Ernährung aktuell

Dicke Mutter, dickes Kind

Dicksein beim Menschen beginnt im Mutterleib. Einflüsse während der Schwangerschaft sind offenbar in weitaus größerem Maß für das Geburtsgewicht verantwortlich als genetische Faktoren. Das ist eines der Ergebnisse des Ernährungsberichts 2008 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Aus dem Tierreich sind Prägungen im Mutterleib lange bekannt: die Bruttemperatur legt das Geschlecht von Reptilien fest, nur bei Fütterung mit Gelee royale entwickelt sich eine Bienenkönigin etc. Offenbar wird auch der Mensch deutlich stärker im Mutterleib geprägt als früher angenommen. So haben verschiedene Studien gezeigt, dass sich Übergewicht einer werdenden Mutter in hohem Maße auf das Geburtsgewicht sowie die spätere Gewichtsentwicklung des Kindes auswirkt – und zwar negativ. Mütterliche Adipositas erhöht nicht nur das Geburtsgewicht (dreimal so häufig Geburtsgewicht > 4500 Gramm), sondern auch das Risiko für Komplikationen während der Schwangerschaft (z. B. Frühgeburt, Totgeburt, Kaiserschnitt). Eine übermäßige Gewichtszunahme während der Schwangerschaft erhöht das Übergewichtsrisiko der Neugeborenen um den Faktor zwei bis drei. Ein erhöhtes Geburtsgewicht ist wiederum mit einem späteren Übergewichtsrisiko verbunden – mit den Risiken für metabolisches Syndrom, Arteriosklerose, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall. Dieses erhöhte Risiko findet sich auch bei zu niedrigem Geburtsgewicht und anschließender zu schneller Gewichtszunahme durch "Überfütterung". Den Zusammenhängen liegt eine neurohormonelle Regulierung zugrunde – ein perinatal "erlerntes" Übergewichtsrisiko durch eine Set-point-Verstellung. Es kann dann zu einem Teufelskreis kommen: adipöse Schwangere bekommen adipöse Nachkommen, die später ebenfalls adipöse Schwangere werden ... Im Gegensatz zur genetischen Veranlagung ist dieser Teufelskreis allerdings durch Primärprävention zu durchbrechen.

Eine wichtige Rolle für die Gewichtsentwicklung des Kindes spielt zudem der Schwangerschaftsdiabetes. Mindestens zehn Prozent der Schwangeren leiden daran, bei 90 Prozent der Betroffenen wird der Diabetes nicht erkannt und behandelt. Bei unbehandeltem Schwangerschaftsdiabetes bringen die Mütter doppelt so häufig übergewichtige Neugeborene zur Welt wie bei behandeltem bzw. ohne Schwangerschaftsdiabetes, und es besteht ein vierfach höheres Risiko für jugendlichen Diabetes beim Kind verglichen mit behandeltem Schwangerschaftsdiabetes.

Um hier gegenzusteuern, wird empfohlen:

  • Übergewichtige Frauen mit Kinderwunsch sollten vor Schwangerschaftsbeginn versuchen, Normalgewicht zu erreichen.
  • Während der Schwangerschaft sollte man nicht für zwei essen.
  • Ein obligatorisches Diabetesscreening sollte eingeführt werden (hier ist die Politik gefordert und Gynäkologen müssen weiter sensibilisiert werden).
  • Stillen sollte gefördert und Flaschennahrung optimiert werden, um eine Überernährung des Neugeborenen zu vermeiden.
Quelle

Journalistenseminar der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zum Ernährungsbericht 2008, 28. Januar 2009, Bonn

Tab. 1: Empfohlene Gewichtszunahme in der Schwangerschaft
präkonzeptioneller BMI
empfohlene Gewichtszunahme der Schwangeren (kg)
< 19,8
(Untergewicht)
12,5–18
19,8 – 26,0
(Normalgewicht)
11,5–16
26,0 – 29,0
(Übergewicht)
7,0–11,5
> 29,0
(Adipositas)
6,0

Autorin

Dr. Sabine Wenzel

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