Präventionskongress

Herzensangelegenheit: Risikofaktoren erkennen und meiden

Etwa jeder zweite Tote in Deutschland erliegt einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems. Die hohe Prävalenz, Morbidität und Mortalität koronarer Herzerkrankungen erfordern besonders effektive Behandlungs- und Präventionsmethoden. Risikofaktoren, die durch einen ungünstigen Lebensstil verschlechtert werden, sind für die hohe Zahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mitverantwortlich, können aber präventiv beeinflusst werden.
Werner Richter
Foto: DAZ/ck

Aber nicht nur die Todesfälle sind dramatisch: ein überlebter Herzinfarkt oder Schlaganfall verändert das Leben des Betroffenen und seiner Angehörigen oft komplett. Und niemand kann sich zurücklehnen und sagen "ich bin gesund". Denn das Gefährliche ist, dass 85% der Herzinfarkte Menschen ohne vorherige Beschwerden treffen, führte Prof. Dr. Werner Richter vom Institut für Fettstoffwechsel und Hämorheologie, Windach, und Wissenschaftlicher Beirat des WIPIG, aus. Schmerzen in der Brust, eine Angina pectoris, treten erst auf, wenn bereits 70% der Blutgefäße am Herzen verschlossen sind. Bei solchen Beschwerden ist der Prozess der Atherosklerose schon sehr weit fortgeschritten: "Dann kann man nur noch versuchen, zu reparieren. Mit Vorbeugen oder Verhindern ist es dann vorbei", sagte Richter. Um das Herzinfarktrisiko zu minimieren, gilt es Risikofaktoren zu identifizieren, zu vermindern oder ganz auszuschalten. Bestimmte Risikofaktoren, die durch einen ungünstigen Lebensstil ausgelöst oder verschlechtert werden, sind zu einem wesentlichen Teil für die hohe Zahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich. Mit dem Vorliegen von Risikofaktoren nimmt die Gefahr für das Auftreten von Atherosklerose zu, aber so Richter, "ein Risikofaktor ist keine Krankheit". Entscheidend ist, wie viele Risikofaktoren vorliegen, wie ausgeprägt jeder Risikofaktor ist und wie lange sie bestehen. Zu den Risikofaktoren, die durch den Lebensstil beeinflussbar sind, zählen auch Fettstoffwechselstörungen, die mit einem erhöhten Cholesterinwert im Blut einhergehen. Cholesterin und seine Bedeutung bei jedem einzelnen Menschen ist als Risikofaktor aber nicht so einfach zu beurteilen. Pauschal zu meinen, je höher der Wert, umso schlechter ist es für den Betroffenen, das gehe nicht, so Richter. Man müsse den Menschen als Ganzes betrachten, um einen Lipid- und Stoffwechselbefund richtig zu interpretieren und die entsprechenden Behandlungsmaßnahmen einzuleiten.


Silvia Birkle
Foto: DAZ/ck

Aktion Herzensangelegenheit 50+

In Deutschland besteht ein Risikogefälle, die Prävalenz kardiovaskulärer Erkrankungen ist im Norden höher als im Süden. Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch in Bayern beobachten: Nirgendwo in Bayern ist das Risiko für einen Herzinfarkt so hoch wie in Oberfranken und der Oberpfalz. Das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung ist hier statistisch gesehen deutlich höher als im Süden des Freistaates, vor allem bei den über 50-Jährigen. Hier setzt die Aktion Herzensangelegenheit 50+ an. Silvia Birkle vom WIPIG stellte den Ablauf der Aktion und erste Zwischenergebnisse vor. Ziel der "Herzensangelegenheit 50+" war es, durch ein Screening Risikopersonen zu identifizieren und an konkreten Beispielen zu zeigen, was der Einzelne selbst tun kann, um seine Gesundheit zu erhalten, kardiovaskuläre Risikofaktoren und sein Gesundheitsrisiko zu verringern. Angeschrieben wurden die Apothekeninhaber in ausgewählten Gemeinden mit weniger als 9000 Einwohnern. Auf Informationsveranstaltungen für interessierte Apotheken wurde das Projekt detailliert vorgestellt. 13 Apotheken entschieden sich, mitzumachen. Deren Mitarbeiter wurden dann entsprechend in Beratung und Messung geschult. Im nächsten Schritt wurden die teilnehmenden Patienten rekrutiert. Neben Plakaten, Flyern, Briefen und Pressemitteilungen fanden viele persönliche Gespräche statt. In allen teilnehmenden Orten wurden in bekannten und möglichst barrierefreien Einrichtungen Informationsveranstaltungen für die Bevölkerung durchgeführt. Unter dem Motto "Der Mensch ist so alt wie seine Blutgefäße" wurde den Interessierten vermittelt, dass jeder etwas für seine Gesundheitssituation tun kann, wenn er sein persönliches kardiovaskuläres Risiko kennt. Im Endeffekt konnten insgesamt 1900 Teilnehmer im Alter von 50 bis 70 Jahren gewonnen werden. In einem anschließenden Screening wurden viele Informationen protokolliert: Angaben zu Alter, Geschlecht, Krankheitsvorgeschichte, Familienvorgeschichte für KHK, eingenommenen Arzneimittel und regelmäßiger Arztkontakt wurden ebenso notiert wie die Lebensgewohnheiten und der Alkohol- und Zigarettenkonsum. Neben dieser Befragung wurde auch gemessen: Körpergröße, Körpergewicht, Taillenumfang, Hüftumfang, Blutdruck. Abschließend wurde aus der Fingerbeere 150 μl Kapillarblut entnommen. Die Blutproben wurden an ein Labor geschickt und anschließend vom WIPIG ausgewertet und medizinisch beurteilt. Als Ergebnis wurde dem Patient eine Einstufung in eine Risikokategorie sowie eine entsprechende Empfehlung mitgeteilt. In der Risikokategorie I mit einem deutlich erhöhten Risiko wurde dem Patienten ein Arztbesuch empfohlen. Bei einer mäßigen Risikoerhöhung, Kategorie II, wurde empfohlen, den Risikofaktor durch Lebensstiländerung auszuschalten. In der Risikokategorie III lag kein feststellbares erhöhtes Risiko vor, es wurde daher keine Lebensstiländerung gefordert. Gemeinsam wurde ein Präventions-Pass erstellt, der die persönlichen Angaben des Patienten sowie seine Werte, die Beurteilung des persönlichen Risikos einer Herz-Kreislauf-Erkrankung und die vorgeschlagenen Präventionsmaßnahmen enthält. Nach einem Jahr werden alle Teilnehmer noch einmal um eine Blutprobe gebeten. Die Apotheken bieten den Teilnehmern während dieser Zeit eine individuelle Gesundheitsberatung durch Einzelgespräche alle drei Monate an. In diesen Folgegesprächen werden Zwischenziele gesteckt, Präventionsangebote vermittelt sowie die Umsetzung der Empfehlungen regelmäßig überprüft. Die vorliegende Zwischenauswertung der 124 Teilnehmer eines Zentrums zeigte, dass eine genetische/familiäre Ursache der kardiovaskulären Risiken nur bei 10% vorliegt, bei dem weit überwiegenden Teil ist die Risikoursache größtenteils durch den Lebensstil bedingt – und kann dementsprechend beeinflusst werden. Bei 35% der Aktionsteilnehmer wurde aufgrund der Laborwerte ein Arztbesuch angeraten, bei 54% wurden Lebensstiländerungen empfohlen und bei 11% ist keine Lebensstiländerung erforderlich.

Nach Ablauf eines Jahres werden die Werte wieder überprüft und daraus Vorschläge für eine weitere Beratung gemacht. Ziel sollte es sein, dass möglichst viele Aktionsteilnehmer nach einem Jahr nicht nur bessere Blutwerte haben, sondern dass sie auch sensibler geworden sind und in Zukunft bewusst und aktiv Vorsorge betrieben. Birkle zeigte sich zuversichtlich, dass die Präventionsbetreuung bei der abschließenden Kontrolluntersuchung nach einem Jahr mit der Erfassung der Zufriedenheit und einem verminderten Risiko für KHK erfolgreich sein wird.


Sonja Koch
Foto: DAZ/ck

Betreuung von Patienten nach Bypassoperation

Die hohe Prävalenz, Morbidität und Mortalität koronarer Herzerkrankungen erfordern besonders effektive Behandlungs- und Präventionsmethoden. Neben interventionellen Therapien und chirurgischen Verfahren spielen medikamentöse Therapien eine große Rolle. Doch eine hohe Non-Compliance bei Patienten mit KHK führt zu deutlich erhöhtem Risiko bezüglich Hospitalisierung, erneuter Revaskularisation und Mortalität. Strategien zur Förderung der Compliance sind daher von besonderer Bedeutung. Dr. Sonja Koch von der Apotheke des Universitätsklinikums Erlangen stellte ein Projekt zur pharmazeutischen Betreuung von Patienten mit koronarer Herzkrankheit nach aortokoronarer Bypassoperation vor. Dazu wurden von Januar 2007 bis April 2009 im Rahmen einer prospektiven, kontrollierten, offenen Interventionsstudie 180 Patienten nach einer aortokoronaren Bypass-Operation an der Herzchirurgischen Klinik des UK Erlangen eingeschlossen. Im Krankenhaus wurden nach stationärer Einweisung mehrere ambulante und stationäre Gespräche geführt und die Teilnehmer patientengerecht über ihre Erkrankung und die Möglichkeiten einer medikamentösen Therapie informiert. Vier Wochen nach der Entlassung wurde telefonisch ein Interview geführt, nach sechs und zwölf Monaten wurden noch einmal Laborwerte erhoben und mit einem Fragebogen Wissen und Lebensqualität ermittelt. Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, ob das LDL-Cholesterin der Interventionsgruppe ein Jahr nach Entlassung aus dem Klinikum stärker gesunken war, als der Wert der Kontrollgruppe, die nicht pharmazeutisch betreut wurde. Sekundäre Zielparameter waren eine Vielzahl weiterer klinischer Parameter wie HDL-Cholesterin, Gesamtcholesterin, Triglyceride, systolischer und diastolischer Blutdruck oder der HbA1c-Wert bei Diabetikern, sowie Lebensstilfaktoren wie der Raucherstatus, Body Mass Index, sportliche Aktivität oder Alkoholkonsum. Auch das Wissen der Patienten über ihre Erkrankung und die Möglichkeiten der Therapie wurden ausgewertet. Insgesamt war das Studienprotokoll gut in der Praxis umsetzbar. Allerdings musste eine hohe Quote an Nicht-Teilnehmern/Studienabbrechern festgestellt werden, so dass die Ergebnisse nur eine eingeschränkte Aussagekraft haben. Das LDL-Cholesterin sank in der Interventionsgruppe im ersten postoperativen Jahr tendenziell stärker als in der Kontrollgruppe, der Unterschied war jedoch nicht statistisch signifikant. Die Notwendigkeit adäquater und effektiver Präventions- und Behandlungsstrategien bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit ist sehr groß, so Koch in ihrem Fazit. Auch wenn die beobachteten Effekte in der Untersuchung im ersten postoperative Jahr nach einer Bypass-Operation nicht vollkommen konsistent waren, so scheint das vorliegende Konzept zur Optimierung der Arzneimitteltherapie der Patienten geeignet.

ck

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