Arzneimittel und Therapie

Von der Anti-Baby-Pille zur Pro-Baby-Pille

Die Zeit der Schwangerschaftsverhütung stellt sich als besonders günstig dar, bei anschließendem Kinderwunsch für die Gesundheit des Kindes Vorsorge zu tragen. So lassen sich hohe Folatspiegel zur Verhinderung von Neuralrohrdefekten nur dann sicherstellen, wenn noch vor der Schwangerschaft daran gedacht wird. Tatsächlich sind aber vier von fünf Frauen im gebärfähigen Alter unterversorgt, und eine Folsäuresubstitution mit Beginn der Schwangerschaft kann den Mangel oft nicht mehr hinreichend ausgleichen.

Nach Absetzen der "Pille" werden mehr als 20 Prozent der Frauen bereits im ersten Monat schwanger und nach drei Monaten ist es knapp die Hälfte. Einer Umfrage in Europa zufolge wird zudem jede dritte Frau ungewollt schwanger und jede zweite Frau mit Kinderwunsch hält es nicht für nötig, das Absetzen der "Pille" mit ihrem Gynäkologen zu besprechen. Diese Zahlen legen nahe, dass die Mehrzahl der Frauen nicht mit ausreichenden Folatspiegeln geschützt ist, wenn sie schließlich schwanger sind. Das Zeitfenster von der Folatunterversorgung bis zum – erhöhten – Folatbedarf während des ersten Trimenons kann dann oft nicht mehr rechtzeitig geschlossen werden. Denn die vulnerable Zeit des Neuralrohrverschlusses ist klar definiert und mit dem 24. bis 28. Tag nach der Konzeption sehr früh angesiedelt. Viele Frauen wissen allerdings selbst zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, dass sie schwanger sind.

Zur Bestimmung schützender Folatspiegel ist das Serumfolat nicht aussagekräftig. Hohe Serumfolatspiegel können durchaus über eine unzureichende Anreicherung der Erythrozyten hinwegtäuschen. Aufgrund der essentiellen Bedeutung der Folate für Zellteilungsprozesse sollten während des Neuralrohrverschlusses somit idealerweise Erythrozytenfolatspiegel von etwa 900 nmol/l vorliegen. Solch hohe Werte mit geringstem Risiko für die embryonale Entwicklung lassen sich jedoch nur über einen längeren Zeitraum aufbauen. So vergehen bis zur kompletten Aufsättigung der Erythrozyten mit Folat 40 Wochen. Nahrungsfolat alleine, das insbesondere in Obst und Gemüse wie zum Beispiel Blattspinat (die Bezeichnung Folat stammt aus dem lateinischen Folium = Blatt) enthalten ist, reicht allerdings kaum aus. Ein täglicher Obst- und Gemüseverzehr von 600 bis 700 g wäre die Voraussetzung. Tatsächlich werden aber im Mittel nur 260 g pro Tag aufgenommen. Gegenüber einer täglichen Zufuhr von durchschnittlich 250 µg Folat über die Ernährung kann es jedoch mit einer Substitution von 400 µg Folsäure bzw. äquimolarer Mengen an Folat (5-Methyltetrahydrofolat = 5-MTHF; Metafolin) täglich gelingen, die Erythrozytenfolatspiegel schon innerhalb von acht bis zwölf Wochen auf 900 nmol/l anzuheben. Die natürliche Wirkform 5-MTHF ist dabei der Folsäure überlegen, da sie bereits biologisch aktiv ist und nicht mehr verstoffwechselt werden muss, während Folsäure als Supplement oberhalb einer Schwelle von 200 µg pro Tag auch in nicht metabolisierter Form ins Blut gelangt.

Mit kombinierter "Pille" Versorgung sichern

Da die Folatelimination umgekehrt proportional zur Invasion verläuft, dauert es nach Absetzen von Folatsupplementen ebenfalls 40 Wochen, um auf die ursprünglichen Folatspiegel zurückzufallen. Nicht zuletzt aufgrund der Überlebensdauer der Erythrozyten von 90 Tagen bleibt aber auch acht bis zwölf Wochen nach Absetzen der Supplementierung ein hohes Speicherniveau in den Erythrozyten von rund 900 nmol/l erhalten. Wird die Folatsupplementierung an die "Pille" gekoppelt, wie es das "PLUS-Konzept" von Bayer Schering Pharma vorsieht, stellt diese Kinetik somit sicher, dass drei Monate nach Absetzen der "Pille" immer noch hinreichend hohe Folatspiegel vorhanden sind. Parallel zum Kinderwunsch kann dann mit einer deutlichen Reduktion des Risikos von Geburtsanomalien gerechnet werden. Ausgehend von einer Prävalenz an Neuralrohrdefekten in Höhe von 6,7 pro 10.000 Geburten in Deutschland verspricht man sich schließlich eine Halbierung dieser Zahl, wenn die gängigen Kontrazeptiva mit Folatsupplementierung kombiniert werden. Bayer Schering Pharma hofft auf erste Zulassungen von mit Folat kombinierten oralen Kontrazeptiva im Jahr 2011.

Quelle Nach Ausführungen von Prof. Dr. med. vet. Klaus Pietrzik, Bonn, Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Wolfgang Holzgreve, Basel, und Dr. med. Joachim Marr, Global Clinical Development Women’s Healthcare, Bayer Schering Pharma AG, Berlin, auf der Pressekonferenz "Das PLUS-Konzept – mehr als Verhütung" von Bayer Vital am 3. September 2010 in Berlin. 

 


 

Martin Wiehl

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