Gesundheitspolitik

Test: Vor-Ort-Apotheken schlagen Versandkonkurrenz

Stiftung Warentest nimmt im jüngsten Apothekentest auch Kooperationen unter die Lupe

Berlin (lk). Beim großen Apothekentest der Stiftung Warentest haben wohnortnahe Vor-Ort-Apotheken besser abgeschnitten als Versandapotheken. Vor allem in der Beratung zeigten sich deutliche Unterschiede: Versandapotheken beraten schlechter als wohnortnahe Apotheken. Getestet wurden Beratung, Service und Preise von Apotheken in Berlin, Essen, Nürnberg und Augsburg.

Das ist ein Ergebnis des aktuellen von der Stiftung Warentest durchgeführten Tests von insgesamt 50 Apotheken, darunter 27 Vor-Ort- und 23 Versandapotheken. Im Durchschnitt schnitten die Vor-Ort-Apotheken mit der Note "befriedigend" ab, die Versandapotheken aber nur mit "ausreichend". Die Beratungsleistung der Versandapotheken wurde von der Stiftung Warentest mit "fast schon katastrophal" eingestuft. Keine der Versandapotheken wurde mit "gut" bewertet, aber immerhin sieben Vor-Ort-Apotheken. Acht der 23 getesteten Versandapotheken waren sogar "mangelhaft". Auch im Vergleich mit früheren Tests in den Jahren 2007 und 2008 schnitten die Vor-Ort-Apotheken deutlich besser ab, während sich die Versandapotheken verschlechterten.

"Die Vor-Ort-Apotheken sind dem Versandhandel überlegen. Viele der Versandapotheken, die mit Pick-up-Discountern zusammenarbeiten, schneiden besonders schlecht ab", kommentierte Heinz-Günter Wolf, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände das Ergebnis. "Es ist höchste Zeit für das Verbot von Pick-up-Stellen und eine schärfere Kontrolle des Versandhandels."

Die 27 getesteten Vor-Ort-Apotheken gehörten allesamt den Kooperationen Linda, meine apotheke, Gesund leben-Apotheke, vivesco, Gesund ist bunt-Apotheken und Guten Tag-Apotheken an, und verbinden damit besondere Qualitätsansprüche. Die Apotheken vor Ort bewerteten die Tester im Durchschnitt mit "befriedigend". In der Gesamtbewertung liegt "meine apotheke" mit der Durchschnittsnote 2,47 vorn und ist damit die einzige Kooperation mit der Note "gut". Auf dem zweiten Platz landete DocMorris mit 2,67, gefolgt von "Gesund ist bunt" (2,73), Vivesco (2,97), Linda (3,0), "Guten Tag-Apotheken" (3,17), Farma-Plus (3,23) und easy (3,43). Die rote Laterne mit einem "ausreichend" erhielt von Stiftung Warentest "Gesund leben" mit 3,73.

Zur besten Apotheke kürte die Stiftung Warentest die Apotheke am Westbahnhof in Essen der Kooperation meine apotheke mit einem Notenspitzenwert von 1,8. Sieben Apotheken schlossen mit dem Prädikat "gut" ab, 16 mit "befriedigend", eine mit "ausreichend" und drei mit "mangelhaft". Aber auch in den Vor-Ort-Apotheken entdeckten die Tester deutliche Mängel. So waren bei einer Linda-Apotheke und einer "Gesund leben"-Apotheke alle drei abgefragten Beratungen zu Wechselwirkungen falsch. In einer easy-Apotheke wurde eine Rezeptur nicht angefertigt.

Als fast schon "katastrophal" fasste die Stiftung Warentest das Ergebnis der Versandapotheken zusammen. Vor allem die Beratungsleistung müsse man "als Katastrophe bezeichnen", urteilte Testabteilungsleiter Holger Brackemann. Keine einzige Versandapotheke konnte alle drei Testfälle lösen. Die Versender apotal, Sanicare, zur Rose und Euroapo24 versagten laut Stiftung Warentest gleich in allen drei Fällen.

Nur vier von 23 getesteten Versandapotheken bekamen die Note "befriedigend", elf "ausreichend", die restlichen acht "mangelhaft". Im Durchschnitt erhielten die Versandapotheken damit die Note Vier. Testsieger sind mediherz.de und mycare.de mit einer Gesamtnote von 2,6 ("befriedigend"), am schlechtesten waren easyapotheke.de und europa24.de mit 5,5.

Deutliche Kritik äußerte die Stiftung Warentest am Umgang der Versandapotheken mit der Herstellung von Rezepturen. Während nur eine Vor-Ort-Apotheke die Herstellung einer Rezeptur verweigerte, taten dies acht Versender, ein knappes Drittel. Versandapotheken, die die Rezeptur annahmen, gelang meist die Herstellung, allerdings wurde in elf Fällen die Mixtur nicht in adäquaten Gefäßen abgepackt, sodass die Mixtur auslief und die Kennzeichnung verwischte. "Es kann nicht sein, dass sich die Versender die Rosinen herauspicken und die personalintensiven Arbeiten den Kollegen vor Ort überlassen", sagte Brackemann und forderte die Apothekerkammern auf, die Einhaltung berufsrechtlicher Verpflichtungen zu überprüfen.

Auch bei den Preisen stellte die Stiftung Warentest keinen eindeutigen Vorteil der Versandapotheken fest: Zwar lagen die 23 getesteten Versandapotheken beim Preis noch vorn, dies könne aber im Einzelfall durch die Versandkosten wieder aufgehoben werden. Keine Versandapotheke bot danach durchgängig günstigere Preise an, "manchmal war auch die Vor-Ort-Apotheke die günstigere Wahl", sagte Hubertus Primus, Chefredakteur der Test-Zeitschrift der Stiftung Warentest. Easy- und farma-plus-Apotheken verkauften die Medikamente fast immer billiger als vom Hersteller empfohlen. DocMorris- und Guten Tag-Apotheken immerhin noch in mehr als jedem zweiten Fall.

"Preisvergleiche zahlen sich für die Kunden aus", sagte Primus. So kauften die Tester eine Tube Bepanthen mal für 6,23 Euro, mal für 12,90 Euro. Beim Schmerzmittel Voltaren reichte die Preisspanne von 5,89 Euro bis zu 12,95 Euro. Insgesamt sieht die Stiftung Warentest für die Apothekenkunden bei der Preisgestaltung einen "Silberstreif am Horizont". "Einkaufsgenossenschaften zahlen sich aus", so Hubertus Primus und forderte, dass sich noch mehr Apotheken dem Preiswettbewerb stellen.

Für verbesserungsfähig hält die Stiftung Warentest zudem die Beratungssituation bei "heiklen" Kundenproblemen. So sei die notwendige Diskretion auch in Vor-Ort-Apotheken im Testfall einer Inkontinenz-Patientin nur mangelhaft gewesen. Brackemanns Urteil: "Die Voraussetzungen und die Durchführung einer diskreten Beratung lagen vielfach im Argen und sollten verbessert werden."

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