Selbstmedikation

Mit galenischem Kniff die Hautbarriere durchdringen

Der Arzneistoff allein verabreicht hat meist nicht die gewünschte Wirkung. Erst die dazu passend entwickelte Galenik macht aus ihm ein wirksames Arzneimittel. Wir sprachen mit Prof. Dr. Alfred Fahr, pharmazeutischer Technologe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, über die galenischen Besonderheiten des neuen Diclofenac-Schmerzsprays.
DAZ: Herr Professor Fahr, was ist das Innovative an dieser neuen Applikationsform für Diclofenac?

Fahr: Das Spray basiert auf einer neuen Galenik, die eine Sprühapplikation ermöglicht und nach dem Verdunsten des Lösungsmittels den Phasenswitch von einer flüssigen zu einer gelartigen Struktur vollzieht.


DAZ: Was bedeutet das?

Fahr: Bei dem Diclofenac-Spray handelt es sich um eine mizellare Lösung. Der Wirkstoff Diclofenac-Natrium ist dabei als Bestandteil des Mizellenaufbaus in die Soja-Lecithin-Matrix eingebettet. Nach dem Aufsprühen und der Verdunstung des Alkohols vergrößert sich der Mizellendurchmesser von durchschnittlich 9 auf 19nm geringfügig, was aber weiterhin in der mizellaren Größenordnung liegt. Dies konnte elektronenmikroskopisch bestätigt werden. Damit ist er in etwa 2000 Mal kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haares und damit unter einem Lichtmikroskop nicht erkennbar.


DAZ: Was ist das Besondere bei der Herstellung dieser Mizellen?

Fahr: Das Besondere liegt in der Auswahl und der Konzentration der Hilfs- und Wirkstoffe. Der wesentliche Bestandteil und Grundlage für die Bildung der mizellaren Struktur sind die ausgewählten Soja-Lecithine und deren spezifische Zusammensetzung. Nur bei einem bestimmten Konzentrationsverhältnis der enthaltenen Phospholipide, Diclofenac-Natrium (4%) und der wässrig-alkoholischen Lösung liegt eine optisch transparente mizellare Lösung vor.


DAZ: Was sind die Auswir-kungen dieser Technologie für die Penetrationseigenschaften des Wirkstoffes?

Fahr: Mizellen sind winzig kleine kugelige Strukturen aus Tensiden, die aus nur einer Molekülschicht bestehen. Diese Monolayer sind dafür bekannt, dass sie perfekte Trägersysteme für geeignete Wirkstoffe sind. Dem eingebetteten Diclofenac kommt hier sogar die Rolle eines Co-Tensids zu. Nach dem Aufsprühen auf die Haut gibt es drei mögliche Effekte, die für die sehr gute Penetration verantwortlich sind. Erstens verwandelt sich nach dem Verdunsten des Alkohols die kolloidale Lösung in eine Gelschicht, die einen sehr intensiven Kontakt zur Hautoberfläche vermittelt und somit die erste Voraussetzung für eine optimale Penetration ist. Zweitens erhöhen die Mizellbildner, also unter anderem die Soja-Lecithine, über eine molekulardisperse Verteilung vorübergehend die Durchlässigkeit der Haut für den Wirkstoff im Sinne eines Penetrationsverstärkers. Und drittens können die Mizellen selbst als Transportvehikel den eingebetteten Wirkstoff beschleunigt in die Haut führen.


DAZ: Kommt der Wirkstoff in ausreichend hoher Konzentration im Zielgewebe an?

Fahr: In einer Bioverfügbarkeitsstudie wurde die Konzentration des Wirkstoffes im Muskelgewebe via Microdialyse, das heißt über einen Dialyseschlauch im Gewebe, bestimmt. Dabei konnte als Ergebnis festgehalten werden, dass nach lokaler, topischer Verabreichung als Spray eine vergleichbar hohe Konzentration von Diclofenac im Zielgewebe erreicht wurde, wie bei oraler Applikation, bei der der Wirkstoff durch den ganzen Körper bis zum Zielort wandern muss.


DAZ: Ist die topisch applizierte Wirkstoffkonzentration ausreichend hoch für einen klinischen Effekt?

Fahr: Über die Effektivität und Sicherheit des vierprozentigen Diclofenac-Sprays gibt eine Studie an 236 Patienten versus Placebo Auskunft. Diese Studie konnte zeigen, dass das Spray dem Placebo signifikant überlegen war und zwar sowohl im prozentualen Grad des Schwellungsrückgangs als auch im Rückgang des Spontanschmerzes während der Behandlungszeit. Dabei bewegte sich die Verträglichkeit der Verum-Behandlung auf Placebo-Niveau.


DAZ: Herr Professor Fahr, vielen Dank für das Gespräch!

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