Arzneimittel und Therapie

Bisphosphonate erhöhen Krebsrisiko nicht

Der Gebrauch von oralen Bisphosphonaten in der Osteoporosetherapie ist in den letzten Jahren weltweit stark gestiegen. Während Ösophagitis eine bereits seit Langem bekannte Nebenwirkung der Bisphosphonate darstellt, deuteten jüngste Berichte sogar auf einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Bisphosphonaten und der Entstehung von Speiseröhrenkrebs hin. Belastbare Studien fehlten jedoch bislang. Die Auswertung von über 80.000 Patientendaten ergab nun, dass die Bisphosphonat-Therapie nicht mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergeht.

Anhand von Daten der UK General Practice Research Database aus dem Zeitraum von Januar 1996 bis Dezember 2006 verglichen die Forscher die Inzidenz von Speiseröhren- und Magenkrebs in einem Patientenkollektiv, das orale Bisphosphonate einnahm mit der Inzidenz in einer Bisphosphonat-freien Kontrollgruppe. Eine statistische Analyse der Rohdaten ergab, dass Magenkrebs, gemessen an der aufgrund von Erfahrungswerten zu erwartenden Häufigkeit, etwa 30% unterrepräsentiert war (standardisierte Inzidenzratio SIR = 0,70 [95% Konfidenzintervall: 0,53 bis 0,91]). Diese Beobachtung führten die Wissenschaftler auf die Tatsache zurück, dass Tumoren am Mageneingang für die Eingabe in die Datenbank überwiegend als Speiseröhrenkrebs klassifiziert wurden. Auf eine Bestimmung des isolierten Magenkrebsrisikos wurde daher verzichtet, stattdessen fokussierte sich die Risikoanalyse auf die Inzidenz von reinem Speiseröhrenkrebs bzw. das gemeinsame Auftreten von Speiseröhren- und Magenkrebs.

Behandlungsdauer ebenfalls ohne Einfluss

Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 4,5 Jahre in der Bisphosphonat- bzw. 4,4 Jahre in der Kontrollgruppe. Nach Ausschluss der Patienten mit einer Follow-up-Periode von weniger als sechs Monaten, wurden in jeder Kohorte 41.826 Patienten (81% Frauen, Durchschnittsalter 70,0 (± 11,4) Jahre) ausgewertet. Mögliche zusätzliche Risikofaktoren wie Tabak- bzw. Alkoholgenuss waren in beiden Patientenkollektiven etwa gleich häufig anzutreffen. In der Bisphosphonat-Gruppe traten 116 Fälle von Magen- und Speiseröhrenkrebs in Kombination sowie 79 Fälle von reinem Speiseröhrenkrebs auf, in der Kontrollgruppe wurden im gleichen Zeitraum insgesamt 115 Patienten mit Magen- und Speiseröhrenkrebs registriert sowie 72 Fälle in denen Speiseröhrenkrebs allein auftrat. Die Inzidenz für das gemeinsame Auftreten von Magen- und Speiseröhrenkrebs lag sowohl in der Bisphosphonat- als auch in der Kontrollgruppe bei 0,7 pro 1000 Patientenjahre. Für das alleinige Auftreten von Speiseröhrenkrebs lag die Inzidenz in der Bisphosphonat-Gruppe bei 0,48 und in der Kontrollgruppe mit 0,44 leicht darunter. Zwischen den beiden Patientenkollektiven ergab sich folglich auch kein Unterschied für das Risiko an Speiseröhren- und Magenkrebs (Hazard Ratio HR 0,96 [95% Konfidenzintervall: 0,74 bis 1,25]) bzw. nur an Speiseröhrenkrebs (HR 1,07 [95 %-Konfidenzintervall: 0,77 bis 1,49]) zu erkranken. Auch die Dauer der Bisphosphonat-Einnahme hatte der Studie zufolge keinen Einfluss auf das Risiko ein Ösophagus- oder Magenkarzinom zu entwickeln.

Moderate Effekte nicht ausgeschlossen

Unter den in der UK General Practice Research Database gelisteten Patienten führte die Verwendung von oralen Bisphosphonaten zwar nicht zu einer signifikanten Erhöhung der Inzidenz von Speiseröhren- oder Magenkarzinomen, allerdings ist bei dieser Aussage zu berücksichtigen, dass ausgehend von den errechneten Hazard Ratios und 95% Konfidenzintervallen weder ein moderater Anstieg des Krebsrisikos (< 30%) noch ein protektiver Effekt (20% bis 25% Risikominderung) ausgeschlossen werden kann. Dass auch Letzteres nicht per se von der Hand zu weisen ist, zeigen den Autoren zufolge präklinische Studien, in denen zumindest stickstoffhaltige Bisphosphonate die Tumorproliferation und -invasion sowie die Angiogenese beeinträchtigten und das Krebsrisiko auf diese Weise womöglich verringerten. Angesichts des erheblichen ausgewerteten Datenumfangs und der beachtlichen Follow-up-Zeit darf die Aussage der Studie jedoch, trotz der genannten Limitierungen, nicht unterschätzt werden, zumal jüngste Berichte aus Dänemark und den USA in eine ähnliche Richtung weisen.

Quelle Cardwell C.R., et al.: Exposure to Oral Bisphosphonates and Risk of Esophageal Cancer. J. Am. Med. Assoc. (2010) 304, 657– 663.

 


Apotheker Dr. Andreas Ziegler

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