DAZ aktuell

Visionen zum künftigen Gesundheitswesen

DÜSSELDORF (cs). Die AG Zukunft des Gesundheitswesens diskutierte mit etwa 200 Interessierten am 22. September 2010 in Düsseldorf Lösungsansätze und Weichenstellungen für eine flächendeckende medizinische Versorgung angesichts des demografischen Wandels. Neun Experten stellten in Kurzvorträgen die Chancen und Möglichkeiten vor.

Die Auswirkungen des demografischen Wandels zeigte der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. Eberhard Wille, auf. In allen Heilberufen außer im Berufsstand der Apotheker sei ein deutlicher Anstieg der über 50-Jährigen in den vergangenen 20 Jahren festzustellen. Vor allem die hausärztliche Versorgung beurteilte Wille als gefährdet. Als mögliche Lösungen nannte er neben einer gezielten Nachwuchsrekrutierung eine Öffnungsklausel für Medizinische Versorgungszentren in dünner besiedelten oder schlecht versorgten Regionen sowie eine stärkere Delegation und Substitution ärztlicher Tätigkeiten an medizinisches Hilfspersonal. Außerdem müsse man sich bei der Planung der medizinischen Flächenversorgung stärker an den Morbiditätsstrukturen orientieren.

Attraktivität steigern

Mehr als 35 Prozent der Hausärzte in Westfalen-Lippe sind über 55 Jahre alt und es müssten jedes Jahr etwa 350 junge Hausärzte ihre Tätigkeit aufnehmen, um die Versorgung flächendeckend sicherzustellen – im vergangenen Jahr waren es lediglich 230, berichtete Dr. Michael Schwarzenau von der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Um eine Steigerung zu erreichen, müssten das Umfeld und die Arbeitsbedingungen attraktiver gestaltet werden. Dazu gehörten der Abbau von Bürokratie und eine bessere Bezahlung. Um eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen, werde die Weiterbildung der medizinischen Fachangestellten an Bedeutung gewinnen, weshalb bereits heute schon ein breites Spektrum an Qualifikationsmöglichkeiten angeboten werde. Die Chancen und Vorteile der Telemedizin werden von Klinikärzten deutlich positiver beurteilt als im niedergelassenen Bereich. Hier bestünde noch Aufklärungsbedarf.

Politik hat Demografie bewusst ausgeblendet

Aus Sicht der Sozialgesetzgebung erläuterte Dr. Rolf Koschorrek, Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Gesundheitsausschuss des Bundestags, welche Folgen die in der Politik lange Zeit zwar bekannte, aber bewusst ausgeblendete demografische Entwicklung haben wird. Besonders eklatant sei dabei der Fachkräftemangel, der durch die Feminisierung der Heilberufe noch verstärkt werde. Zukünftig werde es weniger Einzelpraxen geben. Ärzte müssten ebenso wie Rechtsanwälte oder Steuerberater lernen, sich als Freiberufler neu, nämlich verwurzelt in Teams, zu positionieren. Die Teams müssten sich allerdings ohne politischen Zwang unter Berücksichtigung der regionalen Bedürfnisse und Nutzung von telemedizinischen Netzwerken entwickeln.

2020: Paramedics und Systempartnerschaften

Die Versorgung im Jahr 2020 beschrieb Dr. Udo Janssen, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Krankenhausinstitutes. Im Augenblick werde eine Leistungsstandardisierung angestrebt, die aber 2020 in eine Leistungsindividualisierung münde. Dies bedinge eine Pauschalorganisation von Leistungspaketen und Individualleistungen, zwischen denen der Patient wählen könne. Konkret werde es also zu Leistungsausgrenzungen kommen. Zudem werde eine verstärkte Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen notwendig, die von "Paramedics" übernommen werden. "Es werden sich gezielte Systempartnerschaften – zum Beispiel ein durch ein Pharmaunternehmen finanziertes Krankenhaus mit allen sich daran anschließenden Versorgungsstrukturen – bilden", so Janssen.

Realitäten im Ärztenetzwerk

Einen Blick hinter die Kulissen eines Ärztenetzwerkes unter den bestehenden politischen Bedingungen und Entwicklungen, Erfahrungen mit Selektivverträgen mit Krankenkassen und die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie, erlaubte der Vortrag von Stephan Besl. Der Geschäftsführer der Gesundheitsunternehmen donauMED, iprogema und Praxisnetz Laabertal organisiert seit 2005 diese Ärztekooperation mit dem Ziel, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Region zu erhalten. Durch die gesetzlichen Regelungen des § 73 b SGB V brachen jedoch viele erste Erfolge im Jahr 2008 wieder weg. Besl betonte, dass neben diesen gesetzlichen Veränderungen auch der politisch genutzte Slogan "Gesundheit ist das höchste Gut" einer nachhaltigen Veränderung in der Gesellschaft zur Versorgung entgegenstünde. Patienten müssten wieder verstärkt für den Erhalt ihrer eigenen Gesundheit in die Pflicht genommen werden und die Verantwortung nicht an Ärzte und Krankenkassen weiterreichen.

Lösungsvorschlag der Pharmaindustrie

Die Sicht der Pharmaindustrie stellte Dr. Stefan Sauer, Novartis Pharma GmbH, vor. Er beurteilte selektive Verträge der Arzneimittelhersteller mit den Krankenkassen– auch vor dem Hintergrund der neuen Anforderungen des AMNOG – als sinnvoll. Dies zeigten zum Beispiel die Erfahrungen mit dem Präparat Lucentis® Hier haben die Krankenkassen wegen der hohen Kosten entweder Selektivverträge mit einigen Ärzten zur Versorgung ihrer Versicherten geschlossen oder es wurde ein Erstattungshöchstbetrag festgelegt. Solche Selektivverträge mit der Pharmaindustrie wären für Krankenkassen eine Chance, die Versorgung ihrer Versicherten in dünn besiedelten Regionen zu organisieren. Sauer forderte die strategische Entwicklung von der Politik, während die Exekutive durch die Krankenkassen erfolgen sollte. Systempartnerschaften böten eine gute Lösung für die Versorgung, wenn es gelänge, die Vorbehalte zwischen Ärzten, ambulanter und stationärer Versorgung, Pharmaindustrie und Krankenkassen abzubauen.

Bedürfnisse des Patienten nicht vergessen

Jürgen Hahn, Vorstandsvorsitzender der BKK Essanelle, und Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender AOK Rheinland/Hamburg, beschrieben aus Sicht zwei sehr unterschiedlich agierender Krankenkassen die Anforderungen an ein zukünftiges Gesundheitswesen. Beide hoben hervor, dass alle politischen Aktivitäten stärker die Bedürfnisse der Patienten in den Fokus nehmen müssten. So kann der Einsatz eines "Herzhandys" eine bessere Versorgung von Herzpatienten erreichen. Die Patienten fühlten sich sicherer, da sie stets mit ihrem Kardiologen in Kontakt treten oder regelmäßig Blutdruck und einige andere Messungen ohne einen Praxisbesuch durchgeführt werden könnten. Dies spare Kosten und ermögliche zugleich ein frühzeitiges ärztliches Eingreifen, sofern dies notwendig werde, so Hahn. Jacobs forderte eine an den Bedürfnissen des Patienten ausgerichtete Gesundheitspolitik. Das gelte auch für die Entwicklung von Leitlinien. Auch die Bürokratie müsse deutlich verringert werden, da Ärzte inzwischen ohne einen einzigen Patientenkontakt Vollzeit beschäftigt wären. Integrierte Versorgung sei ein gutes Instrument zur Sicherung der Qualität, allerdings nur dann sinnvoll, wenn der Patientennutzen im Vordergrund stehe. Er sprach sich für mehr Experimentierfreudigkeit im Gesundheitswesen aus, da Modelle größere Chancen böten, als ein vehementes Ablehnen neuer Ideen.

Berichtigung


(daz). In diesem DAZ-Bericht über die AG Zukunft des Gesundheitswesens berichteten wir über einen Vortrag des MdB Dr. Rolf Koschorrek. Versehentlich ordneten wir Herrn Koschorrek der FDP zu, außerdem wurde sein Vorname falsch wiedergegeben, wofür wir uns hiermit entschuldigen. Dr. Rolf Koschorrek gehört der CDU an, er ist u. a. Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages und Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Gesundheitsausschuss.

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