Feuilleton

550-mal süßer als Zucker – das Saccharin

Die "Berichte" der Deutschen Chemischen Gesellschaft stellten im März 1879 eine neue Verbindung mit einer merkwürdigen Eigenschaft vor: "Sie schmeckt angenehm süß, sogar süßer als der Rohrzucker". Es handelte sich um Benzoesäuresulfimid, das der Chemiker Constantin Fahlberg (1850 – 1910) ein Jahr zuvor entdeckt hatte. 1886 gründete er bei Magdeburg die erste Süßstofffabrik der Welt.
Constantin Fahlberg (1850 – 1910)

Fahlberg war als Sohn eines Deutschbalten und einer Russin am 22. Dezember 1850 in Tambow (Südrussland) zur Welt gekommen. Er besuchte das Gymnasium in Dorpat (estnisch: Tartu) und studierte zunächst am Polytechnikum in Moskau Chemie und Physik, ab 1871 an der Berliner Gewerbeakademie bei Carl Bernhard Wilhelm Scheibler (1827 – 1899) und Carl Remigius Fresenius (1818 – 1897). 1873 schrieb er an der Universität Leipzig unter Adolf Wilhelm Hermann Kolbe (1818 – 1884) seine Doktorarbeit "Über Oxyessigsäure".

Ende 1874 ging Fahlberg in die USA. Für seine gutachterliche Tätigkeit nutzte er die chemischen Laboratorien der Johns Hopkins University in Baltimore und arbeitete auch als "fellow" an den Forschungsprojekten des Direktors Ira Remsen (1846 –1927) mit. Dabei hat er bei einer misslungenen Reaktion versehentlich das Benzoesäuresulfimid synthetisiert und seine Süßkraft ganz zufällig erkannt. Später erinnerte er sich:

… das Brot versüßt

"Ich hatte, nachdem ich den ganzen Tag in Baltimore im Laboratorium der Johns Hopkins University fleißig gearbeitet hatte, meine Hände abends vor dem Nachhausegehen gründlich gewaschen und geglaubt, dabei meine Schuldigkeit vollauf getan zu haben. Ich war sehr überrascht, als meine Hände beim Essen, als ich das Brot zum Munde führte, süß schmeckten. Ich hatte die Hausfrau im Verdacht, mir das Brot unerwarteter Weise versüßt zu haben, und stellte sie deshalb zur Rede. Es gab ein kleines Wortgefecht, aus dem die Hausfrau als Siegerin hervorging. Nicht das Brot schmeckte süß, sondern meine gewaschenen Hände, und ich war überrascht, nach weiterer Berührung mit der Zunge konstatieren zu müssen, dass nicht nur die beiden Hände, sondern auch meine Arme süß schmeckten. Es konnte kein anderer Umstand hier mitgewirkt haben, als dass ich sie mir, trotz des Waschens, von meiner Arbeit aus dem Laboratorium mitgebracht hatte. Ich lief ins Laboratorium zurück und durchkostete meine sämtlichen Becher, Gläser und Schalen, die ich auf meinem Arbeitstisch stehen hatte, bis ich schließlich auf den Geschmack eines Inhaltes kam, der mir von ganz frappanter Süßigkeit zu sein schien. Die Entdeckung eines Körpers von eminenter Süßkraft war hiermit jedenfalls gemacht."

Fahlberg und Remsen publizierten die Entdeckung in dem Aufsatz "Ueber die Oxydation des Orthotoluolsulphamids", verzichteten jedoch darauf, sie zugleich patentieren zu lassen, weil ihnen eine Anwendung unwahrscheinlich erschien. Dennoch begann Fahlberg, die Verträglichkeit von Benzoesäuresulfimid zu testen, zunächst an Tieren und dann im Selbstversuch. Nachdem er auch technologische Probleme gelöst hatte, meldeten er und sein in Leipzig wohnender Onkel Adolph List (1823 – 1885) im Herbst 1884 zwei Herstellungsverfahren zum Patent an. Zugleich ließen sie den Namen Saccharin (von lat. saccharum = Zucker) für das Süßmittel schützen. Als sie das Saccharin in London und Antwerpen öffentlich vorstellten, fanden sie so viel Zuspruch in der Handelswelt, dass die Finanzierung einer kommerziellen Produktionsstätte möglich wurde. So entstand 1886 die Firma Fahlberg, List & Co. auf einem Gelände zwischen den Dörfern Salbke und Westerhüsen (heute zu Magdeburg zugehörig). Anstelle von Adolph List trat dessen Sohn Adolph Moritz List (1861 – 1938) als Teilhaber ein.

Die erste Süßstofffabrik der Welt, ab 1886 in Salbke bei Magdeburg errichtet.

Im März 1887 lief die Produktion an, deren "üble Gerüche" der Anlass zu "zahlreichen und dringenden Beschwerden" waren. Erst nach verschiedenen Änderungen bekam man dieses Problem und das "komplizierte und extrem aufwendige Verfahren" zur Herstellung des neuen Süßstoffes in den Griff. Dieser wurde ab September 1887 zuerst "im Interesse der Zuckerkranken" in Apotheken verkauft, wo er vor der Abgabe mit Mannit und Natriumhydrogencarbonat gemischt und zu Pastillen gepresst wurde. Im Spätherbst 1888 brachte Fahlberg ein "leicht lösliches Saccharin" als Fertigprodukt auf den Markt.

Zuckerersatz für die Armen oder Mittel für Diabetiker?

Der Absatz litt anfangs an dem "eigentümlichen" Beigeschmack des Saccharins, insbesondere bei zu hoher Dosis. Doch im Jahr 1900 produzierte man im damaligen Deutschen Reich bereits 120 Tonnen Sacharin, was hinsichtlich der Süßkraft (Faktor 550) 66.000 Tonnen Zucker entsprach, etwa zehn Prozent des damaligen Verbrauchs. Saccharin war für die "ärmsten Schichten […] ein Gewürz, das ihnen für wenige Pfennige die Möglichkeit gibt, ihre Speisen und Getränke ohne fühlbare Verteuerung wohlschmeckend zu machen".

Von dem dadurch geweckten "Verlangen nach Süße" profitierte letztlich die Zuckerindustrie. Deren Interessenvertreter erreichten nämlich 1902, dass Saccharin in Deutschland nur noch in der Apotheke auf Rezept an Diabetiker abgegeben werden durfte. Fahlberg hatte zwar das Produktionsmonopol, sagte aber einmal resigniert vor Fachkollegen: "Unter solchen Umständen macht der Beruf eines Chemikers wenig Freude!"

AG, VEB und das Aus

Das zwecks Kapitalbeschaffung in die Aktiengesellschaft Saccharin-Fabrik AG umgewandelte Unternehmen produzierte dann vor allem für den Export und beteiligte sich an einem internationalen Süßstoff-Syndikat. Da seit dem Verbot 1902 in Deutschland sehr viel Saccharin geschmuggelt wurde, erlaubte die Regierung schließlich wieder den allgemeinen Gebrauch. Heute ist Saccharin nicht nur als Reinstoffpräparat im Handel, sondern vor allem ein anerkannter Lebensmittelzusatzstoff (E 954) und behauptet sich neben einer Anzahl jüngerer synthetischer Süßstoffe auf dem Markt.

Die Saccharin-Fabrik AG produzierte ab 1912 mehrere pharmazeutische Erzeugnisse mit dem Markennamen "Falima" (Fahlberg-List, Magdeburg), später auch Pflanzenschutzmittel, Rattengift und andere Spezialchemikalien. Ab 1932 firmierte sie als Fahlberg-List AG, 1948 wurde sie verstaatlicht (VEB) und 1979 in das neu gegründete Kombinat Agrochemie Piesteritz eingegliedert. 1991 wurde der Betrieb in Magdeburg privatisiert, aber die Produktion kurz darauf geschlossen.

Fahlberg hatte sich 1902 aus seiner Firma zurückgezogen und war mit seiner Familie nach Nassau an der Lahn übergesiedelt, wo er sich der Blumenzucht, den Pferden und der Jagd widmete. Er starb vor hundert Jahren, am 15. August 1910 und wurde auf dem Südfriedhof in Magdeburg bestattet.


Andreas Hentschel

Internet


wikipedia: Constantin Fahlberg und Fahlberg-List

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