Gesundheitspolitik

Wenn Kernleistungen zum Zuschussgeschäft werden …

Apotheken-Ökonom Kaapke im AZ-Interview über die aktuelle Situation von Großhandel und Apotheken

STUTTGART (diz). Der Großhandelsverband Phagro legte seine Halbjahreszahlen vor. Sie lassen erkennen, dass die wirtschaftliche Lage nicht rosig ist – und das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) ist noch nicht in Kraft getreten. Wir sprachen mit dem Apotheken-Ökonomen Professor Andreas Kaapke, Stuttgart, der die Großhandelszahlen für uns hinterfragte. Er erklärt, was diese Zahlen für die Apotheken bedeuten, wie man sich für die bevorstehenden Großhandelsgespräche rüsten muss und wie Apotheken den Rabattkürzungen gegensteuern können.

Andreas Kaapke

AZ: Die Großhandelsspanne geht in den Keller. Die Halbjahreszahlen des Großhandelsverbands Phagro verheißen nichts Gutes. Bereits in diesem Jahr, in dem das AMNOG noch nicht in Kraft getreten ist, zeichnet sich ein deutlich negativer Trend ab. Was bedeuten die aktuellen Zahlen des Phagro für die Apotheken?

Kaapke: Zunächst einmal ist es wichtig herauszustellen, dass die Zahlen, die der Phagro liefert, valide sind. Seit vielen Jahren führt der Phagro diese Untersuchung mit dem Institut für Handelsforschung durch, so dass allen Zweiflern zugerufen werden kann, die Zahlen stimmen. Die Einschätzung, dass vermutlich nur 100 Millionen Überschuss über alle Pharmagroßhändler in 2010 erwirtschaftet werden können, zeigt nochmals deutlich auf, wie fernab von echten Zahlen die Politik eigene Vorstellungen bar jeder Substanz exekutiert. Einem Wirtschaftsbereich, den man preislich reguliert, mehr abzunehmen, als er gesamtheitlich erwirtschaftet, mutet abenteuerlich an. Ich bin mir nicht sicher, ob die Verantwortlichen im Gesundheitsministerium sich der Mühe unterzogen haben, derlei Zahlen auf sich wirken zu lassen. Logische Konsequenz: Der Großhandel muss schnell reagieren, denn die 2010er-Zahlen haben ja noch nichts mit dem AMNOG zu tun. Und natürlich geht es um ganz existenzielle Fragen. Die Deutlichkeit und Heftigkeit der Reaktionen des Großhandels zeigt aber auch, dass es nicht nur Fensterreden sind, sondern ernstzunehmende Signale. Deshalb werden in den nächsten Wochen sicherlich Verhandlungen anstehen müssen. Aber eines ist auch klar: Wir haben einen oligopolistischen Großhandelsmarkt, also wenige Anbieter (in dem Fall Großhändler) stehen relativ vielen Abnehmern gegenüber (in dem Fall Apotheken), so dass nicht einfach nur gekürzt werden kann. Hier werden intensive Gespräche zu führen sein.


AZ: Für 2011 lesen sich die Zahlen noch dramatischer: 200 Mio. soll der Großhandel einsparen bei einer Umsatzrendite von nur 0,5 Prozent im ersten Halbjahr 2010, konkret bei einem Ertrag vor Steuern von etwa 50 Mio. Euro im 1. Hj. 2010. Der Großhandel wird reagieren müssen. Man hört bereits, dass er erste Gespräche mit den Apotheken führt in Richtung möglicher Kürzung der Rabatte und weiterer Einschnitte. Was kommt da konkret auf die Apotheken zu?

Kaapke: Man muss sich anschauen, was in den letzten Jahren seit Einführung des GMG gelaufen ist. Nach Kürzungen wurden wieder üppig Rabatte jeder Art vergeben. Rabatte sind per Definition Preisnachlässe für die Übernahme von Funktionen, für ein besonders vorteilhaftes Verhalten, für rasche und unbürokratische Bezahlung. Nun hat sich aber in der Vergangenheit eingeschlichen, dass rabattiert wurde, ungeachtet ob das dafür notwendige Verhalten vorlag, einzig maßgeblich war ein initiierter Bestellvorgang. Und die Apotheken sind auch davon ausgegangen, dass ihnen dieser Rabatt zusteht. Die Großhändler ihrerseits haben den Rabatt gewährt. Genau darum wird es gehen müssen, dass wirklich überprüft wird, ob das Verhalten der Apotheke einen Rabatt rechtfertigt. Mit anderen Worten: Jene Apotheken, die pro Bestellzeile nur einen Artikel aufweisen und pro Bestellung nur wenige Zeilen dürfen sich nicht wundern, wenn derlei Verhalten nicht mehr rabattiert wird. Jene Apotheken, die extrem spät zahlen, können nicht wirklich mit einem Skonto rechnen. Zu Recht, denn es kann anders gehen, aber es ist halt bequem, einfach bestellen zu können ohne überlegen zu müssen, ob dies an anderer Stelle einen immensen Aufwand auslöst, dem kein entsprechender Ertrag gegenübersteht. Und die Apotheken müssen auch erkennen, dass der Pharmagroßhandel in dieser Situation zuerst auf sich schauen muss. Wenn die eigene Existenz auf dem Spiel steht, zumindest aber erhebliche Einschnitte zu befürchten sind, muss ich mich retten, nicht andere. Deshalb rate ich den Apotheken nicht ohne Konzept in die Verhandlung zu gehen, sondern genau zu prüfen, an welchen Stellen sie dem Großhandel durch kostensparendes, effizientes Verhalten entgegenkommen können, so dass der Großhandel zumindest den Spielraum einer Kostenersparnis bei sich erkennt und von daher auch Möglichkeiten sieht, nicht gänzlich auf Rabatte zu verzichten. Das fängt bei der raschen Zahlung an, äußert sich in der professionellen Nutzung der Warenwirtschaftssysteme und im ganz konkreten Bestellverhalten und kann seinen Niederschlag auch darin finden, noch stärker die Beratungsleistung des Großhandels in Anspruch zu nehmen und sich an die Empfehlungen anzulehnen, um auf dieser Grundlage dann die Berichtigung zu erwirken, Nachlässe zu bekommen.


AZ: Aus Sicht des Apotheken-Ökonomen: Welche Möglichkeiten hat die Apotheke, die drohenden Belastungen aufzufangen? Was würden Sie einer Durchschnittsapotheke empfehlen, wie sie auf die AMNOG-Einschnitte reagieren sollte?

Kaapke: Das AMNOG zwingt Apotheken wieder einmal in Nicht-GKV-relevanten Feldern das Geld zu verdienen, was in der GKV weggenommen wird. Dies ist eigentlich nicht zulässig. Aber darauf müssen sich die Apotheken konzentrieren. Und hier sind sicherlich noch Spielräume gegeben. Andererseits verursacht meine eigene Empfehlung Schmerzen, denn normalerweise würde man mittelfristig sagen, ein Unternehmer muss sich ständig überlegen, ob er sog. Ausgleichsnehmer (also Produkte, die sich nicht oder nur sehr eingeschränkt rechnen) auf Dauer im Sortiment belässt. Nun sind die rezeptpflichtigen Arzneimittel konstitutives Element von Apotheken. Und es schmerzt schon sagen zu müssen, dass diese Kernleistung nur noch so schlecht bezahlt wird, dass es eigentlich ein Zuschussgeschäft geworden ist. Die Arzneimitteldistribution entzieht sich aus vielerlei Gründen der Anwendung der klassischen Preistheorie, wie wir sie für andere Märkte kennen.

Schließlich muss nachgedacht werden, welche Dienstleistungen Apotheken erbringen können und wie diese zu bepreisen sind.


AZ: Herr Kaapke, vielen Dank für das Gespräch.

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