Medizingeschichte

Mutterkorn: Halluzinogen und Auslöser von Vergiftungen

Ein Streifzug durch die Medizin- und Kunstgeschichte

Von Peter Schmersahl

Das Mutterkorn wächst auf Getreideähren, insbesondere auf Roggenähren. Über Jahrhunderte hatte man dieses schwarze Gebilde als ein besonders gestaltetes Roggenkorn angesehen, wie auch die offizinelle Bezeichnung "Secale cornutum" (gehörnter Roggen) belegt. Es galt als natürlicher Bestandteil im Brotgetreide Roggen, und der Mensch des Mittelalters hat sich nicht vorstellen können, dass es giftig sein kann. Tatsächlich war das Mutterkorn jedoch die Ursache für das Antoniusfeuer, das zeitweise epidemieartig auftrat, obwohl es keine Infektionskrankheit ist. Die Not der Kranken hat ihren Niederschlag in zahlreichen Kunstwerken gefunden. Nachdem man die Toxizität des Mutterkorns erkannt und erforscht hatte, machte man sich seine Wirkungen auch für die Therapie zunutze.

Abb. 1: Mutterkorn auf einer Roggenähre und einzelnes Mutterkorn.

Erst im frühen 19. Jahrhundert war bekannt, dass das Mutterkorn ein auf dem Getreide schmarotzender Pilz ist. Nachdem der schwedische Botaniker Elias Magnus Fries ihn in sein System der Pilze eingeordnet hatte, erforschte sein französischer Kollege Louis René Tulasne ihn genauer und gab ihm 1853 den noch heute gültigen wissenschaftlichen Namen Claviceps purpurea (Fries) Tulasne.

Der Tod in der Roggenähre

Obwohl das Mutterkorn sehr giftig ist – die tödliche Dosis liegt bei 5 bis 10 g [15] – begann seine toxikologische Erforschung recht spät. Die erste Publikation datiert von 1653. Damals behauptete Denis Dodart, einer der Leibärzte von König Ludwig XIV., dass das Mutterkorn für bestimmte, immer wieder auftretende schwere Massenvergiftungen verantwortlich sei. Dodart hatte die Toxizität des Mutterkorns in Tierexperimenten nachgewiesen [4]. Nach dieser Publikation verging noch etwa ein Jahrhundert, bis sich diese Erkenntnis auch in abgelegenen Regionen Europas durchgesetzt hatte.

Erst vor dem Hintergrund dieses Wissens konnten Bilder entstehen, in denen die Künstler auf die tödliche Gefahr durch Mutterkorn hinweisen, beispielsweise das Bild des in Kaliningrad lebenden russischen Künstlers Oleg Tischenko (Abb. 2), das eindrucksvoll die Gefährlichkeit des Mutterkorns zum Ausdruck bringt. Es ist eine Illustration in einem russischen Buch über Albert Hofmann (1906 – 2008), den bekannten Schweizer Chemiker, der mit Mutterkornalkaloiden experimentierte und das LSD entdeckte.


Abb. 2: Oleg Tischenko: Claviceps purpurea, 2009.
Foto: olegti.design.ru 2009

Historische Massenvergiftungen

Der älteste auf uns überkommene Bericht über eine Massenvergiftung durch Mutterkorn steht in der Klosterchronik von Xanten am Niederrhein und bezieht sich auf das Jahr 857. Sinngemäß heißt es dort: Es wütete eine große Plage mit Anschwellungen und Blasen unter dem Volke und raffte es durch eine entsetzliche Fäulnis hinweg, sodass Körperglieder sich ablösten und vor dem Tode abfielen [2, 10].

Auf dem Antoniusaltar im Dom zu Xanten am Niederrhein ist dieses die Menschen zutiefst erschütternde Ereignis von 857 dargestellt (Abb. 3). Auf einem von insgesamt 18 Altartafeln des Antonius-Altars sehen wir links ein Opfer dieser Krankheit, das sich nach Verlust beider Unterschenkel offensichtlich nur noch auf Knien fortbewegen kann und Segen und Almosen vom heiligen Antonius erfleht. Im Hintergrund des Bildes erkennt man weitere Szenen zum Thema Versuchung des heiligen Antonius.

In der Folge ist dann über Jahrhunderte immer wieder über das massenhafte Auftreten des Antoniusfeuers, wie diese Krankheit genannt wurde, insbesondere in Frankreich und in Deutschland berichtet worden [9]. Nach der Publikation von Dodart (s. o.) verschwand sie im 18. Jahrhundert allmählich und ist heute weitgehend unbekannt. Vereinzelt kamen noch späte Massenvergiftungen vor, weil die amtlich angeordneten Präventivmaßnahmen – z. B. Mutterkorn durch sorgfältiges Sieben des Mehls abzutrennen – nicht befolgt wurden, so in Grünberg (Hessen) im Jahre 1879. Noch 1927 brach eine verheerende Epidemie über 11.000 russische Bauern herein [9].

Abb. 3: Der heilige Antonius segnet Kranke und Krüppel mit Antoniusfeuer. Antonius-Altar, um 1500, Dom St. Victor in Xanten.

Heute wird das Mehl durch empfindliche analytische Methoden auf die Verunreinigung mit Mutterkorn überprüft; der erlaubte Grenzwert beträgt 0,05%. Zu Vergiftungen mit der Gefahr von Uterusblutungen und Aborten kann es heute nur kommen, wenn ungemahlenes Getreide unkontrolliert direkt vom Landwirt in Bioläden zum Verkauf kommt; eine Vergiftung mit einem mutterkornhaltigen Müsli ist 1985 beschrieben worden [12].

Das Antoniusfeuer – eine Form des Ergotismus

Das Antoniusfeuer, wie die Krankheit genannt wurde, trat in unregelmäßigen Abständen und unterschiedlichen Regionen – abhängig, wie man heute vermutet, vom Wettergeschehen, das das vermehrte Wachstum des Pilzes begünstigte – immer wieder endemisch auf und wurde von den Menschen als Strafe Gottes angesehen.

Die Vergiftung wird durch ein komplexes Gemisch von giftigen Mutterkornalkaloiden ausgelöst. Je nach ihrer Zusammensetzung kann es zu unterschiedlichen Erscheinungsformen kommen, die schon in alten Berichten deutlich werden. So schrieb der Mönch Sigbertus Gemblacensis über eine furchtbare Epidemie in Lothringen, 1089: Es war ein Seuchenjahr zumeist im westlichen Teil Lothringens, wo viele, deren Inneres ein verruchtes Feuer verzehrte, an ihren zerfressenen Gliedern, die schwarz wie Kohle wurden, Fäulnis erlitten. Sie starben elendiglich oder blieben einem noch elenderen Leben erhalten, nachdem die verfaulten Hände und Füße sich abgetrennt hatten [7].

Diese Erscheinungsform wird heute als Ergotismus gangraenosus bezeichnet; aufgrund einer extremen Verengung der Gefäße stirbt das Gewebe ab, es kommt zu einer Schwarzfärbung der Glieder, die an schwerste Erfrierungen erinnert.

Von einer anderen Epidemie aus dem Jahr 943 in der Gegend von Limoges (Frankreich), der angeblich 40.000 Menschen zum Opfer fielen, wird berichtet: Schreiend, jammernd und sich krümmend brachen Menschen auf der Straße zusammen. Manche standen von ihren Tischen auf und rollten sich wie Räder durch das Zimmer, andere fielen um und schäumten in epileptischen Krämpfen; noch andere erbrachen sich und zeigten Zeichen plötzlichen Wahnsinns. Von diesen schrieen viele: "Feuer – ich verbrenne" [10].

Ergotismus convulsivus

Bei dieser heute mit Ergotismus convulsivus bezeichneten Form kommt es zusätzlich zu schweren Krampfanfällen der Beugemuskeln, wobei die Glieder, insbesondere die Hand, in einer abnormen Stellung unter Schmerzen festgehalten werden. Schließlich kommt es zu lebensbedrohenden Krämpfen, Tobsucht und Halluzinationen. (Im Gegensatz zum Ergotismus gangraenosus ist es bisher nicht gelungen, auch den Ergotismus convulsivus experimentell beim Tier durch Gabe von Mutterkorn oder von isolierten Mutterkornalkaloiden hervor-zurufen.)


Abb. 4: Niklaus Manuel gen. Deutsch: Der heilige Antonius heilt Kranke und Besessene mit Antoniusfeuer, 15. Jh., Kunstmuseum Bern.

Darstellung des Ergotismus in der Kunst

Bereits im 15. Jahrhundert kommen diese beiden Formen des Antoniusfeuers künstlerisch zur Darstellung. Der Schweizer Maler, Schriftsteller und Politiker Niklaus Manuel genannt Deutsch (1484 – 1530) schuf einen Altar für die Spitalkirche der Antoniter in Bern (Abb. 4) [13]. Das Bild zeigt den heiligen Antonius bei der Heilung beider Ergotismus-Formen: der Krüppel (links) leidet an Ergotismus gangraenosus und der von zwei kräftigen Männern gehaltene tobsüchtige Patient (rechts) an Ergotismus convulsivus. Aus dem Munde des Besessenen entflieht ein böser Geist.

Die Patienten, die im Mittelschiff der Spitalkirche untergebracht waren, sahen von ihrem Bett aus auf den Hochaltar; die Altarflügel mit wunderbaren Heilungen des Antonius wurden nur zu bestimmten Festtagen geöffnet [3, 6].

Die Legende vom heiligen Antonius von Ägypten

Die Menschen jener Zeit – Kranke wie auch Ärzte – standen dieser scheinbar seuchenartig auftretenden furchtbaren Krankheit völlig machtlos gegenüber. Daher flehten sie die Heiligen um Hilfe an, und bald galt es als ausgemacht, dass wundertätige Hilfe besonders von dem heiligen Antonius zu erhoffen war.

Antonius – zur Unterscheidung vom heiligen Antonius von Padua auch "Antonius, der Eremit" oder "Antonius aus Ägypten" genannt – wurde um 250 als Sohn wohlhabender Christen in Mittelägypten geboren. Nach dem Tod seiner Eltern verschenkte er sein ganzes Vermögen an die Armen und Kranken und führte ein asketisches Leben in der Einsamkeit der Wüste. Dort wurde er von quälenden Visionen und Halluzinationen heimgesucht, in denen der Teufel in den verschiedensten dämonischen Gestalten versuchte, ihn durch Verführungen und Drohungen von seinem gottergebenen und enthaltsamen Leben abzubringen. In künstlerischen Darstellungen zu diesem Thema sind fast immer Attribute des Teufels oder auch der Teufel selbst zu erkennen.


Abb. 5: Ernest Board: Pilger, die am Antoniusfeuer leiden, auf dem Weg nach Saint-Antoine-en-Viennois.

Die Antoniter – ein wohlhabender Hospitalorden

Antonius starb im Alter von über 100 Jahren, und seine sterblichen Überreste gelangten über Alexandria und Konstantinopel durch einen französischen Ritter um 1070 in den kleinen Ort La-Motte-Saint-Didier (Südfrankreich), der später in Saint-Antoine-en-Viennois umbenannt wurde. Dort entstand ein bedeutendes Antoniterkloster, und Pilger von nah und fern suchten dort Heilung.

Auf dieses historisch bedeutsame Antoniterkloster nimmt ein Ölgemälde von Ernest Board (1877 – 1934), einem zu seiner Zeit anerkannten englischen Historienmaler, Bezug (Abb. 5). Wir sehen Pilger mit teilweise durch das Antoniusfeuer verkrüppelten Gliedmaßen, die sich nur mühsam vorwärts bewegen können; einer wird auf einer Art Sitzbahre von zwei Männern getragen. Alle Pilger erhoffen sich Heilung durch die Berührung der in diesem Kloster aufbewahrten Reliquien des heiligen Antonius.

Der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald

Eines der bedeutendsten und reichsten Klöster der Antoniter im damals deutschsprachigen Raum stand in dem kleinen Ort Isenheim im Oberelsass, dessen weltberühmter Isenheimer Altar heute im Unterlinden Museum in Colmar ausgestellt wird. Mathis Gothart Nithart, genannt Matthias Grünewald, hatte die zehn Tafeln des mächtigen Altars wahrscheinlich im Auftrag des Antoniterklosters in der Zeit von 1512 bis 1516 gemalt. Die Schnitzereien stammen von Niclas Hagnauer.

Abb. 6: Matthias Grünewald: Patient mit Symptomen des Antoniusfeuers. Detail vom Isenheimer Altar, 1516. Museum Unterlinden, Colmar.

Eine Tafel (rechter Seitenflügel) zeigt die Versuchung des heiligen Antonius durch Dämonen, die den Heiligen mit roher Gewalt vom rechten Weg abbringen wollen. Am Bildrand links unter Antonius befindet sich eine Gestalt mit aufgetriebenem Leib, verfärbtem Gesicht, verdorrten Armen und flossenartigen Füßen, die dem Heiligen ein Beutelbuch entrissen hat (Abb. 6) [5]. Nach langer und kontroverser Diskussion ist sich die kunst- und medizinhistorische Forschung heute einig, dass es sich bei dieser Gestalt um ein Opfer der Mutterkornvergiftung handelt [2, 8]. In bestimmten Stadien des Antoniusfeuers kann es zu einem aufgetriebenen Leib (Aszites) mit Eiterbeulen an der Haut und auch zu Verkrampfungen der Extremitäten kommen, wie sie hier sichtbar werden. Die zu blaugrünen Flossen geformten Füße sollen auf die vorübergehend extrem empfundene Kälte der Kranken und zugleich auf die halluzinogenen Eigenschaften des Mutterkorns hindeuten [14].


Abb. 7: Hieronymus Bosch: Das Jüngste Gericht, um 1500. Flügel­außenseiten bei geschlossenem Triptychon (li) und zwei Details. Akademie der bildenden Künste, Wien.

"Das Jüngste Gericht" von Hieronymus Bosch

Auch Hieronymus Bosch hat in einem Altarbild die Folgen der Mutterkornvergiftung dargestellt; es ist der rechte Außenflügel des Triptychons "Das Jüngste Gericht" (Abb. 7). Links neben einer stattlichen Person präsentiert ein Krüppel auf einem hellen Tuch seinen durch das Antoniusfeuer schwarz gewordenen, abgefallenen oder amputierten Fuß; neben dem Fuß liegen einige Münzen, was zeigt, dass die Bitte um Almosen erfolgreich war (Abb. 7, Detail). Der im Hintergrund hockende Krüppel zeigt eine krampfartige Kontraktur der Hand als weiteres Zeichen der Krankheit (Abb. 7, Detail). Almosen gibt der heilige Bavo, der Lokalpatron der Stadt Gent; der Sage nach bekehrte sich dieser junge Aristokrat – deutlich ausgewiesen durch den Falken auf seiner Hand, die elegante Geldbörse und die Sporen an seinen Stiefeln – zu einem Leben im Dienst der Armen und Kranken. Der linke Außenflügel des Altars zeigt den heiligen Jakob von Compostela als Pilger.

Therapie der Antoniter: Andacht und Diät

Der religiöse Aspekt war lange Zeit der wichtigste Teil der Therapie. Die Kranken in den Antoniusspitälern mussten mehrmals täglich vor dem Altarbild des heiligen Antonius beten. Die Kranken sollten in dem Betrachten dieser Heiligenbilder wenn nicht Heilung, so doch Trost und Stärkung finden [5]. Krankheit wurde im Mittelalter oft als Strafe für Verfehlungen im theologischen Sinne gedeutet. Um dieser hoffnungslosen Botschaft doch noch etwas Positives abzugewinnen, wurde gesagt, dass dem Menschen die Gnade zuteil werde, mit dem Erdulden der Krankheit einen Teil seiner Sünden schon jetzt zu büßen und so der ewigen Verdammnis zu entgehen.

Abb. 8: Der heilige Antonius (links) pflegt seine kranken Ordensbrüder mit Antoniuswein. Wandmalerei in der Chapelle Saint Antoine in Clans (Alpes-Maritimes).

Aus heutiger Sicht war die Umstellung der Ernährung für die Therapie entscheidend. Die Insassen der Antoniusspitäler erhielten von dem finanziell gut gestellten Orden nicht nur das sogenannte Antoniusbrot, das in der Regel aus Weizenmehl gebacken wurde, das viel seltener mit Mutterkorn verunreinigt war als das Roggenmehl, sondern auch Schweinefleisch. Ein besonderes Privileg des Ordens war nämlich, Schweine zu halten, die frei in der Ortschaft umherlaufen durften und sich auf diese Weise kostenfrei ernährten. Das Schwein wurde so neben dem an einen Krückstock erinnernden Tau-Kreuz zum Symbol für den heiligen Antonius. Das mutterkornfreie Mehl und die insgesamt höherwertige Ernährung mit Schweinefleisch und Antoniterwein (Abb. 8) in den Spitälern des Antoniterordens waren der unerkannte Grund für die immer wieder beobachteten überraschenden und wundersamen Heilungen der Kranken.

Die "besseren" Menschen blieben verschont

Die Adeligen und die Mönche der reichen Klöster waren übrigens seltener vom Antoniusfeuer befallen; sie ernährten sich nämlich meist von länger gelagertem Roggen, der auch bei einer Kontamination mit Mutterkorn relativ ungefährlich ist, weil die giftigen Alkaloide bereits weitgehend abgebaut sind [11], oder von Weizen, der viel seltener mit Mutterkorn verunreinigt ist als Roggen. Auch Fleisch und Fisch standen auf ihrem Speiseplan, während die arme Bevölkerung insbesondere bei Hungersnöten von der Hand in den Mund lebte und zwar fast ausschließlich von Roggen. In Unkenntnis der wirklichen Ursache glaubte man dann auch noch, dass die Adeligen und insbesondere die Mönche die besseren Menschen seien, weil Gott sie seltener mit dieser furchtbaren Krankheit strafte.


Abb. 9: Amputation eines Unterschenkels in: Hans von Gersdorff: Feldbuch der Wundarznei, Straßburg 1517. Kolorierter Holzschnitt von Hans Wechtlin [18].

Amputationen – beim Gangrän fast schmerzlos

Schließlich wurden in den Spitälern die notwendigen und häufig vorkommenden Amputationen durchgeführt. Der beim Antoniterorden unter Vertrag stehende Feldscher und Wundarzt Hans von Gersdorff berichtete, dass er mehr als hundert Amputationen am Spital Antonienhof in Straßburg durchgeführt habe [1]; interessanterweise bemerkte er dazu, dass er zwar über ein wirksames Narkotikum verfüge, es aber so gut wie nie zum Einsatz gebracht habe – ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich bei diesen Amputationen tatsächlich um Fälle von Antoniusfeuer gehandelt hat. Nur bei dieser Krankheit war es möglich, die abgestorbenen, oft fast von selbst abfallenden Glieder ohne Schmerzen für den Patienten zu amputieren. Auf der Illustration in Gersdorffs "Feldbuch der Wundarznei" fließt jedoch das Blut in Strömen, und man befürchtet, dass der Patient diesen Eingriff nicht überlebt (Abb. 9) [18]. Im Hintergrund des Bildes steht ein Antoniter, kenntlich an seinem Taukreuz auf der Brust, dem bereits eine Hand amputiert worden ist.


Abb. 10: Demeter und ihre Tochter Persephone erklären Triptolemus das Wissen um den Anbau von Getreide, damit er es an die Menschheit weitergibt. Großer Tempelfries von Eleusis, 5. Jh. v. Chr.

Das Geheimnis der Mysterien von Eleusis

Die Mysterien von Eleusis bildeten über einen sehr langen Zeitraum einen der wichtigsten religiösen Kulte des antiken Griechenlands. Sie fanden jährlich zur Erntezeit im September im etwa 20 km von Athen entfernten Eleusis statt und waren der Göttin Demeter geweiht (Abb. 10). Lange hat man gerätselt, wie es den Oberpriestern (Hierophanten) in Eleusis, die sich jahrhundertelang nur aus den beiden Familien Eumolpidae und Kerykes rekrutierten, möglich war, auch intelligente und hochgestellte Persönlichkeiten (Platon, Sophokles, Euripides, Aristoteles, Alkibiades, Kaiser Augustus, Claudius) mit den Mysterien tief und nachhaltig zu beeindrucken. Heute begründet man dies damit, dass ein Trank, der den in die Mysterien Eingeweihten gereicht wurde, starke Halluzinationen hervorrief. Dieser Kykeon genannte Trank wurde lediglich aus Gerste (Hordeum vulgare), Frauenminze (Tanacetum balsamita) und Wasser zubereitet. Zwar wirkt keines der drei Ingredienzien halluzinogen oder psychotrop, aber das der Gerste anhaftende Mutterkorn besitzt ein halluzinogenes Potenzial.

 

LSD bei den alten Griechen

Albert Hofmann, der sich intensiv mit den Mutterkornalkaloiden beschäftigte, vermutete schon früh diesen Zusammenhang [16]. Später zeigten andere Forscher, dass eine alkalische Reaktion des Kykeons, die mit Pottasche erzielt werden kann, dessen halluzinogene Wirksamkeit herbeiführt [17]. Das Mutterkornalkaloid Ergotamin wird dabei zu Lysergsäureamid und anderen LSD-ähnlichen halluzinogenen Wirkstoffen abgebaut.

 

Die durch die halluzinogene Wirkung erzeugten fantastischen räumlichen und farblichen Visionen, die von den Priestern in eine religiöse Richtung gelenkt wurden, waren vermutlich von so großer Intensität, dass die Eingeweihten sie nie wieder vergaßen. Nur so ist zu verstehen, dass die Mysterien von Eleusis über einen sehr langen Zeitraum die zentrale Kulthandlung im antiken Griechenland waren.

 

Literatur [1] Bachoffner, Pierre: Bemerkungen zur Therapie des Antoniusfeuers. Antoniter Forum 4, München 1996. [2] Bauer, Veit Harold: Das Antonius-Feuer in Kunst und Medizin. Berlin 1973. [3] Billeter, Erika: Schweizer Malerei – Hundert Meisterwerke aus Schweizer Museen. Bern 1990. [4] Dodart, Denis: Lettre de M. Dodart, de l´Academie Royal des Sciences, à l´Auteur du Journal, contenant des choses fort remarquables, touchant quelques grains. Journal des Sçavans (Amsterdam) de l´An 1676, 79 –158; ref. in [2]. [5] Engel, Günter: Das Antoniusfeuer in der Kunst des Mittelalters: die Antoniter und ihr ganzheitlicher Therapieansatz. Antoniter Forum 7, München 1999. [6] Gutscher-Schmid, Charlotte, u. K. U. Tremp: … das Bein abgehowen zu sant Antoenien – Die Spitalkirche der Antoniter, in: Ellen J. Beer (Hrsg.): Berns grosse Zeit: das 15. Jahrhundert neu entdeckt. Bern 1999. [7] Kobert, Rudolf: Zur Geschichte des Mutterkorns – Historische Studien aus dem Pharmakologischen Institut der Kaiserlichen Universität Dorpat, Bd. 1. Halle a. d. Saale 1889, S. 1– 47; ref. in [2]. [8] Marquard, Reiner: Mathias Grünewald und der Isenheimer Altar. Stuttgart 1996. [9] Mielke, Horst: Studien über den Pilz Claviceps purpurea (Fries) Tulasne unter Berücksichtigung der Anfälligkeit verschiedener Roggensorten und der Bekämpfungsmöglichkeiten des Erregers. Mitteilungen aus der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Heft 375. Berlin 2000. [10] Moeschlin, Sven (Hrsg.): Klinik und Therapie der Vergiftungen. Stuttgart 1986, S. 634 – 666. [11] Mühle, Erich: Das Mutterkorn – Ein Gräserparasit als Gift- und Heilpflanze. Wittenberg 1977. [12] Pfänder, H., K. Seiler u. A. Ziegler: Morgendliche Müsli-Mahlzeit als Ursache einer chronischen Vergiftung mit Secale-Alkaloiden. Dtsch. Ärztebl. 27, 2013 – 2016 (1985). [13] Philipp, Michael: Schrecken und Lust. Die Versuchung des heiligen Antonius von Hieronymus Bosch bis Max Ernst. Ausstellung und Katalog. Buzerius Kunstforum, Hamburg 2008. [14] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 262. Aufl. Berlin 2010. [15] Roth, Lutz, Hans Frank u. Kurt Kormann: Giftpilze, Pilzgifte. Landsberg 1990. [16] Wasson, Robert Gordon, Albert Hofmann u. Carl A. P. Ruck: Der Weg nach Eleusis – das Geheimnis der Mysterien. Frankfurt/M. 1984. [17] Webster, Peter, M. Perrine u. Carl A. P. Ruck: Mixing the Kykeon. Journal of Psychoactive Plants and Compounds, New Series 4 (2000). [18] Gersdorff, Hans von: Feldbuch der Wundarznei. Straßburg 1517. Reprograph. Nachdruck, hrsg. von Johannes Steudel. Darmstadt 1967.


Autor

Dr. Peter Schmersahl, Bei den Tannen 25, 22885 Barsbüttel, dr.p.schmersahl@t-online

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