Feuilleton

Die weiße Kümmeldolde – aus dem Leben des Ludwig G.*

Von Ludwig Ganghofers Romanen wie "Der Jäger von Fall" schwärmte mir in meinen Kindheitstagen meine Großmutter vor. Dennoch habe ich nie etwas von ihm gelesen – bis mir seine Autobiographie "Lebenslauf eines Optimisten" in die Hände fiel [1]. Darin kommen auch einige Apotheker vor.
Ludwig Ganghofer als Student.

"Mag vergilben, versinken, vergessen werden, was ich mit aller Arbeit meines Lebens schuf!"

Ludwig Ganghofer [1]


Ludwig Ganghofer (1855 – 1920) kam in Kaufbeuren auf die Welt, wuchs aber in Welden im Schwäbischen Holzwinkel westlich von Augsburg auf, wohin sein Vater, der Förster August v. Ganghofer, 1859 versetzt worden war. Die schier unendlichen Wälder seiner Heimat haben sein Naturempfinden sein Leben lang geprägt.

Armer Großvater

Ludwigs Großvater Anton Ganghofer war Forstmeister in Ottobeuren und mit Therese geborene Schilcher verheiratet. Im Alter von vier Jahren, als er noch in Kaufbeuren wohnte, hatte Ludwig die beiden einmal besucht, wie er in seiner Autobiographie berichtet:

Ich sehe das lachende Faltengesicht des Großvaters mit den lustig zwinkernden Augen. Er steht in der Sonne unter der Haustür, hat die Hände in den Hosentaschen, sieht mich herzlich an und fragt: "Ludwigle, magst ein Kreuzer?"

Ich zweifle: "Hascht du denn einen?" Denn ich wusste, dass die Großmutter immer alles einsperrte und die Schlüssel abzog.

Der Großvater schüttelt mit den Händen die Hosensäcke, in denen ein lautes Klingen und Klirren ist. "Schau, so viel Geld hab ich!"

Dann darf ich mich strecken, darf dem Großvater in die Taschen greifen und finde in jeder einen einsamen Kreuzer. Was da so geklingelt hatte, das waren die Schlüssel der Aktenschränke.

Erstaunlich, wie der kleine Ludwig damals das Verhältnis seiner Großeltern zueinander erkannt haben will und folglich an der Aufrichtigkeit seines Großvaters zweifelte! Bemerkenswert auch, dass der Großvater zu seinem Enkel in einem passablen Hochdeutsch sprach, während dieser in einem breiten Schwäbisch antwortete.

Bei Gefahr: Augen zu!

Von seiner ökonomisch veranlagten Großmutter, Tochter des obersten bayerischen Finanzbeamten Franz Sales v. Schilcher, war Ludwig u. a. folgender, ökonomisch allerdings völlig belangloser Rat in Erinnerung geblieben:

Gut besinne ich mich noch auf einen höchst bedeutungsvollen Lebensrat, den mir die Großmutter einmal gab, als ich mit ihr im Walde spazieren ging. Da war ein langer, gerader Sandweg zwischen grünen Wänden. Und neben diesem Wege hatte sich ein junges Bauernmädchen zu einer Stellung niedergehuschelt, die jeden Zweifel über ihre menschliche Notwendigkeit ausschloss. Und da sagte die Großmutter: "Ludwigle, druck d‘ Auge zu! Sonst wirscht du blind!" Ich zwickte die Lider fest zusammen, bis mir die Großmutter erlaubte: "So, jetzt kannst wieder schaue!"

Vor dem Blindwerden hatte ich seit dieser Waldstunde eine große Angst. Und noch manch ein Jährchen später – in dem Dorfe [Welden], wo der Vater Revierförster wurde – hab‘ ich immer gleich die Augen zugedrückt, wenn ich in die Gefahr kam, blind zu werden.

Lang nimmer so luschtig gwese

Ludwigs Großvater starb lange vor seiner ökonomisch veranlagten Ehefrau mit Mitte 60, und das kam so:

Mein Großvater war gesund bis ans Ende und hatte den letzten Abend noch im Gasthaus zur Post am heiteren Stammtisch mit Apotheker, Revierförster, Landrichter, Posthalter und Dekan verbracht. Ein paar Minuten vor zwölf Uhr kam er heim.

Die Großmutter erwachte. "Hascht dich gut unterhalte?"

"Großartig! ‘s isch lang nimmer so luschtig gwese wie heut!" Der Großvater, schon in Hemdärmeln, ging zum Waschtisch und füllte ein Glas mit Wasser. "Gelacht habe mer, dass mer schier Kröpf kriegt habe. Und der Apotheker hat wieder so ein Geschichtle erzählt ... da wirscht vor Luschtigkeit drüber schreie!" Er trank, stellte das leere Glas auf den Tisch und sagte lachend: "Pass auf!" Dann fiel er um und war tot.

So wissen wir leider nicht, welche lustige Geschichte der Apotheker von Ottobeuren damals erzählt hatte, denn weder der Apotheker selbst noch die anderen Stammtischbrüder haben sie für die Nachwelt aufgezeichnet.

Das Annche in Regenstauf

Nach Beendigung der Volksschule in Welden verließ Ludwig sein Elternhaus und besuchte – mit manchen Problemen, die die Diskontinuität erklären – die Lateinschule in Neuburg an der Donau, dann das Realgymnasium in Augsburg am Lech und schließlich das Realgymnasium in Regensburg, wiederum an der Donau. Dort verbrachte er seine freien Stunden am liebsten an, in und auf dem Strom, mal schwimmend, mal in einer Zille, einem kleinen Boot, paddelnd. Am Samstag, dem 30. Juni 1872, eine Woche vor seinem 17. Geburtstag, setzte er sich abends in seine "Nussschale", paddelte die ganze Nacht bei Vollmondschein den Nebenfluss Regen aufwärts und kam nach Regenstauf, wo er in der Morgendämmerung des Sonntags an Land ging und sich sogleich ins Gras legte, um etwas von dem entgangenen Schlaf nachzuholen. Dann wanderte er in den Ort, bestellte sich im Gasthof ein "festes Frühstück" mit Heidelbeerwein und "schwatzte" dabei mit dem Annche, der ein paar Jahre älteren Gastwirtstochter "mit hübschen, frohen herzlichen Augen". Dann überwältigte ihn wieder die Müdigkeit, und er setzte seinen unterbrochenen Schlaf im Garten fort, bis er von einem Traum "heiß erwachte".

Neben mir im Grase saß das Annche, schräg auf die linke Hand gestützt. Sie sah mich lächelnd an und hatte in der rechten Hand eine große, weiße Kümmeldolde, mit der sie über meinem Gesicht die Mücken verscheuchte. Sie schwieg, ich rührte mich nicht und hatte nur immer den einen Gedanken, das Annche küssen zu dürfen. Kann man solch einen bettelnden Gedanken in den Augen lesen? Das Annche warf plötzlich die Kümmeldolde fort, nahm mein Gesicht zwischen die Hände, beugte sich zu mir her und küsste mich auf den Mund. Ich umschlang sie, zog mich zu ihr hin, und als ich ihre Brust an meiner Wange fühlte, fing ich heftig zu zittern an. Da sagte sie leise: "Brav musst du sein!"

Nach weiteren Küssen und Umarmungen, läuteten die Kirchenglocken. Annche kümmerte sich um die Gäste, die nun herbeiströmten, und Ludwig ging in die Apotheke, um sich "was für die Blasen an meinen Händen" zu kaufen. Dort traf er – welch freudige Überraschung! – als Lehrling einen Schulkameraden aus seiner Neuburger Zeit. Als am Nachmittag der Sonntagsdienst der Apotheke zu Ende war, gingen die beiden Freunde und der Apothekenbesitzer wieder in den Gasthof. "Der kleine Apotheker machte dem Annche fürchterlich den Hof, worüber wir zwei Heimlichen was Glückseliges zu lachen hatten." Es war Adolf Pfannenstiel (1850 –1933), der auch die Heidelbeerwein-Kelterei in Regenstauf besaß und später in München promoviert wurde, aber beim Annche kein Glück hatte.

Ludwig paddelte am Abend heim nach Regensburg, kam aber an den folgenden freien Tagen mehrmals mit dem "Kurierzug" zurück, um sich mit dem Annche in die Laube des Gartens zurückzuziehen. Die Mutter fragte: "Annche? Hast du denn ganz den Verstand verloren?", worauf sie nur sagte: "Ich mag ihn ebe!" Schließlich redete ihr Bruder, der später Pfarrer wurde, Ludwig ins Gewissen: "Das Annche hat dich lieb und will alles tun für dich. Willst du ihr zum Dank dafür das junge Leben verderben? Und das deinige dazu?" Ludwig gab auf, nahm einen herzzerreißenden Abschied – "unsere Küsse waren wie ein Trinken von Tränen" – und hat das Annche niemals wiedergesehen.

Für fünf Kreuzer Brausepulver

Ein Jahr später. Ludwigs letztes Schuljahr begann, aber es schien ihm noch an der nötigen Reife zu fehlen:

Ich könnte ein ganzes Buch erzählen von den lustigen Streichen jener Zeit. Die Stadt Regensburg muss damals große Ersparnisse gemacht haben – so viele Laternen drehten wir ab in jeder Nacht. … Über dem Tor des Institutes der Englischen Fräulein nahmen wir bei solcher Finsternis die große Tafel herunter und hängten an ihre Stelle das Firmenschild einer approbierten Hebamme. Vor einem Palais, in dem ein General wohnte, trugen wir das Schilderhaus davon. Ein Polizist begegnete uns. "Obacht", zeterten wir, "da kommt ein Cholerakranker!" Und der Mann der öffentlichen Sicherheit nahm Reißaus.

Auf dem Weg zur Donau, wo auch die Kneipe der Pennäler, die "Absolviabude", stand, kam Ludwig regelmäßig an der Adler-Apotheke vorbei.

Nacht um Nacht, sooft wir Kneipe hatten, musste der gute Apotheker aus dem warmen Bett heraus, um für fünf Kreuzer Brausepulver zu verkaufen. In solch einer Nacht, in der wir besonders heiter waren, schleppten wir, während einer von uns in der Apotheke drin das Brausepulver zu sich nahm, die zwei großen, schweren, eichenen Torflügel davon und trugen sie im Laufschritt bis zur Donau hinunter. Der Apotheker musste den Hausflur mit Kisten und Fässern verbarrikadieren.

Damals hatte jede Apotheke immer Nachtdienst, und einen Nachtzuschlag – selbst bei rezeptfreien Präparaten – gab es nicht. Doch soll man den Apotheker wegen des "Nachtdienstes" bedauern? Immerhin waren fünf Kreuzer zweieinhalbmal so viel, wie Ludwigs Großvater an Bargeld in der Tasche hatte.

Hochzeit in zehn Jahren …

Als Ludwig an einem Novembertag 1873 an der Adler-Apotheke vorbeiging, sah er im Haustor "eine zarte, kaum sechzehnjährige Kleine", und der Funke sprang über. In den folgenden Monaten traf er Luise – ob sie eine Tochter des Apothekers war, verrät er nicht – heimlich dann und wann, entwickelte aber auch einen ihm bisher fremden Lerneifer, und nachdem er sein Examen überraschend gut bestanden hatte, meinte er:

Unser ferneres Leben lag nun sonnig, eben und klar vor uns. Erst wollte ich mein praktisches Jahr in einer Maschinenfabrik erledigen, als Einjähriger dienen, vier Jahre Polytechnikum absolvieren und gleich eine Eisenbahnbrücke bauen, die das Staunen der Welt werden sollte! Und in zehn Jahren konnten wir sicher schon heiraten!

In zehn Jahren??

Kurz: Es wurde nichts daraus.

Mit Morphin glücklich entschlafen

Ludwig Ganghofer hatte seine Autobiographie, ein Werk von viel Wahrheit mit einem akzeptablen Maß Dichtung, veröffentlicht, als er Mitte 50 war. Zehn Jahre später starb er ganz plötzlich, was einem gläubigen Katholiken wegen des Fehlens der Sterbesakramente ein Graus ist, aber dem – mit Verlaub – Pantheisten Ganghofer gerade recht gewesen sein dürfte. Seine Tochter Lolo berichtet über die letzten Stunden des 65-Jährigen:

In den späten Nachmittagsstunden befiel ihn ein leichtes Unwohlsein, das bald in heftige Schmerzen überging. Der Arzt kam. Er machte ein sorgenvolles Gesicht, gab Morphium und Kampferspritzen und verordnete vollkommene Ruhe. "Goscherl!" rief er mit leiser Stimme. Meine Mutter [Catharina geb. Engel, 1859 – 1930] setzte sich an sein Bett und nahm seine Hand. Wohlig streckte er sich. "Ich bin so glücklich" – ein tiefer Atemzug – und alles war zu Ende!

Dies war – dank Morphin und Campher und dank Goscherl (d. h. Mündchen) – das glückliche Ende eines überaus erfüllten, eines sehr glücklichen Lebens.


Literatur

[1] Ganghofer, Ludwig: Lebenslauf eines Optimisten, Bd. 1. Stuttgart 1909; Neuausgabe mit Vorwort von Lolo Horstmann-Ganghofer, München 1951.

[2] Puchner, Georg: Ludwig Ganghofer in Regenstauf. 2. Aufl., Regenstauf 1980.


W. Caesar

Mit Schilcher verwandt: Förster und Müller


Jeder Mensch hat vier Urgroßväter. Von Ludwig Ganghofers Urgroßvätern waren zwei prominent: Ein Großvater seiner Mutter Caroline geb. Louis war Georg Friedrich Louis (1758 – 1846), hugenottischer Abstammung, Förster in Erbach im Odenwald, genannt "der Alte vom Berge", der mit seinem berühmten Urenkel zwei Leidenschaften teilte: die Jagd und das Erzählen. Köstliche Anekdoten aus seinem Leben hat außer Ganghofer auch seine nicht minder berühmte Ururenkelin, die Politikerin Elly Heuss-Knapp (1881 –1952), Ganghofers Nichte 4. Grades, berichtet.

Der andere bedeutende Urgroßvater war der Vater von Ganghofers Großmutter väterlicherseits namens Therese: Franz Sales v. Schilcher (1766 – 1843), gelernter Förster, Staatsrat und Präsident des Bayerischen Obersten Rechnungshofs in München, ein Bruder des Oberforstrats Matthias Egid v. Schilcher auf Dietramszell und Sohn des Forstmeisters Simon Schilcher in Pflugdorf im Lechrain.

Die Familie Schilcher hat in ihrer 400-jährigen Geschichte neben diesem Staatsrat und vielen fähigen Förstern auch einige katholische Geistliche hervorgebracht; vor allem aber saßen und sitzen die Schilcher auf großen Höfen und Mühlen in Oberbayern und Bayerisch Schwaben. Zu den Müllern gehörte Joseph Schilcher aus Landsberg am Lech, der 1907 die später nach ihm benannte Schilchermühle in Bittenbrunn bei Neuburg an der Donau erwarb.

Einer seiner Nachkommen mit dem Rufnamen Heinz wurde erst Apotheker, später Professor für Pharmazeutische Biologie in Berlin und danach Ruheständler im Oberallgäu. Er ist nunmehr 80 Jahre alt und erfreut sich dank geistiger und körperlicher Aktivität, Diät und Phytopharmaka bestmöglicher Gesundheit. Wir wünschen ihm, nachdem er nun das biblische Alter überschritten hat, weitere glückliche Jahre an der Seite seiner Gattin Barbara und dass ihm nicht - wie bei seinem entfernten Gevatter Anton Ganghofer geschehen - der Witz eines Apothekers im Halse stecken bleiben möge. Wenn es denn einmal sein muss, möge er – wie Ludwig Ganghofer - sanft in Morpheus Armen entschlummern. cae

* Herrn Prof. Dr. Heinz Schilcher zum 80. Geburtstag gewidmet.
Das Gebäude der ehemaligen Apotheke von Dr. Adolf Pfannenstiel in Regenstauf. Aus [2].
Foto: Georg Puchner
Der Krauterermarkt in Regensburg

Bei der Adler-Apotheke (2. Haus von links) sind die "eichenen Torflügel" geöffnet.

Lithographie von Samuel Prout, um 1830.

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