Arzneimittel und Therapie

Zöliakie und Diabetes haben genetische Gemeinsamkeiten

Etwa 5 bis 10% der Menschen mit einem Typ-1-Diabetes leiden ebenfalls an einer Glutenunverträglichkeit (Zöliakie). Ein möglicher Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen war daher verschiedentlich vermutet worden. Jetzt konnte von einer internationalen Forschergruppe gezeigt werden, dass bestimmte Risikogene sowohl bei Zöliakie-Patienten als auch bei Typ-1-Diabetikern nachzuweisen sind [1]. Die Wissenschaftler erhoffen sich Ansätze für neue medikamentöse Therapien.

Mehr als 200.000 Menschen in Deutschland leiden an einer Zöliakie (glutensensitive Enteropathie oder Glutenunverträglichkeit), einer Erkrankung des Dünndarms, bei der es nach der Exposition mit dem Klebereiweiß Gluten zur Atrophie der Mukosa kommt. Gluten kommt vor allem in den Getreidearten Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste und Hafer vor. Als eine Mischform aus Allergie und Autoimmunerkrankung stellt die allergische Komponente in Form der Überempfindlichkeit gegen Getreideproteine (Gliadine) den auslösenden Faktor dar, während eine autoimmunologische Reaktion für die dann auftretende Symptomatik verantwortlich ist. Auch der Typ-1-Diabetes mellitus zählt zu den Autoimmunerkrankungen: Das körpereigene Immunsystem zerstört im Verlaufe einer Entzündungsreaktion die Insulin-produzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse selbst. Für beide Erkrankungen waren bereits genetische Prädispositionen bekannt. Typ-1-Diabetiker haben ein fünf- bis zehnfach höheres Risiko an eine Zöliakie zu erkranken. Bei bis zu zehn Prozent der Kinder mit Typ-1-Diabetes mellitus findet man Antikörper gegen das Enzym Transglutaminase im Blut, die an der Pathogenese der Zöliakie beteiligt sind.

"Genetisch verwandt"?

Auf der Suche nach genetischen Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Erkrankungen entdeckte eine internationale Forschergruppe aus England, Irland und den Niederlanden in einer Assoziationsstudie eine Anzahl von Risikogenen (SNP; single nucleotide polymorphisms), die sowohl das Erkrankungsrisiko für Zöliakie als auch für Typ-1-Diabetes beeinflussen. Die Untersuchungen wurden an über 8000 Patienten mit einem Typ-1-Diabetes mellitus und mehr als 2500 Patienten mit Zöliakie sowie an mehr als 9300 Kontrollen durchgeführt. Da beide Erkrankungen mit HLA-Klasse II-Genen am kurzen Arm des Chromosoms (6p21) assoziiert sind, interessierte die Wissenschaftler besonders, ob auch noch andere Gemeinsamkeiten vorliegen. Unter 21 Risikogenen für Typ-1-Diabetes und elf für Zöliakie wurden sieben gemeinsame gefunden. Interessanterweise sind zwei SNP, die mit einem erhöhten Zöliakie-Risiko assoziiert sind, offensichtlich für deren Träger mit einem Schutz vor einem Typ-1-Diabetes verbunden. Weiterhin wurde eine gemeinsame Variante auf dem Gen für CCR5, ein Rezeptorprotein aus der Familie der Chemokinrezeptoren, nachgewiesen. Diese ist mit einem Schutz vor einer HIV-Infektion assoziiert.

Die Ergebnisse legen nahe – so die Autoren der Studie –, dass gemeinsame biologische Mechanismen wie die Gewebezerstörung durch autoimmunologische Reaktionen und die Intoleranz gegenüber Antigenen, die Bestandteile von Nahrungsmitteln sind, bei beiden Erkrankungen vorhanden sind. Aus den Ergebnissen erhoffen sich die Wissenschaftler neue Ansatzpunkte für eine medikamentöse Therapie. Auch stellt sich die Frage, ob es analog zu Gluten bei der Zöliakie auch beim Typ-1-Diabetes "Trigger" gibt, die auf eine Zerstörung der Beta-Zellen wirken. Bislang hatte man vor allem Viren im Verdacht. Jetzt erscheint es auch vorstellbar, dass Bestandteile der Nahrung zum Auslöser des Typ-1-Diabetes werden können [2].

Quelle

[1] Smyth, D.J.; et al.: Shared and Distinct Genetic Variants in Type 1 Diabetes and Celiac Disease, New Engl. J. Med. 2008; 359(26):2767– 2777.

[2] Typ-1-Diabetes mellitus und Zöliakie genetisch verwandt. Ärzteblatt-online vom 12. Dezember 2008.


Dr. Hans-Peter Hanssen

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