Deutscher Apothekertag 2010

Gemeinsam sich den Herausforderungen stellen!

Die aktuellen Entwicklungen in der Gesundheitspolitik nahm ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf in seinem Lagebericht zum Anlass, die Frage nach der zukünftigen Finanzierung der Gesundheitsversorgung sowie der Positionierung der Apotheker im Gesundheitssystem zu erörtern: "Wir brauchen keine Jahrhundertreformen alle vier Jahre. Wir brauchen eine vorausschauende und stabile Politik."

Inhaltsverzeichnis: Deutscher Apothekertag 2010


ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf
Foto: DAZ/Schelbert

Dass es in Bezug auf das Sozialversicherungssystem Handlungsbedarf gibt, sei unstrittig. Die Politik versuche mit Reformen das Problem anzugehen. Reformen der Einnahmeseite, Reformen der Ausgabenseite, Jahrhundertreformen und auch Reformen als politischen Kompromiss.

Zukünftige Finanzierung der Gesundheitsversorgung

Die mit dem GKV-Änderungsgesetz von der Regierung beschlossenen kurzfristigen Maßnahmen zur schnellen Systemstabilisierung wie Herstellerrabatte und Preismoratorium greifen zwar, so Wolf. Aber die beschlossenen Belastungen treffen nicht nur die Hersteller! Es wird deutlich, so Wolf, dass viele Hersteller nicht gewillt – und vielleicht auch nicht in der Lage – sind, die Lasten allein zu tragen. Sie geben sie auf die nachgelagerte Distributionsebene ab, z. B. auf den Großhandel. Der reicht sie weiter an die Apotheken durch Änderungen der AGBs, Kürzung der Skonti und verkürzte Zahlungsfristen oder "Belieferungsgebühren".

Der Entwurf für das GKV-Finanzierungsgesetz werde bei Umsetzung erhebliche Auswirkungen auf die Apotheken haben. Nicht nur das für 2011 erwartete Defizit im Gesundheitssystem von elf Milliarden Euro soll gedeckt, sondern zugleich auch der Systemwechsel vollzogen werden. Wolf wies darauf hin, dass nicht unterschätzt werden darf, dass auch die Apotheken und die Mitarbeiter in den Apotheken belastet werden, wenn der Arbeitgeberanteil eingefroren wird und Zusatzbeiträge für die Versicherten ausgebaut werden, damit mehr Steuern ins System fließen. "Steigende Sozialbeiträge belasten auch die Ausgabenseiten der Apothekenbetriebe – genauso wie die Gehaltszettel der Angestellten."

Auch die vorliegenden Gesetzentwürfe zum AMNOG werden mit Kosten zulasten der Apotheker einhergehen: "Wir Apotheker kommen keinesfalls ungeschoren davon. Wer das behauptet, hat keine Ahnung, oder ist bösartig." Das Gegenteil träfe zu: Apotheker werden von einer Vielzahl der vorgesehenen Regelungen betroffen. Die geplante neue Großhandelsvergütung führt durch Kürzungen des Apothekenertrages zu massiven Einschnitten in die flächendeckende, wohnortnahe und sichere Arzneimittelversorgung durch Apotheken. Wer den Apotheken das Einkommen kürzt, der muss auch sagen, wo er bei der Arzneiversorgung sparen will, so Wolf, der die Frage an die Politik stellte, bei welchen Dienstleistungen der Apotheke denn gespart werden soll?

Dem Datenschutz mehr Aufmerksamkeit schenken

In seinem Lagebericht ging ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf auch auf einen Randaspekt der Diskussion um den Versandhandel ein, dem bisher nach seiner Ansicht viel zu wenig Beachtung geschenkt wird: Auch aus datenschutzrechtlichen Gründen müsse gegen Pick-up-Stellen, gegen die Ausfransung des Versandhandels vorgegangen werden. Immer wieder wird bekannt, dass sensible persönliche Daten durch Datenlücken in die Öffentlichkeit gelangen oder im Internet zugänglich gemacht werden. Beim Versandhandel werden Rezepte und Kundendaten durch die Welt geschickt und serverbasiert gesammelt. Da müsse es erlaubt sein, so Wolf, den Gedanken weiter zu spinnen, was passiert, wenn Patienten bei einer Pick-up-Stelle in einem Drogeriemarkt ihr Rezept abgeben. Diese haben ausschließlich Verträge mit im Ausland angesiedelten Versandhändlern. Die Rezepte mit allen persönlichen Daten, Krankheitsdaten, Versichertennummer, Arztdaten und Nummer werden völlig legitim ins Ausland transferiert. Und das bedeutet, dass diese sensiblen Daten den Geltungsbereich des deutschen Datenschutzes verlassen. Es gibt im Ausland sogenannte Pharmacy-Benefit-Management-Organisationen, die zum Teil Inhaber dortiger Apotheken sind und die Daten der Patienten und die Daten der Ärzte und Kassen mit den Herstellern tauschen. "Ein Traum für diese. Ein Albtraum für die Patienten und Ärzte in Deutschland." Wolf fordert daher von der Politik, dass sie beim Thema Pick-up-Verbot jetzt handeln muss. Das Hin und Her der Politik sei nicht nachvollziehbar. Erst beschließt sie den Versandhandel, dann will man – zu Recht – seine Ausfransungen nicht. Daraufhin schreibt die Bundesregierung das Pickup-Verbot in den Koalitionsvertrag und in den AMNOG-Gesetzentwurf, streicht dann die Regelung aber kurzerhand nachträglich wieder raus. "Wer das Ausufern des Versandhandels, wer das Ausnutzen von Schlupflöchern nicht will, der muss sie eben stopfen!" Darum lautet die Forderung, das im Koalitionsvertrag vereinbarte Verbot der Pick-up-Stellen müsse unverzüglich mit einer rechtlich tragfähigen gesetzlichen Regelung umgesetzt werden.

"Die Verhältnismäßigkeit in der Gesetzgebung muss bewahrt bleiben. Es kann nicht sein, dass Ärzte und Krankenhäuser weitere Zuwächse erhalten – wir Apotheker dagegen einseitig belastet werden."

ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf

Geplante Packungsgrößenumstellung

Als weiteren Punkt mit erheblicher Apothekenrelevanz sprach Wolf die im AMNOG geplante Umstellung der Packungsgrößen auf Therapiedauer an. Nach ersten Berechnungen betrifft das ca. 80.000 Packungen, die umgestellt werden müssten. Da eine Übergangsregelung im Gesetzentwurf bisher nicht enthalten ist, wären aufwendige Softwareumstellungen und hohe Lagerwertverluste für die Apotheken die Folge, so Wolf. Ganz abgesehen vom enormen umstellungsbedingten Informationsbedarf der Patienten, den die Apotheker stillen müssen, erhalten die Patienten größere bzw. größte Arzneimittelmengen als Folge der Regelung. "Für die Kassen bedeutet das Fehlinvestitionen und mehr Arzneimittelmüll." Die ABDA fordert daher, die geplante Regelung ganz aus dem AMNOG zu streichen. Sie solle nach Ansicht Wolfs mit der gebotenen Gründlichkeit und unter Einbindung des apothekerlichen Sachverstandes in Ruhe aufbereitet werden. Einen weiteren großen Beratungsbedarf sieht Wolf auch bei der geplanten neuen Regelung zur Austauschbarkeit von Arzneimitteln auf die Apotheker zukommen. Nach dem Gesetzentwurf wäre bereits die Übereinstimmung nur eines Anwendungsbereiches hinreichend für die Substituierbarkeit in der Apotheke. "Diese Linie ist falsch!" Das könne dazu führen, dass Patienten Arzneimittel erhalten, in deren Packungsbeilage ihre individuelle Erkrankung gar nicht berücksichtigt ist. Keine spezifische Dosierungsanleitung, keine Angaben zur Therapiedauer und keine konkreten Anwendungshinweise. Verunsicherung und Non-Compliance seien die Folge. Die ABDA fordert daher, dass auch diese Passage im Gesetzentwurf gestrichen wird.

Den Heilberuf leben

In unserer schnelllebigen Zeit müsse darauf geachtet werden, dass die Werte des pharmazeutischen Heilberufs politisch nicht verloren gehen oder finanziellen Begehrlichkeiten geopfert werden. Und welchen Stellenwert die Apotheker in der Gesundheitsversorgung einnehmen, das hat auch etwas mit Werten zu tun, führte Wolf aus. Werte wie Unabhängigkeit, Sicherheit, Glaubwürdigkeit und Verantwortungsbereitschaft lassen sich nicht politisch verordnen, betonte Wolf, sie müssen von innen gewollt und gelebt werden. "Unsere Werte sind gestern wie heute richtig." Und auch wenn sich manche Politiker von den Patienten entfernt haben, Apotheken für verzichtbar halten, und glauben, Pharmazie könne via Automat und Internet geregelt werden, sind die Menschen ganz anderer Meinung. Wolf stellte eine Umfrage vor, die zeigte: die Menschen wollen die Beratung aus der Apotheke und zwar unabhängig, vertraut und persönlich.

"Dagegen ist Google-Street-View ein Peanut."

ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf über drohende Datenschutzprobleme bei der Speicherung von Rezeptdaten im Ausland

Arzt und Apotheker teilen sich die Verantwortung

Von Apothekern wird immer mehr Qualität vonseiten der Politik und der Krankenkassen erwartet. Diese Forderungen werden aber regelmäßig durch kurzfristige und eindimensionale Sparmaßnahmen konterkariert. Dabei, so Wolf, müssen Einsparungen aber kein Widerspruch zu einer guten Versorgung sein, wenn sie richtig ausgestaltet werden und an der richtigen Stelle ansetzen. Die Forderung Wolfs lautet daher, im Rahmen der aktuellen Gesetzesvorhaben die seit Langem vorliegenden Vorschläge der Apothekerschaft zu einer nachhaltigen Weiterentwicklung der Arzneimittelversorgung zu berücksichtigen. ABDA und Kassenärztliche Bundesvereinigung KBV haben ein gemeinsames Konzept entwickelt, das eine nachhaltige Lösung für die zukünftige Arzneimittelversorgung für Ärzte, Apotheker, Patienten und Krankenkassen bietet. Kern ist eine gemeinsame neue Rollenverteilung in der Arzneimittelversorgung. Es geht dabei um den richtigen Aufgabenzuschnitt, um Verantwortung, Kooperation und Patientennähe, und es geht um Institutionalisierung und Systematisierung der Zusammenarbeit der Ärzte und Apotheker.

Nach dem ABDA-/KBV-Konzept ist der Arzt in Zukunft für die Diagnose, die Festlegung der Therapie, die Auswahl des Wirkstoffes, dessen Dosierung und die Dauer der Einnahme verantwortlich. Der Apotheker wählt dann das Fertigarzneimittel aus, das für den jeweiligen Patienten am besten geeignet ist, gibt dieses unter entsprechender Beratung ab und begleitet den Patienten pharmazeutisch, indem dazu ein Medikationsplan erstellt wird, der genau anzeigt, welches Arzneimittel in welcher Dosierung wann und wie lange eingenommen werden soll. Die Verordnungen im Generikabereich könnten mit dem Garantiepreismodell kombiniert werden. Dabei wählt der Apotheker innerhalb eines Preiskorridors das für den Patienten am besten geeignete Fertigarzneimittel. Die Krankenkassen können mit garantierten Preisen rechnen. Denn, so Wolf, dieses Konzept ermöglicht wirklichen Preiswettbewerb auf Basis transparenter und niedriger Preise. Der Politik legte Wolf eindringlich nahe, dieses gemeinsame Konzept nicht nur genau zu prüfen, sondern anzunehmen. "Lösungen, die aus dem System und von direkt Verantwortlichen kommen, sollten von der Politik auch gewürdigt werden."

ck


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