DAZ aktuell

Dicke Luft in Sachsen-Anhalt

BERLIN (ks). Ab September wird in den deutschen Arztpraxen traditionell gegen die saisonale Grippe geimpft. In Sachsen-Anhalt wird der Impfstoff in dieser Saison nur noch von einer Apotheke an die Praxen geliefert: Die Stern-Apotheke in Magdeburg hat die Ausschreibung der Krankenkassen der Region für die Lieferung des Grippeimpfstoffes gewonnen. Am Montag startete sie mit der Auslieferung der ersten Dosen. Der Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt (LAV) verfolgt diese neue Art zentraler Versorgung mit großer Sorge.

Am 19. August hatte der LAV zu einer kurzfristigen Pressekonferenz in Magdeburg geladen. Grund: Obwohl die Grippeimpfstoffe seit Anfang August verfügbar sind und das Paul-Ehrlich-Institut am 18. August die ersten Impfstoffdosen freigegeben hat, konnte die Stern-Apotheke letzte Woche noch keinen Grippeimpfstoff an die Arztpraxen ausliefern. Der LAV-Vorsitzende Mathias Arnold warnte vor einer Verschlechterung der Versorgung. Privatpatienten würden bevorzugt, hieß es – nur für sie sei bislang die Grippeimpfung in Sachsen-Anhalt gesichert.

Impfstoff-Auslieferung hat begonnen

Mittlerweile haben sich die Wogen ein wenig geglättet. Boris Osmann, Inhaber der Stern-Apotheke, erklärte gegenüber der DAZ, er habe am 20. August 240.000 Impfdosen Influvac von seinem Vertragspartner Abbott geliefert bekommen. Über das Wochenende wurden diese kommissioniert und seit diesem Montag an die Praxen ausgeliefert. Allein der adjuvantierte Impfstoff lässt noch auf sich warten – er ist schlicht noch nicht auf dem Markt. "Wir sind im Zeitplan", betont Osmann. Das Robert Koch-Institut empfehle die Grippeimpfung ab Herbst. Dass Privatpatienten in der letzten Woche bevorzugt gewesen seien, hält er für "an den Haaren herbeigezogen" – auch diese Patienten hätten sich jetzt noch nicht impfen lassen wollen. Viele Ärzte hätten den Impfstoff erst für Anfang September bestellt.

Ärzte sollen Lieferungen dokumentieren

Dennoch ist es für Osmann nachvollziehbar, dass der LAV von Anfang an gegen die Ausschreibung gekämpft hat und auch weiterhin Befürchtungen äußert. Dass die Krankenkassen immer öfter den Weg raus aus der regulären Versorgung einschlügen, könne man durchaus kritisch sehen. "Ich erwarte nicht, dass mich der LAV unterstützt", so der Magdeburger Apotheker zur DAZ. Was ihm jedoch zuwiderläuft, ist der Aufruf des Verbandes an die Apotheken und Ärzte des Bundeslandes, die Impfstoffversorgung genau zu beobachten und etwaige Zwischenfälle zu dokumentieren. In einem gemeinsamen Schreiben informierten der LAV und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt Ende Juni Apotheker und Ärzte im Detail über die Lieferbedingungen und die Anforderungen, die der Ausschreibungsgewinner zu erfüllen hat. Etwas später versandte der LAV Dokumentationsbögen, die Apotheker an Ärzte weiter geben sollen. Für Osmann schießt der LAV damit über das Ziel hinaus. Schließlich sei die Ausschreibung von den Gerichten als rechtmäßig befunden worden – so jedenfalls in den Eilverfahren – da müsse man sich nun nicht auf eine systematische Fehlersuche begeben.

Arnold: "Spiel mit dem Feuer"

Arnold hingegen verteidigt das Vorgehen des LAV. Die Krankenkassen wollten den Nachweis für die Behauptung, die zentrale Versorgung sei schlechter als die dezentrale. "Das müssen wir überprüfen", so der LAV-Vorsitzende gegenüber der DAZ. Und so will man die Systeme gegeneinander stellen. "Uns interessiert, wie es läuft – deshalb müssen wir uns keinen Maulkorb verpassen lassen." Arnold ist überzeugt, dass die zentrale Versorgung ein "Spiel mit dem Feuer" ist.

Die Krankenkassen erwarten durch den Vertrag mit der Stern-Apotheke Einsparungen in Höhe von fünf bis sieben Millionen Euro. Arnold warnt jedoch, den Preis zum alleinigen Kriterium zu erheben. Was unter dem "Mäntelchen der Sparsamkeit" verkauft werde, könne das System zerstören. Arnold verwies darauf, dass die Krankenkassen auch Rabattverträge mit Impfstoffherstellern hätten schließen können. "Das ist auch nicht schön, aber immerhin dezentral", so der LAV-Vorsitzende. Die Ausschreibung von Vertriebswegen werde dagegen zum "Ende der niedergelassenen Apotheke" führen.

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