskutieren. Zudem müsste ein professionelles Kommunikationskonzept erstellt werden, dass es den Apothekerinnen und Apothekern erlaubt, ihre erbrachten Leistungen in den Fokus zu stellen. Wieder einmal wird ein Tag der Apotheke gefeiert. Zehn Personen, die ich spontan danach befragt habe, hatten davon noch nie etwas gehört. Warum gelingt es dem Wirtschaftsbereich Handwerk, so gut aufgestellt zu sein? Dort wurde rechtzeitig erkannt, dass nur durch professionelle Hilfe, Politikberatung und flankierende Unterstützung der Lobbyarbeit durch jeweilige Profis der Draht zu Ministerien und Politik hinreichend gut ist. In Zeiten, in denen über die Vergrößerung des Verbandshauses nachgedacht wurde, offensichtlich also Mittel da sind, um Investitionen zu tätigen, müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um den schleichenden Bedeutungsverlust der Apotheken zu stoppen.

Das Bundesgesundheitsministerium wurde gerade neu besetzt, wenn auch nur durch eine Beförderung, der Amtsinhaber ist nicht der schlechteste Gesprächspartner, wenn auch nicht der geschmeidigste und die Ausgangslage bietet gegenwärtig genügend Sprengstoff, um ein entsprechendes Projekt zu platzieren, zu terminieren und zu diskutieren. Eine offene Auseinandersetzung mit allen interessierten Mitgliedern ist zwar zeitaufwendig und anstrengend, würde aber Terrain zurückerobern helfen. Je mehr sich durch die Politik verschaukelt und durch die eigenen Lobbyisten nicht hinreichend repräsentiert fühlen, desto leichter gerät die Zersetzung von innen. Deshalb: Die Öffnung der Themen für die Mitglieder im offenen Diskurs und die Beauftragung von Profis als Unterstützung dient einem, was dringend Not tut: wieder ernst genommen zu werden!


Andreas Kaapke

Andreas Kaapke ist Professor für Handelsmanagement und Handelsmarketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, Standort Stuttgart, und Inhaber des Bera-tungsunternehmens Prof. Kaapke Projekte. E-Mail: a.kaapke@kaapke-projekte.de



AZ 2011, Nr. 24, S. 2

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