Feuilleton

Humboldts Grüne Erben

"Humboldts Grüne Erben – Der Botanische Garten und das Botanische Museum in Dahlem 1910 bis 2010" heißt eine Ausstellung, die während des ganzen Jubiläumsjahres und darüber hinaus bis Ende Januar 2011 zu sehen ist. Sie reflektiert die hundertjährige Geschichte des Gartens am Standort Dahlem, geht aber auch auf seine Vorgeschichte und die Leistungen bedeutender Berliner Botaniker wie Alexander v. Humboldt ein.
Paradiesvogelblume, Strelitzia reginae, aus Südafrika.
Fotos: Frank Olaf Ritter

Ein Aufschrei ging durch Berlin, nachdem die Leitung der Freien Universität gedroht hatte, den Botanischen Garten in Dahlem zu schließen. 105.000 Menschen unterschrieben spontan eine Protestnote gegen die Sparauflagen des Finanzsenators, denen auch die traditionsreiche Erholungs- und Forschungsstätte zum Opfer fallen sollte. Daraufhin beschloss das Präsidium der Universität, die fakultätsunabhängige Einrichtung zu erhalten. Sieben Jahre sind mittlerweile vergangen. Trotz Kürzung der Mittel gelang es, in Deutschlands größtem botanischem Garten weiterhin die Sammel- und Forschungstätigkeit zu pflegen.

22.000 Pflanzenarten

In diesem Jahr begeht die Einrichtung die hundertste Wiederkehr ihrer offiziellen Neueröffnung am Standort Dahlem. Eine halbe Million Menschen besuchen alljährlich die "grüne Lunge", um auf über 43 Hektar Fläche mehr als 22.000 Pflanzenarten im Freiland und unter Glas zu betrachten und das Botanische Museum zu besuchen. Vor 15 Jahren in die Denkmalliste des Landes Berlin aufgenommen, wird für den Botanischen Garten seit 2006 ein umfangreiches Gartenpflegewerk für die langfristige Entwicklung erstellt, damit auch künftige Generationen ihn weitgehend unverändert erleben können.


Protea eximia, aus Südafrika.

Willdenow und Humboldt

Die Vorgeschichte des Gartens begann im Jahr 1679, als der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg in der Gemarkung des Dorfs Schöneberg einen Mustergarten für die Bauern der Region anlegen ließ, der unter der Leitung von Carl Ludwig Willdenow (1765 –1812) Weltruf erlangte. Zu seiner Zeit gab es im Königlichen Botanischen Garten mit einer Fläche von elf Hektar viele wissenschaftlich noch nicht bearbeitete Spezies, die nun der im thüringischen Langensalza geborene Apotheker, Mediziner und Botaniker beschrieb und in seinem "Hortus Berolinensis" publizierte.

Ein weiteres Verdienst Willdenows, der auch als Mitbegründer der Dendrologie und als bedeutender Systematiker gilt, war das Sichten und Bestimmen von Pflanzenmaterial, das Alexander v. Humboldt in der Neuen Welt gesammelt hatte. Unter anderem verfasste Willdenow eine Erstbeschreibung von Solanum humboldtii , vermutlich einer Wildform der Tomate. Sein bedeutendstes Werk ist indessen die Neubearbeitung von Linnés "Species Plantarum" – zugleich der letzte Versuch, in einer Publikation sämtliche bekannten Pflanzenarten nach Linnés Sexualsystem zu ordnen.

Belustigungen waren untersagt

1824 wurde in Schöneberg die Königlich-Preußische Gärtnerlehranstalt gegründet, 1880 ein Königliches Botanisches Museum gebaut. In der Folgezeit verbrachte man die botanische Fachliteratur und die Herbarien von der Unter den Linden gelegenen Universität nach Schöneberg. Berlin wuchs, Schöneberg wurde eingemeindet, und seit 1872 konnten erholungsuchende Großstädter den Botanischen Garten per Bahn erreichen. Unter den Wissenschaftlern hielt sich die Freude über die zunehmende Popularität ihres Terrains allerdings in Grenzen. Um einem "Missbrauch des Gartens durch Belustigungen" vorzubeugen, wiesen sie die Besucher streng darauf hin, dass dieser allein für wissenschaftliche Zwecke und die öffentliche Belehrung bestimmt sei.

Unterdirektor Ignatius Urban (1848 – 1931), der sich als Herausgeber und Mitautor des ersten international organisierten Florenprojekts, der "Flora Brasiliensis", einen Namen gemacht hatte, beobachtete den Bauboom der Gründerzeit mit Sorge. Weil es für den Garten keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr gab, empfahl er 1888 dem preußischen Ministerium für Geistliche, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten, ihn auf eine von ihm selbst "in Aussicht genommene Parzelle" am windgeschützten Abhang des Fichtenbergs auf der Domäne Dahlem zu verlegen.


Utricularia reniformis, aus Brasilien.

Umzug nach Dahlem

Nach der Veröffentlichung der Verlegungspläne 1895 gründeten Schöneberger Bürger einen "Ausschuss für die Erhaltung des Botanischen Gartens als Parkanlage". Zwar konnten sie durch ihr Engagement eine Bebauung des Geländes verhindern, nicht aber die Verlegung ihres geliebten Gartens nach Dahlem. Am 26. Juli 1897 unterzeichnete Kaiser Wilhelm II. als König von Preußen ein "Gesetz, betreffend das Charitékrankenhaus und den botanischen Garten Berlin". Wenige Monate später begannen die Erdarbeiten in Dahlem, und im Frühjahr 1899 wurden die ersten Anlagen bepflanzt. 1902 errichtete man die ersten Schaugewächshäuser. Zwei Jahre später war das Freiland öffentlich zugänglich.

Im Frühjahr 1907 war die komplette botanische Sammlung nach Dahlem umgezogen, und 1909 waren die Schaugewächshäuser bepflanzt. Die erstmalige Blüte der Seerose Victoria amazonica war der Anlass, die Häuser noch im selben Jahr für das Publikum zu öffnen. Die offizielle Eröffnung fand aber erst im Anschluss an den IV. Internationalen Botanischen Kongress in Brüssel am 24. und 25. Mai 1910 mit 70 geladenen Gästen statt. Kurz darauf unternahm Direktor Adolf Engler (1844 – 1930) eine Reise nach China, Japan und in die USA. Nach seiner Rückkehr ließ er die pflanzengeographischen Abteilungen des Gartens neu gestalten und ergänzen.

Gemüseanbau nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegsjahre gingen auch am Botanischen Garten nicht spurlos vorbei. Bis 1926 durfte das Gartenpersonal im Arboretum auf 13.000 m2 Fläche Nutzpflanzen für den Eigenbedarf anbauen.

Am 18. September 1920 wurde in Dahlem die "Botanische Zentralstelle für technische Nutzpflanzen und Arzneigewächse" als Nachfolgeeinrichtung der "Botanischen Zentralstelle für die Kolonien" gegründet. Zudem pachtete die Leitung des Gartens Land von der Domäne Dahlem, um Nutzpflanzen der gemäßigten Zonen zu kultivieren und auf ihre industrielle Verwertbarkeit zu prüfen. Ab 1926 hatten auch Besucher Zugang zum "System der krautigen Pflanzen", das bis dahin nur Wissenschaftlern vorbehalten gewesen war.

Im Zweiten Weltkrieg wurden das Botanische Museum, die Schaugewächshäuser und die Freilandanlagen durch Bomben beschädigt, zerstört oder verwüstet. Nachdem im Sommer 1945 die gravierendsten Schäden repariert worden waren, wurde der Garten am 23. September wieder für die Bevölkerung geöffnet. Das Winterhaus mit der kathedralenähnlichen Architektur – heute befinden sich darin die Schausammlung mit mediterranen Pflanzen und die Farnabteilung – wurde als erstes Gewächshaus neu verglast und im folgenden Winter provisorisch mit Koksöfen beheizt.

Im Frühjahr 1946 wurden der Botanische Garten und das Botanische Museum auf Anordnung der amerikanischen Militärregierung aus der im sowjetischen Sektor liegenden Universität herausgelöst und der Abteilung Volksbildung beim Magistrat der Stadt Berlin zugeordnet.

In den ersten Nachkriegsjahren waren ausgedehnte Rasenflächen Luxus. Man hatte sie auf Anordnung des Magistrats umgepflügt, um Kartoffeln und Gemüse für die hungernde Bevölkerung anzubauen. Die Mitarbeiter durften im Garten und im Innenhof des Museums Parzellen für den Eigenbedarf bewirtschaften.


Greyia radikoferi, aus Südafrika.

Mühsamer Neubeginn

Nichtsdestotrotz wurde die wissenschaftliche Arbeit wieder aufgenommen, nachdem Robert Pilger (1876 – 1953) im Alter von fast 70 Jahren die Gartenleitung übernommen hatte. Pilger war ein ausgezeichneter Kenner der Wegerichgewächse, Nacktsamer und der Korallenalgen und hatte die Flora von Matogrosso (Brasilien) erforscht. Er war außerordentlicher Professor an der Universität und gab die Zeitschriften "Hedwigia", "Botanische Jahrbücher für Systematik, Pflanzengeschichte und Pflanzengeographie" sowie die Serie "Bibliotheca Botanica" heraus. Als Gartendirektor führte er einen großen Teil der ausgelagerten Herbar- und Bibliotheksbestände nach Berlin zurück. Im Januar 1947 erschien der erste Samenkatalog nach dem Krieg, zwei Monate später folgte der erste Nachkriegsband der "Botanischen Jahrbücher". Im Sommer 1948 konnte ein kleines tropisches Gewächshaus wiedereröffnet werden, aber wegen der Berlinblockade verzögerte sich die Instandsetzung der übrigen Schauhäuser. Im Herbst 1949 endete der Gemüseanbau, anschließend wurden die Freilandanlagen mit Mitteln aus dem Marshall-Plan rekonstruiert.

Als 1948 in Berlin-Dahlem die Freie Universität gegründet wurde, kooperierten Botanischer Garten und Botanisches Museum mit ihr; 1995 gingen sie dann in den Besitz der FU über.

Arzneipflanzen-Abteilung seit 1973

Ende der 50er Jahre waren – mit Ausnahme des großen Tropenhauses – alle Kultur- und Schaugewächshäuser wiederhergestellt. Im Botanischen Museum wurde ein neu ausgebauter Hörsaal seiner Bestimmung übergeben. Höhepunkte der 60er Jahre waren die Anlage einer neuen Abteilung für Pflanzen, die in Deutschland unter Naturschutz stehen, der Anschluss an das Fernheizungsnetz sowie die erstmalige Blüte einer weiblichen Welwitschia mirabilis , 1968. Im selben Jahr wurde das große Tropenhaus wiedereröffnet.

1973 wurde eine Arzneipflanzen-Abteilung angelegt, elf Jahre später kam ein Duft- und Tastgarten hinzu, und 1989 wurde ein neuer Sumpf- und Wassergarten fertiggestellt. Die frühen 90er Jahre waren geprägt durch die Eröffnung der zweiten Ausstellungsetage im Museum, den Aufbau einer Samenbank für weltweit gefährdete oder vom Aussterben bedrohte Arten sowie die Federführung an dem durch die EU geförderten Projekt "A Common Datastructure for European Floristic Databases" zur Biodiversitätsinformatik. 1996 wurde ein neuer Arzneipflanzengarten angelegt, nachdem der Vorgänger einem Anbau des Museums hatte weichen müssen.

Im Herbst 2001 wurde das Projekt BioCASE (Biological Collection Access Service for Europe) mit Partnern aus 31 Ländern unter Federführung des Botanischen Gartens und Botanischen Museums in Dahlem etabliert. Vor zwei Jahren wurden erstmals in der Geschichte des Gartens inhaltliche Profilschwerpunkte definiert, nämlich die Bereiche Asternartige, Nelkenartige, Kieselalgen, Kuba, europäisch-mediterraner Raum, Biodiversitätsinformatik sowie Weltgarten und Bildung.


Sarracenia flava, aus Nordamerika.

"Mekka der Botanik"

Den im frühen 19. Jahrhundert von v. Humboldt und Willdenow begründeten Ruf Berlins als "Mekka der Botanik" festigten neben Urban, Engler und Pilger viele weitere Wissenschaftler bis in die Gegenwart. Genannt seien der Weltumsegler Adelbert v. Chamisso (1781 – 1838), Carl Sigismund Kunth (1788 – 1850), der u. a. v. Humboldts südamerikanische Pflanzen bearbeitete, Alexander Braun (1805 – 1877), ein Spezialist für Kryptogamen, Georg Schweinfurth (1836 –1925), der die Flora am Nil, auf der Arabischen Halbinsel und in Nordafrika erforschte, August Wilhelm Eichler (1839 – 1887), Herausgeber der "Blütendiagramme" und des "Syllabus der Vorlesungen über specielle und medicinisch-pharmaceutische Botanik", sowie Ludwig Diels (1874 – 1945), der sich insbesondere mit der Erforschung der westaustralischen Pflanzenwelt beschäftigte.

Wurden in der Nachkriegszeit bis Ende der 60er Jahre vorrangig vorhandene Sammlungen erworben, so traten danach Forschungsreisen in den Vordergrund, z. B. nach Togo, in das Mittelmeergebiet, in den Jemen und nach Kuba. Anders als in früheren Zeiten wird heute das Pflanzenmaterial in Kooperation mit den Institutionen der Herkunftsländer gesammelt. Um die Bestände zu schonen, entnehmen die Wissenschaftler das Material nur projektbezogen in geringen Mengen und in klar definierten Gebieten.


Reinhard Wylegalla

Info


Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin-Dahlem

Königin-Luise-Straße 6-8, 14195 Berlin

Tel. (0 30) 83 85 01 00, www.bgbm.org

Täglich geöffnet: Garten von 9 Uhr bis zur Dämmerung, Museum von 10 bis 18 Uhr

Katalog: Humboldts Grüne Erben, 150 S., 8,50 Euro, ISBN 978-3-921800-67-6

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