Gesundheitspolitik

Mehr Demokratie wagen

Peter Ditzel

Was zurzeit in den berufspolitischen Reihen einiger Kammern, Verbände und der ABDA abläuft, erinnert ein wenig an die 60er Jahre – als die Bundesrepublik noch jung war, als man erst lernte, miteinander zu diskutieren, ja, zu streiten. Man fürchtete kritische Stimmen, die Meinung Andersdenkender. Willy Brandt begann damit aufzuräumen. Er prägte 1969 in seiner Regierungserklärung den Satz "Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information Genüge tun …"

Ist die ABDA noch nicht soweit? Beispiel: die Suche nach einem neuen Leitbild für die Apotheke bzw. die Kaufmann-Heilberufler-Debatte, die Anfang dieses Jahres ins Rollen gekommen ist. Ausgelöst durch das AMNOG und die dadurch auf die Apotheken zukommenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten begann ein Nachdenken über ein neues Leitbild für den Apothekerberuf. Trägt die heilberufliche Ausrichtung des Apothekers oder muss gerade die kaufmännische Seite betont werden, damit er seine heilberufliche Seite leben kann? Der Apothekerverband Westfalen-Lippe möchte den Kaufmann im Apotheker stärken, der neben dem Arzneimittel ein breites Sortiment an Waren und Dienstleistungen anbieten soll. Mit einem Neun-Thesen-Papier legte der Verband nun nach in der Frage, wo’s in Zukunft mit der Apotheke lang gehen soll: beispielsweise ein dynamisches packungsbezogenes Fixhonorar, Funktionsrabatte und zur Gesundheitskompetenz passende Waren und Dienstleistungen. Aus dem ABDA-Gremium meldete sich zuvor ABDA-Vize Schmidt zu Wort. Er möchte die Politik in die Verantwortung nehmen, für eine ausreichende Vergütung des Apothekers bei der Arzneimittelabgabe zu sorgen, damit sich dieser nicht nach anderen Einkommensquellen umschauen muss. Aus Nordrhein hört man dagegen die Forderung "Schluss mit der öffentlichen Debatte". Falsch – diese Debatte muss geführt werden, auch öffentlich und nicht in den internen ABDA-Runden. Die Basis hat ein Recht, ihre Meinung und Ansichten dazu zu äußern und einzubringen, gerade bei einem Zukunftsthema wie dem Leitbild für die Apotheke.

Und genauso hat die Basis ein Recht darauf, über Vorhaben wie dem möglichen Kauf eines neuen ABDA-Hauses und über Abstimmungsergebnisse informiert zu werden – auch wenn es einigen ABDAianern nicht gefiel, dass die DAZ die ihr bekannt gewordenen Informationen veröffentlichte. Und ist es nicht ein Unding, dass die ABDA-Stellungnahme zur Apothekenbetriebsordnung als Geheimpapier gehandelt und nicht der Basis bekanntgemacht wird? Bitte, mehr Demokratie wagen!

Peter Ditzel



AZ 2011, Nr. 11, S. 1

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