Gesundheitspolitik

BAH fordert Bekenntnis zur Selbstmedikation

Geschäft mit rezeptfreien Arzneimitteln: Nur der Versandhandel profitiert

Berlin (ks). Mit Sorge betrachtet der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) den rückläufigen Selbstmedikationsmarkt: Seit rezeptfreie Arzneimittel 2004 grundsätzlich aus der GKV-Erstattung gefallen sind, sinkt die Zahl der in der Offizin abgegebenen Packungen stetig. Der BAH appelliert nun an Politik, Marktpartner und Zulassungsbehörden, ihren Beitrag zu leisten, damit Selbstmedikation eine Zukunft hat.
BAH-Vorsitzender Hans-Georg Hoffmann
Foto: AZ/Sket

Rezeptfreie Arzneimittel haben bekanntlich ebenso wie verschreibungspflichtige ein Zulassungsverfahren durchlaufen, in dem sie ihre Wirksamkeit, ihre Qualität und Unbedenklichkeit unter Beweis gestellt haben. Dennoch haben sie in der Bevölkerung vielfach das Image, von geringerem Nutzen zu sein. Zudem ist gerade bei älteren Patienten häufig noch eine "Vollkasko-Mentalität" festzustellen. Seitdem die Kassen die Kosten für diese Arzneimittel regelmäßig nicht mehr übernehmen, schrumpft der Markt. Dabei, so gibt der BAH-Vorsitzende Hans-Georg Hoffmann zu bedenken, ist die Selbstmedikation gerade in Zeiten, da die Eigenverantwortlichkeit der Patienten beschworen wird und die finanziellen Mittel knapp sind, zukunftsweisend. So liegt etwa der Durchschnittspreis eines OTC-Arzneimittels in der Apotheke vor Ort bei rund 7,70 Euro.

Keine Freude über Zuwächse im Versand

Auch Apotheken ist in der Regel daran gelegen, sich im Selbstmedikationsmarkt zu behaupten. In diesem Bereich sind sie vor gesetzgeberischen Sparmaßnahmen sicher. Den Vor-Ort-Apotheken machen hier allerdings die Versandapotheken das Leben schwer. Hier boomt das OTC-Geschäft nach wie vor: Während im "gewöhnlichen" Apothekenmarkt mit direkter Beratung von Januar bis September dieses Jahres 454,8 Millionen Packungen und damit 2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum verkauft wurden, konnten die Versandapotheken ein Mengenplus von gut 20 Prozent auf 51,7 Millionen Packungen verzeichnen. In der Vor-Ort-Apotheke sank der Umsatz in dieser Zeit um 1,2 Prozent auf 3,52 Milliarden Euro, in den Versandapotheken stieg er um 10,2 Prozent auf 493 Millionen Euro. Das Verhältnis von Menge zu Umsatz zeigt, dass die Versender mit ganz anderen Preisen arbeiten als die Apotheke vor Ort. Zwar lag der Durchschnittspreis eines über eine Versandapotheke bezogenen OTC-Präparates mit rund 9,50 deutlich höher als in der Apotheke vor Ort – aber es sind eben in erster Linie die hochpreisigen Arzneimittel, die im Versand bestellt werden. Beim BAH kann man sich nicht über die Zuwächse in diesen Apotheken und die dortigen Discountpreise freuen.

Dr. Uwe May, Abteilungsleiter Gesundheits­ökonomie/ Grundsatzfragen Selbstmedikation beim BAH.
Foto: AZ/Sket

Auch die sogenannten Switches, also die Entlassung verschreibungspflichtiger Substanzen in den OTC-Markt hat den Herstellern weniger eingebracht als erwartet. Wie Dr. Uwe May, Abteilungsleiter Gesundheitsökonomie/Grundsatzfragen Selbstmedikation beim BAH, erläuterte, sei Deutschland zwar das großzügigste Land, wenn es ums Switchen gehe. Doch zum Selbstläufer entwickelten sich die Präparate – etwa mit den Wirkstoffen Omeprazol oder Naratriptan – hierdurch nicht. "Was sonst den OTC-Markt hemmt, wirkt auch hier", so May.

Hersteller suchen die Kooperation mit Apotheken

Damit es wieder bergauf geht im Selbstmedikationsmarkt, fordert der Verband ein "öffentliches Bekenntnis" der Politik und der Kassen zur Selbstmedikation. "Nur die öffentliche Anerkennung der Selbstmedikation durch die genannten Kreise, kann der Image- und Akzeptanzproblematik des OTC-Markts adäquat begegnen", so Hoffmann. Darüber hinaus bekräftigt der BAH seine Kooperationsbereitschaft gegenüber den Apothekern und Ärzten, aber auch den Krankenkassen, um gemeinsame Konzepte zur Förderung einer sinnvollen Selbstmedikation zu erarbeiten. Gemeinsames Ziel sollte dabei die Stärkung einer medizinisch und ökonomisch sinnvollen Selbstmedikation zum Wohle der Patienten und des Gesundheitssystem sein. Mit dem grünen Rezept hat man bereits gute Erfahrungen gesammelt. Doch viele Ärzte begleiteten die Selbstmedikation nach wie vor kritisch, so Hoffmann – vor allem wenn sie ohne ihre Kenntnis geschieht. Als Beitrag der Krankenkassen kann sich der BAH-Vorsitzende beispielsweise vorstellen, dass diese ihren Versicherten Anreize setzen, um die Selbstmedikation zu fördern. Nach dokumentierter Diagnose könne dem selbstmedikationswilligen Versicherten etwa ein kleiner Bonus ausgezahlt werden.

Zudem appelliert der BAH an seine Mitgliedsunternehmen nicht müde dabei zu werden, die Bandbreite der Selbstmedikation stetig zu erweitern und zu verbessern. Dies könne dadurch geschehen, dass Verfahren zur Entlassung von geeigneten Präparaten aus der Verschreibungspflicht betrieben werden. Aber auch neue Produkte, sinnvolle Produktweiterentwicklungen sowie innovative Darreichungsformen bzw. Applikationsmöglichkeiten sollten weiter nach vorne gebracht werden. Nicht zuletzt fordert der BAH die nationalen wie europäischen Zulassungsbehörden auf, die regulatorischen Anforderungen an rezeptfreie Arzneimittel mit Augenmaß zu gestalten und umzusetzen.

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