Arzneimittel und Therapie

Früher Therapiebeginn bringt keine Vorteile

Erleiden Patientinnen mit Eierstockkrebs ein Rezidiv, dann steigt die Konzentration des Tumormarkers CA-125 oft schon mehrere Monate vor dem Auftreten klinischer Symptome an. Nach den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten Studie bringt eine bereits zu diesem Zeitpunkt begonnene Chemotherapie jedoch keine Vorteile bezüglich Überlebensrate oder Lebensqualität.

Beim Ovarialkarzinom ist in frühen und fortgeschrittenen Stadien die Operation Therapie der Wahl. Adjuvant werden beim fortgeschrittenen und auch bei einigen frühen Stadien standardmäßig Platin- und Taxan-haltige Chemotherapien angewendet. Tritt innerhalb von sechs Monaten nach Abschluss der Primärtherapie ein Rezidiv auf, spricht man von einem Platin-resistenten Tumor. Kommt es erst ab einem Jahr nach Therapiebeginn zu einem Rezidiv, handelt es sich um ein Platin-sensitives Ovarialkarzinom.

Tumormarker CA-125

Als Tumormarker dient beim Ovarialkarzinom das Cancer Antigen 125 (CA-125), ein Glykoprotein, das von den Krebszellen produziert und ins Blut abgegeben wird. Erhöhte CA-125-Werte treten jedoch z. B. auch bei Karzinomen der Bauchspeicheldrüse und Gallengänge sowie bei nichtmalignen Erkrankungen wie beispielsweise Leberzirrhose, akute Cholezystitis sowie Entzündungen auf. Bei der Verlaufskontrolle des Ovarialkarzinoms deuten erhöhte CA-125-Werte mit relativ hoher Sicherheit auf ein Rezidiv oder auf Metastasen hin. Oft steigen die Werte schon Monate, bevor klinische Symptome eines Rezidivs zutage treten, an. Ab welcher CA-125-Konzentration mit einer Zweit-Linien-Therapie begonnen werden sollte und ob regelmäßige Bestimmungen überhaupt sinnvoll sind, wird kontrovers diskutiert. Ein Grund ist, dass ein Anstieg der Tumormarker-Konzentration ohne gleichzeitige klinische Symptome eines Rezidivs zu großen psychischen Belastungen bei den betroffenen Frauen führen kann.

Ziel einer im Jahre 1996 begonnenen groß angelegten Untersuchung war es daher, bei Frauen mit Ovarialkarzinom-Rezidiv den Nutzen einer frühzeitigen, bereits bei ansteigenden CA-125-Werten einsetzenden Behandlung mit dem einer verzögerten, d. h. nach Auftreten der ersten Symptome beginnenden, Chemotherapie zu vergleichen.

Die Studie schloss zunächst 1442 Frauen mit Ovarialkarzinom ein, die sich nach einer Platin-basierten Erst-Linien-Therapie in vollständiger Remission befanden und deren CA-125-Konzentrationen im Normalbereich lagen. Alle drei Monate wurden klinische Untersuchungen durchgeführt sowie die CA-125-Werte bestimmt. War der Tumormarker auf das Doppelte des oberen Normalwertes angestiegen, wurden die Patientinnen (n = 529) in zwei Gruppen randomisiert: die erste Gruppe (n = 265) erhielt so bald als möglich (spätestens nach 28 Tagen), die zweite Gruppe (n = 264) erst nach Auftreten der ersten klinischen Symptome eine chemotherapeutische Behandlung. Das mittlere Alter der Patientinnen lag bei 60 bzw. 61 Jahren. Primärer Studienendpunkt war das Gesamtüberleben.

Tumormarker CA-125


Der Tumormarker CA-125 spielt beim Eierstockkrebs eine große Rolle. In der Verlaufskontrolle weisen erhöhte Werte mit relativ hoher Sicherheit auf ein Rezidiv oder auf Metastasen hin. Neben anderen gynäkologischen Tumoren gehen auch Tumore der Bauchspeicheldrüse und des Gallengangs oft mit erhöhten CA-125-Werten einher, ohne dass hier der Tumormarker den Stellenwert wie beim Ovarialkarzinom hat. Gutartige Erkrankungen, bei denen der CA-125-Wert erhöht sein kann, sind Leberzirrhose, akute Pankreatitis, akute Cholezystitis sowie gutartige gynäkologische Erkrankungen oder Entzündungen.

Frühtherapie bringt keine Vorteile

Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 56,9 Monaten waren in der Frühtherapie-Gruppe 186, unter der verzögerten Behandlung 184 Patientinnen verstorben. Unterschiede im Gesamtüberleben wurden zwischen den beiden Gruppen nicht festgestellt (hazard ratio, HR: 0,98, 95% CI 0,80-1,20, p = 0,85). Die mittlere Überlebenszeit vom Zeitpunkt der Randomisierung an gerechnet lag in der Frühtherapie-Gruppe bei 25,7, in der Gruppe mit der verzögerten Behandlung bei 27,1 Monaten.

Die Lebensqualität der Studienteilnehmerinnen wurde mithilfe des EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer) QLQ-C30 Fragebogens beurteilt. In der Frühbehandlungsphase betrug die Dauer vom Zeitpunkt der Randomisierung bis zur Verschlechterung der Lebensqualität bzw. dem Tod im Mittel 3,2 Monate, in der Spätbehandlungsgruppe 5,8 Monate (HR 0,71, 95% CI 0,58-0,88, p = 0,002). Die Autoren der Studie ziehen aus den Ergebnissen die Schlussfolgerung, dass es weder für das Gesamtüberleben noch für die Lebensqualität der Patientinnen einen Vorteil bringt, wenn ein Ovarialkarzinom-Rezidiv auf Basis ansteigender CA-125-Konzentrationen bereits vor Sichtbarwerden klinischer Symptome behandelt wird. Bei Ovarialkarzinom-Patientinnen, die sich nach einer Erstlinientherapie in kompletter Remission befinden, müssen nach Ansicht der Autoren keine routinemäßigen Bestimmungen des Tumormarkers CA-125 durchgeführt werden. Die Frauen sollten darüber informiert werden, dass es keine Beweise aus Studien für einen Benefit durch frühzeitige Behandlung gibt. Auch die Lebensqualität wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht verschlechtern, wenn mit der Zweitlinientherapie solange abgewartet wird, bis klinische Symptome eines Rezidivs zutage treten.

Ovarialkarzinom – Überlebensraten und Prävalenz


Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts (RKI) erkrankten in Deutschland im Jahre 2006 9670 Frauen an Eierstockkrebs, für 2010 wurden 9960 Erkrankungsfälle prognostiziert. Insgesamt lebten in Deutschland im Jahr 2006 etwa 26.000 Frauen, bei denen im Verlauf der vorangegangenen fünf Jahre Ovarialkrebs diagnostiziert worden war (5-Jahres-Prävalenz). Die Fünf-Jahres-Überlebensraten liegen zwischen 35% und 49% und sind damit im Vergleich zu anderen Tumoren der weiblichen Geschlechtsorgane relativ niedrig. 2006 verstarben in Deutschland nach den Daten der Krebsregistrierung 5636 Frauen an Eierstockkrebs.

Kritikpunkte der Studie

Die Ergebnisse der Studie werden von Kommentatoren teilweise sehr kritisch betrachtet. Als besonders problematisch sehen sie beispielsweise an, dass die lange Studiendauer sowie regulatorische und finanzielle Barrieren in einigen Ländern dazu geführt hatten, dass Patientinnen von einigen wirksamen Subtanzen nicht profitieren konnten.

Andererseits würdigen die Kommentatoren, dass die Autoren Ergebnisse veröffentlicht haben, die die bisherige grundsätzliche Auffassung, eine Krebserkrankung möglichst frühzeitig zu therapieren, bezüglich des Ovarialkarzinoms infrage stellen.


Quelle

Rustin, GJS, et al.: Early versus delayed treatment of relapsed ovarian cancer (MRC OV05/EORTC 55955): a randomized trial. Lancet (2010) 376, 1155 – 1163.

Morris, RT, Monk, BJ: Ovarian cancer: relevant therapy, not timing is paramount. Lancet (2010) 376, 1120 – 1122.

Diagnostik und Therapie maligner Ovarialtumoren. Interdisziplinäre S2-Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, www.awmf-leitlinien.de

www.krebsinformationsdienst.de/themen/untersuchung/tumormarker.php

Krebs in Deutschland 2005/2006, Häufigkeiten und Trends. Hrsg. von der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister e. V. (GEKID) und des Robert Koch-Instituts (RKI), 7. Ausgabe (2010).


Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

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