Feuilleton

Vor 150 Jahren wurde Louis Lewin geboren

Einer der ungewöhnlichsten Universitätslehrer Berlins war Louis Lewin. An einem roten Backsteinbau zwischen der Charité und dem Bahnhof Friedrichstraße erinnert seit 1996 eine Gedenktafel an den "Begründer der Industrietoxikologie und Suchtmittelforschung". Dort hatte Lewin als "ewiger Privatgelehrter" seine pharmakologischen Forschungen betrieben.
Louis Lewin (1850 – 1929)

Die Eltern Hirsch und Rahel Lewin hießen ursprünglich Appelbaum und stammten aus Suwalki, einem Städtchen in jenem Teil Polens, der auf dem Wiener Kongress unter russische Oberherrschaft gekommen war. Nach Pogromen flüchteten sie in das seinerzeit westpreußische Tuchel (heute polnisch Tuchola), wo sie den Namen Lewin annahmen und wo am 9. November 1850 ihr Sohn Louis geboren wurde. Vier Jahre später zog Familie Lewin illegal nach Berlin und fand eine Unterkunft im Scheunenviertel beim Alexanderplatz – wie auch viele andere sogenannte Ostjuden.

Von der Judenschule zur Universität

Der traditionsbewusste Vater, ein Schuhmacher, bestimmte, dass der Sohn einzig die jüdische Gemeindeschule zu besuchen habe. Im Selbststudium jedoch erwarb sich der junge Louis die Kenntnisse, die seine Aufnahme am Friedrich-Werderschen Gymnasium ermöglichten. Maßgebend war dabei auch sein Lehrer Paul de Lagarde (eigentlich Bötticher; 1827 – 1891), der ihn förderte und mit ihm bis an sein Lebensende freundschaftlich verbunden blieb, obwohl er sich später u. a. in seinen "Deutschen Schriften" als Kämpfer gegen "Materialismus, Liberalismus, Staatsvergötterung und das Judentum" profilierte.

Nach dem Abitur, 1871, studierte Lewin in Berlin Medizin. Bereits 1875 wurde er mit einer preisgekrönten Arbeit über "Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung des Aconitin auf das Herz" promoviert. Danach leistete er die Wehrpflicht als Einjährig-Freiwilliger ab, wobei er nach der Grundausbildung als Unterarzt bei einem Eisenbahnregiment diente. Nach einem Zwischenspiel an den Universitäten in München und Halle bewarb er sich 1878 erfolgreich um eine Assistentenstelle am Pharmakologischen Institut der Berliner Universität.

Erforschung der Rauschdrogen

Das Institut stand damals unter der Leitung von Oskar Liebreich (1839 – 1908), der nach der Entdeckung der schlaffördernden Wirkung des Chlorals das erste synthetische Schlafmittel in die Therapie eingeführt hatte (1869). 1881 habilitierte sich Lewin bei Liebreich mit einer Studie über "Die Nebenwirkungen der Arzneimittel". Fand bereits diese Schrift internationale Verbreitung, so wurde sein erstmals 1885 aufgelegtes und später immer wieder überarbeitetes "Lehrbuch der Toxikologie" zu einem unentbehrlichen Standardwerk. Die ihm daraus zufließenden Einnahmen ermöglichten ihm und seiner Familie ein gutbürgerliches Leben im vornehmen Tiergartenviertel. Seit 1883 war er mit der aus Norddeutschland stammenden Lehrertochter Clara Bernhardine Wolff (1857 – 1942) verheiratet und hatte mit ihr drei Töchter.

Lewin hatte angesichts des internationalen Erfolges seiner Publikationen die Berufung auf einen Lehrstuhl erwartet, doch er erhielt 1893 nur eine Titularprofessur ohne Prüfungserlaubnis. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Eine Rolle spielte auch, dass Lewin an seinem Glaubensbekenntnis festhielt und am Leben der jüdischen Gemeinde teilnahm.

Innerhalb seiner wissenschaftlichen Arbeit waren bereits früh die "Narcotischen Genußmittel" in sein Blickfeld gerückt, wobei er als einer der ersten die Morphinsucht zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen machte. Daraus erwuchs ein Streit mit Sigmund Freud (1856 – 1939). Letzterer wollte bei seinen Patienten die Morphinsucht durch die Gabe von Cocain überwinden, was Lewin als falsch erkannte. Auch von Freuds Psychoanalyse hielt er nichts und verspottete ihn als "Joseph der Traumdeuter".

Folgenreicher war jedoch der Streit mit dem Pharmakologen Arthur Heffter (1859 – 1925): Im Jahre 1886 hatte Lewin die Vereinigten Staaten bereist, wo bestimmte Rituale der Indianer mit dem Rauschkaktus Peyote sein Interesse weckten. Nach seiner Rückkehr versuchte er, das Wirkprinzip von "Anhalonium Lewinii" (heute: Lophophora williamsii var. lutea) zu ergründen, und behauptete, er habe in dem Kaktus vier Alkaloide gefunden, "darunter das Sinnestäuschungen erzeugende Mescalin". Tatsächlich gelang die Isolierung von Mescalin aber erst Heffter im Jahr 1896, worauf Lewin ihn beschuldigte, er habe nur eine Nachuntersuchung angestellt. Der spätere (ab 1932) Ordinarius für Pharmakologie Wolfgang Heubner (1877 – 1957) bescheinigte Heffter Korrektheit in dieser Sache, während er bei Lewin eine Neigung zur Selbstüberschätzung sah. Andere urteilten ähnlich, sodass Heffter und nicht Lewin 1908 die Nachfolge Liebreichs als Ordinarius antrat.

Lewin hielt seine Vorlesungen weiterhin in einer von ihm gemieteten Wohnung in der Ziegelstraße nah bei der Charité. Darüber berichtete Heubner: "Im Unterricht war Lewin eine Berühmtheit, scharenweise strömten die Studenten zu ihm ... Die Vorlesungen des damaligen Ordinarius für Pharmakologie (gemeint ist Heffter) waren derart fade, daß aus dessen schönem Hörsaal mit den neuesten Errungenschaften in punkto Demonstration, Tierversuchen usw. eine allgemeine Flucht einsetzte ...".

Mit Sarkasmus und Humor

Ein anderer Zeitzeuge, der Pharmakologe Siegfried Walter Loewe (1884 – 1963), vermerkte:

"Er (Lewin) lehrte unbekümmert um Schul- und Tagesmeinung. Sarkastisch schwang er die Geißel. Drastischer Humor gestaltete den Gegenstand anschaulich, und reicher Anekdotenschatz stellte Hilfen. Doch das allein kann nicht der Grund gewesen sein, warum Lewin seinen Hörsaal das ganze Semester hindurch unvermindert voll hatte. Es war das unausweichliche Gefühl, da er aus eigenstem reichem Erleben den Stoff formte, dass hier ein Gehirn von vielseitiger Begabung gedrängtestes Wissen aus Historie, Naturwissenschaft, Medizin und Alltag gespeichert und darin sein Fachwissen verankert hatte, – und von dem allem übersprudelnd an den Hörer abgab."

Dem möchte man hinzufügen, dass dies auch für Lewins populärwissenschaftliche Bücher gilt: "Die Gifte in der Weltgeschichte" (zuerst 1920) und "Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genußmittel" (zuerst 1924) waren lebendig und allgemein verständlich geschrieben.

Pionier der Gewerbetoxikologie

Insgesamt hat man 265 Veröffentlichungen von Lewin gezählt, deren letztere größere 1929 ein weiteres Heft seiner "Beiträge zur Giftkunde" war. In diesem Bereich arbeitete Lewin bis zuletzt, wobei er die Zusammenarbeit mit der Industrie suchte, um die von ihren Produkten ausgehende "Möglichkeit der Gefährdung nach Kräften zu verringern oder aufzuheben". Deshalb hat man dem "ewigen Privatgelehrten" 1919 endlich eine Honorarprofessur für Gewerbetoxikologie an der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg zugebilligt.

Drei Jahre später erteilte auch die Berliner Universität Lewin einen Lehrauftrag innerhalb eines Extraordinariats. Den konnte der weltberühmte Pionier der Toxikologie aber nur kurze Zeit wahrnehmen, denn 1924 erlitt er einen Schlaganfall, der sein öffentliches Auftreten einschränkte. Ungebrochen blieb sein Hang zur Publizität. Zuletzt schrieb er "Die Frage der Rauschgifte ist eine Weltfrage", worin er eine "Reform der Bekämpfung" forderte – ein immer noch sehr aktuelles Thema.

Lewin starb am 1. Dezember 1929 in Berlin. In den 1980er Jahren erfuhr sein fruchtbares Wirken eine nachträgliche Würdigung, wozu Tagungen, die Wiederherstellung seines Grabes auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee, Gedenktafeln und die Umbenennung einer Straße in Berlin-Hellersdorf in "Louis-Lewin-Straße" beitrugen; zudem wurden einige seiner Bücher neu aufgelegt.


Quelle: www.toxcenter.de/artikel/Lewin-Prof-Louis-unser-Vorbild.php


Andreas Hentschel

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