Arzneimittel und Therapie

Die Pandemie ist vorbei, das Virus zirkuliert weiter

Die WHO hat am 10. August 2010 die Neue-Grippe-Pandemie für beendet erklärt. Schon im Vorfeld hatte die STIKO entsprechende Impfempfehlungen aufgehoben und darauf verwiesen, dass der für die Pandemie verantwortliche Influenza-Erreger A(H1N1)v-2009 in den neuen saisonalen Grippeimpfstoffen berücksichtigt ist. Eine Impfung gegen die saisonale Grippe wird jetzt erstmals auch für Schwangere empfohlen. Für sie wird das Risiko für schwere Verläufe als besonders hoch eingestuft.
Ende der Pandemie Zwar besitzen die Pandemieimpfstoffe wie Pandemrix® inzwischen eine "volle" Zulassung und können daher auch außerhalb einer Pandemie eingesetzt werden. Doch die STIKO empfiehlt inzwischen nur noch die Impfung gegen die saisonale Grippe. In dem aktuellen saisonalen Influenza-Impfstoff ist der Influenza-Stamm des Pandemieimpfstoffs enthalten.
Foto: GlaxoSmithKline

Die WHO hat in ihrer Erklärung zum Ende der Pandemie mitgeteilt, dass man sich jetzt in der postpandemischen Periode befindet. Das bedeute jedoch nicht, dass das Virus verschwunden ist. Es wird, so die WHO, noch weiter zirkulieren und kann auch zu lokalen Ausbrüchen führen. Allerdings sei damit zu rechnen, dass es sich in Zukunft so wie die saisonalen Influenza-Viren verhalten wird, mit Ausbrüchen außerhalb der normalen Grippesaison wird nicht mehr gerechnet.

Keine volle Entwarnung

Eine vollständige Entwarnung gibt die WHO jedoch nicht. Nach wie vor muss damit gerechnet werden, dass das Virus vor allem bei Jüngeren schwere Infektionen hervorrufen kann. Erhöhte Wachsamkeit ist auch weiterhin gefordert, wenn Lungenentzündungen auftreten. Der A(H1N1)v-2009-Erreger hatte immer wieder bei einem kleinen Anteil der Infizierten, darunter auch bei jungen und zuvor gesunden Menschen, zu einer viralen Pneumonie geführt. Lungenentzündungen dieser Art sind schwer zu behandeln und bislang während saisonalen Grippeperioden nicht beobachtet worden. Deshalb erfordert die weitere Entwicklung eine erhöhte Aufmerksamkeit. In der WHO-Erklärung wird auf die Problematik der Voraussagen von Entwicklungen im Rahmen einer Pandemie hingewiesen. Glücklicherweise sei das A(H1N1)v-2009-Virus während der Pandemie nicht zu einem gefährlicheren Virus mutiert. Auch habe es keine ausgedehnte Entwicklung von Resistenzen gegen Oseltamivir gegeben, die Impfstoffe hätten gut mit dem Erreger übereingestimmt und sich als exzellent verträglich erwiesen.

Saisonaler Impfstoff löst Pandemieimpfstoff ab

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte schon am 6. Juli 2010 die gesonderte Empfehlung zur Impfung gegen die Neue Grippe bis auf weiteres zurückgezogen. Sowohl das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) als auch die WHO gehen davon aus, dass der Erreger A(H1N1)v-2009 zwar auch die Grippesaison 2010/2011 dominieren wird, jedoch die Zirkulation anderer Influenzaviren nicht ausgeschlossen werden kann. Daher wird eine Impfung empfohlen, die neben dem A(H1N1)v-2009-Erreger noch einen A/(H3N2)-Stamm und einen Influenza-B-Stamm berücksichtigt (s. Kasten). Die neuen saisonalen Influenza-Impfstoffe unterscheiden sich von denen der Saison 2009/2010 in den A/H1N1- und A/H3N2-Stämmen, der Influenza-B-Stamm wurde beibehalten. In Deutschland sind zurzeit 21 trivalente saisonale Influenza-Impfstoffe zugelassen: 20 inaktivierte Spaltimpfstoffe, davon zwei adjuvantierte und ein Impfstoff auf Basis von gereinigtem Oberflächenantigen (Stand April 2010). Für acht Millionen Dosen hat das Paul-Ehrlich-Institut am 11. August 2010 die Freigabe erteilt.

Länder bleiben auf Impfstoff und Kosten sitzen

Wie mit den noch vorhandenen geschätzten 30 Millionen Dosen Pandemie-Impfstoff verfahren werden soll, ist unklar. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Bundesländer auf dem Impfstoff und damit auf Kosten in einer Größenordnung von 283 Millionen Euro sitzen bleiben werden und ihn spätestens mit Ablauf des Haltbarkeitsdatums Mitte 2011 vernichten müssen. Denn die Krankenkassen haben nur die verimpften Impfstoffe erstattet. Und das sollen gerade einmal 4,15 Millionen Dosen gewesen sein. Der Bund will sich nach wie vor nicht an den Kosten beteiligen, da die Impfstoffbestellung Ländersache war.

Inzwischen wurde der Zulassungsstatus der zunächst nur für die Pandemie zugelassenen Impfstoffe geändert in "Prophylaxe der Influenza verursacht durch das A(H1N1)v-2009-Virus". Diese "volle Zulassung" wird an der Situation allerdings nichts ändern, da die STIKO nur noch die Impfung gegen die saisonale Grippe empfiehlt.

Impfung für Schwangere

Die STIKO empfiehlt in diesem Jahr erstmals, auch Schwangere gegen die saisonale Influenza zu impfen. Vorzugsweise sollte dies im zweiten Trimenon geschehen. Nur bei erhöhter Gefährdung infolge eines Grundleidens wird zur Impfung ab dem 1. Trimenon geraten. Hintergrund sind Ergebnisse aus Studien und Melderegistern, die auf eine besondere Gefährdung von Schwangeren durch den A(H1N1)v-2009-Erreger hindeuten. Nach den Meldezahlen in Deutschland war die Wahrscheinlichkeit für Schwangere im Vergleich zu Nichtschwangeren um das 6,5-Fache erhöht, wegen einer Infektion mit diesem Erreger in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden (siehe Tabelle).

Tab.: Hospitalisierung bei Frauen (17 – 49 Jahre) mit laborbestätigten A(H1N1)v-2009-Virusinfektionen auf Basis von IfSG-Meldedaten, Stand 23. März 2010.

[Quelle: Epidemiologisches Bulletin 31, 9. August 2010]
Meldungen
davon hospitalisiert
Schwangere
496
134 (27%)
Nicht-Schwangere
32.804
1312 (4%)
gesamt
33.300
1446 (4,3%)

Nach Untersuchungen aus den USA und Kanada haben Schwangere ein vierfach erhöhtes Risiko, aufgrund einer A(H1N1)v-2009-Infektion in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden, ein 20-fach erhöhtes Risiko wegen Komplikationen auf der Intensivstation behandelt werden zu müssen und ein 6-fach erhöhtes Risiko, an den Folgen zu versterben. Nach Ausführungen der STIKO implizieren die vorliegenden Daten auch ein erhöhtes Risiko für die saisonale Influenza. Insbesondere Schwangere ab dem 2. Trimenon sollen gefährdet sein.

Im Rahmen der Pandemie hatte es große Verunsicherung gegeben, ob Schwangere mit dem zunächst einzigen in Deutschland zur Verfügung stehenden adjuvantierten Grippeimpfstoff Pandemrix® geimpft werden können. Damals fehlten Daten zur Sicherheit des Impfstoffs. Inzwischen verfügt Schweden über Daten von 30.000 mit Pandemrix® geimpften Schwangeren. 31 von ihnen erlitten in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung eine Fehlgeburt, 23 im ersten, acht im zweiten Trimenon. Zusätzlich kam es in sieben Fällen zu einem intrauterinen Fruchttod ab der 24. Schwangerschaftswoche. Diese Zahlen sollen unter den für diesen Zeitraum normalerweise erwarteten Zahlen für Fehlgeburten liegen. Ein kausaler Zusammenhang wird ausgeschlossen.

Mit der Empfehlung zur Impfung Schwangerer gegen die Neue Grippe wurde am Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie in Berlin ein Surveillance-Projekt begonnen. Auf Anfrage der DAZ wurde mitgeteilt, dass dieses Projekt noch nicht abgeschlossen ist, da viele Schwangerschaften noch nicht ausgetragen sind. Bisher sollen sich allerdings, wie auch in anderen Ländern, keine Hinweise auf Unverträglichkeiten im Sinne von Schwangerschaftskomplikationen oder Anomalien der Kindsentwicklung ergeben haben. Dies gelte auch für die saisonale Impfung und Studien bzw. Fallserien aus den zurückliegenden Jahren. Die Impfsurveillance am Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie Berlin und auch die Beratung für Schwangere wird fortgesetzt (www.embryotox.de).


Quelle

Mitteilung der STIKO. Epidemiologisches Bulletin Nr. 31, 9. August 2010

du

Influenzaimpfstoff-Zusammensetzung 2010/2011


Die Stammzusammensetzung der Influenzaimpfstoffe für die Saison 2010/2011 gemäß der Empfehlungen der WHO und der Empfehlungen der Europäischen Kommission sieht wie folgt aus:

  • ein A/California/07/2009 (H1N1) - like strain
  • ein A/Perth/16/2009 (H3N2) – like strain
  • ein B/Brisbane/60/2008 – like strain

A und B bezeichnen die Virustypen, der Ortsname bezieht sich auf den Ort der Virusisolierung; die erste Ziffer gibt die Nummer des jeweils isolierten Stamms an, die zweite bezieht sich auf das Isolierungsjahr. Mit H und N werden die beiden wichtigsten Proteine der Virushülle Hämagglutinin und Neuraminidase abgekürzt, die Ziffer dahinter bezeichnet den aktuellen Hämagglutinin- bzw. Neuraminidase-Subtyp. Reassortanten sind Influenzavirus-Stämme, die in ihrer Oberflächenstruktur den aktuellen Wildtypviren entsprechen, aber besonders gute Wachstumseigenschaften in Hühnereiern aufweisen. Das Hämagglutinin spielt eine zentrale Rolle bei der Etablierung einer schützenden Immunantwort gegen Influenzavirus-Infektionen.

[Quelle: Paul Ehrlich-Institut www.pei.de]

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