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"Es gibt viel zu viele Apotheker"

FRANKFURT (cr). Es gehört zu den Ritualen von FAZ und ihrem Ableger, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS), Apotheken-Kritikern und Ketten-Lobbyisten breiten redaktionellen Raum einzuräumen. In der neuesten FAS strahlt den Leser ausnahmsweise nicht Celesio-Chef Fritz Oesterle entgegen, sondern ein leibhaftiger Apotheker, dessen Familie in dritter Generation "in Apotheke macht": Lothar Schenk erklärt in einem ganzseitigen Interview, "warum sein Stand zu gut verdient, wo noch gespart und wie die Arznei für alle billiger werden kann".

Vorgestellt wird Schenk als 36-jähriger Unternehmer, der in Düsseldorf lebt und eine Apotheke in Goch am Niederrhein "unweit der holländischen Grenze" betreibt. Seine Apotheke gehört, so die FAS, zu den "ein Prozent umsatzstärksten im Lande". Finanziell geht es Schenk prima: "Ich habe zwar meine Verpflichtungen. Aber es bleibt genug übrig. Wir können nicht klagen." Und warum bekommen, wie FAS-Wirtschaftsredakteur Winand von Petersdorff ebenso locker wie desinformiert fragt, "alle Gesundheitsbranchen ihre Einnahmen gekürzt, nur die Apotheker nicht?". Schuld sind die Apotheken-Lobby und die FDP. Schenk: "Unsere Lobby ist erfolgreich. Ich habe gelesen, dass 40 Prozent der Apotheker FDP wählen. Und der Gesundheitsminister ist FDP-Mann. Deshalb wundere ich mich nicht."

"Traditionalistisches Leitbild" …

Altbacken findet es der promovierte Pharmazeut, dass "unsere Standesvertreter das Leitbild eines Apothekers hochhalten, das mehr als hundert Jahre alt ist". Besonders ärgern ihn "Marktzutrittbarrieren, die Apotheker daran hindern zu expandieren" und auch "Drogeriemärkte oder Großhändler wie Celesio" (na also!) fernhalten. Ausdruck des "traditionalistischen Leitbilds" ist für Schenk, dass jede seiner Filialapotheken ein eigenes Labor und eine eigene Rezeptur haben muss – und dies, obwohl es ihm "in 12 Jahren als Apotheker noch nie passiert ist", auf ein fehlerhaftes Arzneimittel zu stoßen. "Dabei sind Sie doch ein ganz normaler Einzelhändler, der Medikamente und andere Dinge verkauft", bringt der FAS-Interviewer sein Unverständnis zum Ausdruck. Schenk mag da nicht widersprechen.

… und "gewaltige Effizienzreserven"

"Gewaltige Effizienzreserven" sieht Schenk, wenn man endlich die "luxuriöse Apothekendichte" (sie entspricht dem europäischen Mittel) in Deutschland ausdünne. Auf 3000 Apotheken könne man locker verzichten: "Es gibt viel zu viele Apotheker!". Eine Gefährdung der Arzneimittelversorgung in abgelegenen, wenig lukrativen Regionen sieht der Freund hochwertiger Gratiszugaben und flächendeckender Rabatt-Aktionen nicht: "Das Argument ist so alt wie die Apotheke selbst. Und es stimmt immer noch nicht." Die Lösung sieht Schenk in "Pick-up-Sammelstellen für Rezepte" oder in "Apotheken-Terminals mit eingebauter Videokonferenz (?)", die er in verwaisten Orten, z. B. "beim letzten Bäcker", aufstellen lassen möchte. Mit Arzneimittelautomaten hat Schenk Erfahrung: Seit Ende 2009 gehört ein 24-Stunden-Arzneimittelterminal zum "Team" seiner Apotheke. Arzneimittelsicherheit? Schenk: "Die Argumente, die da vorgebracht werden, dienen nur scheinbar der Arzneimittelsicherheit. Eigentlich geht es um die Konservierung des eigenen Umsatzes."

"Am Tresen Apotheker"

Immerhin: Am "Tresen" in der Apotheke fühlt sich Schenck als Apotheker: "Da rede ich den Kunden das Wundermittel eher (?) aus. Aber im Büro werde ich zum Geschäftsmann, denke mir Wurfzettel-Aktionen für Sonderangebote aus und kalkuliere das Warenlager durch."

Und was hält der smarte Geschäftsmann, der nebenbei auch noch die Gochener Blaskapelle mit Poloshirts seiner Herzogen-Apotheke sponsert ("Danke Herr Schenk!"), von der Homöopathie? "Das ist für mich ein gutes Geschäft. Vor allem Frauen zwischen 35 und 60 mögen das."

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