Biographie

"Giftmischer will ich nicht sein"

Theodor Fontane zum 190. Geburtstag

von Sandra Krämer

"Ein Apotheker, der anstatt von einer Apotheke von der Dichtkunst leben will, ist so ziemlich das Tollste was es gibt." Mit dieser Bemerkung, die Theodor Fontane einmal über seinen Kollegen Henrik Ibsen äußert, beschreibt der am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geborene Autor sein eigenes Dilemma – ein Leben zwischen poetischer Berufung und ungeliebtem Brotberuf.

Theodor Fontane im Alter von 63 Jahren Gemälde von Carl Breitbach, 1883.

"Armer Lehrling / Ich weiß dein Schicksal nicht, nur eines weiß ich: / Wie dir die Lehrzeit hinging / Ging mir das Leben hin. Ein Band von Goethe / Blieb mir bis heut mein bestes Wehr und Waffen / Der Band von Goethe gab mir Kraft und Leben"

("Fritz Katzfuß", Gedicht, 1889)

Am 1. April 1836 beginnt Theodor Fontane auf Wunsch seines Vaters Louis Henri, selbst Apotheker, seine Lehre in der Apotheke "Zum Weißen Schwan" in Berlin. Dass der Vater auf die literarischen Ambitionen seines Sohnes, der während seiner Gymnasialzeit bereits Gedichte verfasst hat, und seinen Traum von Abitur und Studium keine Rücksicht nimmt, verzeiht er ihm nie. Um über die Widrigkeit seiner Lehrtätigkeit hinwegzukommen, sucht der Schüler den Ausgleich in der Literatur. Paradoxerweise ist es sein pharmazeutisches Umfeld in Berlin, das ihm Zugang zu Lesestoff und damit die Voraussetzungen verschafft, auf der eigentlich für ihn bestimmten Laufbahn voranzukommen.

Angestachelt durch seinen Ehrgeiz, sich gesellschaftlich zu etablieren, fungiert Fontanes Lehrherr Wilhelm Rose als Mitbegründer eines Lesezirkels moderner Literatur. Dienen ihm selbst die Zeitungen quasi nur als Requisit, so sind sie für Fontane der Stoff, aus dem er grundlegende Anregungen schöpft. Vor allem durch den Telegraph für Deutschland , eine literaturpolitische Zeitung, herausgegeben von Karl Gutzkow, wird er bekannt mit der Literatur des Jungen Deutschlands. Außerdem liest er die damals gängigen englischen Autoren Charles Dickens, James Fenimore Cooper und Walter Scott, der seine späteren Werke entscheidend beeinflussen wird.

Hinsichtlich der geistigen Nahrung bietet Berlin jedoch noch mehr: die Lesecafés "Anthieny", "Spargnapani Unter den Linden", "Stehely am Gendarmenmarkt" und "Josty am Schlossplatz". In der politisch brisanten Zeit des Vormärzes dienen diese Einrichtungen als heimlicher Treffpunkt der intellektuellen Opposition. Sie bieten Literaten, Journalisten und Künstlern die Möglichkeit, sich zu informieren und zu debattieren und dabei der Überwachung durch die staatliche Zensur zu entkommen. Für den Lehrling Fontane fungieren diese Lesecafés mit den Gesprächen und der Lektüre "klassisch-zeitgenössischer Literatur" als autodidaktische Bildungsstätte auf dem Weg zum "halben Literaturkundigen".

Mit der Lektüre der Werke seiner großen Vorbilder einher geht das eigene literarische Schaffen. Sein Arbeitsablauf als Lehrling, bei dem "auf vier Wochen ‚Frondienst‘ immer vier Wochen in der ‚Reserve‘ folgten", ermöglicht es ihm, das Leben eines Apothekergehilfen und die Nebenexistenz eines praktizierenden Literaten zu führen.

Beobachtungsgabe und Charakterstudien

Fontane gilt nicht umsonst als bedeutendster Repräsentant des Realismus, der von 1850 bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges dauernden literarischen Epoche. Seine Romane zeichnen sich durch die Darstellung der äußeren Erscheinung, Redeweise und Charaktere der Protagonisten sowie durch die Schilderung ihres jeweiligen gesellschaftlichen Umfelds aus. Implizit übt Fontane dabei Gesellschaftskritik und die entlarvt die führenden Schichten, den Adel und das Großbürgertum, in ihrer Selbstgefälligkeit, Borniertheit und antiquierten Moral.

Das kritische Beobachtungsvermögen ist Fontane in die Wiege gelegt; er verfeinert es durch intensive Charakterstudien, für die ihm der Apothekenalltag ausreichend Gelegenheit bietet. Die "Berührung mit dem Publikum", einem bunten Mix aus allen gesellschaftlichen Schichten, schärft seine Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. Auch sein Lehrherr Wilhelm Rose, der das Apothekerdasein nur aus "bourgeoiser Geldsackgesinnung" erträgt, ist "ein dankbarer Stoff für eine Charakterstudie" und Vorbild für spätere Romanfiguren.

Gibt die Arbeit in der Offizin Fontane Gelegenheit zu Milieustudien, so ist ihm – wie er rückblickend gesteht – "schönere Gelegenheit zum Dichten (…) nie wieder geboten worden" als bei den ruhigen, meist mechanischen Tätigkeiten in der "Reserve", dem Laboratorium, worauf er die ihm mittags "gebotene Freistunde jedes Mal zum Niederschreiben all dessen benutzte, was ich mir an meinem Braukessel ausgedacht hatte".

Erste Publikationen und Gehilfenprüfung

Das Schreiben verschafft ihm nicht nur einen Ausgleich zum ungeliebten Lehrberuf, er kann auch einige Gedichte publizieren. Fortan stört ihn selbst die Ausübung einer "vollkommende(n) Waschfrauenarbeit (…) sehr wenig, weil (…) gerad an diesem Sonnabend irgendeine Ballade von mir, (…) in dem (…) erscheinenden ‚Berliner Figaro‘ gestanden hatte." Er verspürt "ein so kolossales Selbstbewußtsein, daß nicht bloß das corpus chemicum, sondern mit ihm auch die ganze Prinzipalität samt allen Provisoren und Gehülfen als etwas tief Inferiores unter mir verschwand."

Im Dezember 1839 legt Fontane seine Gehilfenprüfung ab. Stadtphysikus Dr. Natorp bescheinigt ihm "sehr gute Kenntnisse in Chemie, Pharmacie, Botanic und Lateinitaet". Doch was zählt diese Auszeichnung gegen das, was ihm der Rückweg bereithält, auf dem er einen Abstecher in die d’Heureusische Konditorei macht? Im Berliner Figaro erscheint an diesem Tag seine Novelle "Geschwisterliebe". Ab diesem Zeitpunkt darf sich der dichtende Apothekerlehrling "bei Natorp zum ‚Herrn‘ und nun bei d‘Heureuse zum Novellisten erhoben" fühlen. Weitere vierzig Jahre wird es dauern, bis er zum Romancier und freien Schriftsteller gereift ist.

Wanderjahre

"Mit jener nur der Jugend eigenen Unverwüstlichkeit setzte ich es durch, bei Tage Geschäftsmann, bei Nacht ein Mittelding von Student und Literat zu sein (…), und war fest entschlossen, wie fast jeder 22-jährige, (…) unter die Literaten zu gehen."

(Brief an Gustav Schwab, 18. April 1850)

Fontane verbringt seine Zeit als Gehilfe (1841–1846) und nach der Approbation im März 1847 als Angestellter in der Funktion eines Defektars oder Rezeptars in insgesamt acht verschiedenen Apotheken. Auch wenn es Fontane wichtig ist, seine pharmazeutische Arbeit gewissenhaft zu versehen – "Ich setzte meine Ehre darein, alles Dahingehörige nach bestem Vermögen zu tun" –, so sind diese Wanderjahre vor allem gekennzeichnet von seinen Versuchen, in der Literaturszene Fuß zu fassen. Sein Beruf als Gehilfe oder angestellter Apotheker bringt ihm weder Erfüllung noch Sozialprestige noch materielle Sicherheit. Insofern ist seine Beschäftigung mit der Literatur auch ein Mittel, gesellschaftliche Defizite zu kompensieren.

Fontanes Ehrgeiz hilft ihm, trotz wiederholter Rückschläge auf dem Weg seines literarischen Schaffens voranzukommen. Aber auch Zufälle im beruflichen Alltag nützen ihm. Seine erste Station ist Leipzig, eine wirtschaftlich-blühende Stadt mit einer lebendigen Presselandschaft, die von einer nachsichtigen Zensur begünstigt wird. Dort tritt Fontane im April 1841 in die "Hofapotheke zum weißen Adler" des Dr. Neubert ein, die zugleich "Lesehalle, Doktoren-Börse, Klub-Lokalität" ist. Literarische Zufallsbekanntschaften mit Personen, "die sich an einem großen Lesepulte in die verschiedenen Leipziger Zeitungen zu vertiefen" suchen, ergeben sich dadurch von selbst. Bald erscheinen Fontanes Gedichte im Leipziger Tageblatt und in der Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt , in dem er fortan regelmäßig publiziert.

In Leipzig und auch in Dresden, wo Fontane von Juli 1842 bis Ostern 1843 in der Salomonis-Apotheke am Neumarkt arbeitet, sind es neben der Lektüre die zahlreichen Theaterbesuche, die ihn zu weiteren Werken animieren. Als sein Versuch, sich in Leipzig "als Schriftsteller zu etablieren", scheitert, kehrt er vorübergehend zu seinem Vater zurück, der inzwischen in Letschin im Oderbruch eine Apotheke besitzt. Dort übersetzt Fontane Shakespeares Dramen "Hamlet" und "Ein Sommernachtstraum". Von den visuellen Eindrücken der Landschaft werden später sein erster Roman "Vor dem Sturm" sowie die Kriminalerzählung "Unterm Birnbaum" zehren.

Im "Tunnel"

Während der im April 1844 beginnenden einjährigen Rekrutenzeit im Kaiser-Franz-Garde-Grenadierregiment in Berlin hat Fontane viel Muße, um Shakespeare, Scott, Dickens, Byron, Coleridge und Thomas Moore zu lesen. Und nicht nur das. Sein fast gleichaltriger Vorgesetzter, der Maler Bernhard von Lepel, führt ihn in den als Experimentierraum für junge Autoren gegründeten literarischen Verein "Tunnel über der Spree" ein. Hier findet Fontane Gelegenheit, sein künstlerisches Talent zu erproben und zu schulen, und entdeckt dabei ein für ihn neues Genre: die Ballade.

Der "Tunnel" mit seiner "Bohèmewelt" verschafft ihm Zutritt zu Kreisen, die gesellschaftlich nicht die seinen sind, und bringt ihn in seiner literarischen Selbstfindung voran: Ihm "verdank’ ich es, daß ich mich wiederfand und wieder den Gaul bestieg, auf den ich nun mal gehöre."

Abschied vom Apothekerberuf

Ostern 1845, nach Abschluss des Militärjahres "bei den Franzern", wird Fontane Rezeptar in der Polnischen Apotheke in Berlin und sieht sich resigniert seinem "eigentlichen Berufe wiedergegeben". Als er sich 1846 mit Emilie Rouanet-Kummer, seiner Freundin aus Kindertagen, verlobt, hat er scheinbar seine Gesinnung gewandelt: Zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben will er ernst machen in Sachen Brotberuf. 1847 formuliert er sein Ziel: "In zwei Jahren hoff‘ ich selbstständig, d. h. Apothekenbesitzer, Gatte und resp. Familienvater zu sein." Während weitere Gedichte und Balladen im Morgenblatt für gebildete Leser , im Lenz sowie im Soldaten-Freund erscheinen, besteht er sein Examen als approbierter Apotheker am 2. März 1847 mit "gut", und erwirbt "die Befugnis zur Verwaltung und zum Besitz einer Apotheke in den Königlichen Landen". Damit ist die formale Voraussetzung für eine bürgerliche Lebensstellung erfüllt, ihm fehlt jedoch das Geld, sich eine Apotheke zu kaufen.

Rückblickend hat dieser Umstand für Fontane sein Gutes: "Da ich stets der Meinung war, man könne vom Dichten nicht leben (…), würd’ ich bis an mein sanftseliges Ende Apotheker geblieben und innerhalb der Literatur immer nur als Dilettant aufgetreten sein, wenn ich Vermögen genug gehabt hätte, mir ein Apothekengeschäft zu kaufen. Daran war indes (…) gar nicht zu denken, und so ward ich eines schönen Tages nolens volens ‚Dichter‘ von Fach."

Vom Wanderer zum Romancier

"Ja, der Roman! Er ist in dieser für mich trostlosen Zeit mein einziges Glück (…). In der Beschäftigung mit ihm vergesse ich, was mich drückt. Ich empfinde im Arbeiten daran, daß ich nur Schriftsteller bin und nur in diesem schönen Beruf Glück finden konnte."

(Brief an Mathilde von Rohr vom 1.11.1876)

Am 30. September 1849 kommt Fontane "nach ernstlichstem Erwägen (…) endlich zu dem Schluß: es sei das beste für mich den ganzen Kram an den Nagel zu hängen und mich, auf jede Gefahr hin, auf die eigenen zwei Beine zu stellen." Er gibt den Apothekerberuf auf, schlägt sich mit journalistischen Tätigkeiten, Übersetzungen und eigenen schriftstellerischen Arbeiten durch. Trotz anfänglicher Erfolge durch die Veröffentlichung seiner ersten selbständigen Publikationen "Rosamunde" und "Männer und Helden", die ihn "auf einen Schlag zu einer kleinen Berühmtheit machten", sind die folgenden Jahre ein einziger Kampf. Er arbeitet als Berliner Korrespondent für die radikaldemokratische Dresdner Zeitung , als Lektor im Literarischen Kabinett , von April bis September 1852 als Auslandskorrespondent in London. 1853 übernimmt er die abendliche Schlusskorrektur der Adlerzeitung Nebenher verfasst er Rezensionen für das Literarische Centralblatt für Deutschland , ist als Herausgeber, Publizist und Kritiker tätig. Er unternimmt Reisen zu landschaftlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten, von 1855 bis 1859 lebt er in England. Später reist er auch zu den aktuellen Kriegsschauplätzen. So erhält er Stoff für zwei weitere literarische Genre seines Gesamtwerkes: die Reiseliteratur ("Jenseits des Tweeds", "Wanderung durch die Mark Brandenburg" u. a.) und die Kriegsberichterstattung ("Der Schleswig-Holsteinische Krieg im Jahre 1864", "Der Krieg gegen Frankreich 1870 – 71").

Noch lange leidet Fontane existenzielle Not, denn "Giftmischer will ich nicht sein", aber "vom Poetenthum kann ich nicht leben". Ab 1862 schreibt er "abends und nachts" die ersten Kapitel seines ersten Romans "Vor dem Sturm". Dieses Projekt wird ihn 15 Jahre lang beschäftigen und gleichzeitig zum freien Schriftsteller heranreifen lassen. Er ist bereits knapp 60 Jahre, als er mit der Veröffentlichung von "Vor dem Sturm" seine Karriere als Romancier beginnt und seinen Traum, nur als Schriftsteller zu leben, verwirklicht. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen "Grete Minde", "Irrungen, Wirrungen", "Frau Jenny Treibel", "Effi Briest" und "Der Stechlin".


Literatur

Stiftung Stadtmuseum Berlin (Hrsg.): Fontane und sein Jahrhundert. Berlin 1998.


Autorin

Sandra Krämer M.A., Pettenkoferstraße 8b, 80336 München

skraemer@smd.uni-ulm.de

Literaturtipps


Helmuth Nürnberger, Dietmar Storch: Fontane-Lexikon: Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. München 2007. 517 S., geb. 39,90 Euro; ISBN 978-3-446-20841-4

Grawe, Christian: Führer durch Fontanes Romane – Ein Lexikon der Personen, Schauplätze und Kunstwerke. Stuttgart 1996. 320 S., kart. 7,60 Euro; ISBN: 978-3-15-009439-6

Paul Irving Anderson: Der versteckte Fontane und wie man ihn findet. Stuttgart 2006. 284 S., ill., kart. 36,– Euro; ISBN 978-3-7776-1416-8

Gravenkamp, Horst: "Um zu sterben muß sich Hr. F. erst eine andere Krankheit anschaffen" – Theodor Fontane als Patient. Göttingen 2004. 143 S., ill., kart. 5,– Euro; ISBN 978-3-89244-700-9

Bernd Heidenreich, Frank L. Kroll: Theodor Fontane – Dichter der Deutschen Einheit. Berlin 2003. 193 S., ill., geb. 22,– Euro; ISBN 978-3-8305-0295-1

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Theodor Fontane im Alter von 23 Jahren Kreidezeichnung von Hermann Karl Kersting, 1843.
"Alles liest Alles" Parodie auf die Berliner Lese­cafés. Ölbild von Gustav Taubert, 1832.
Arbeitszimmer Theodor Fontanes Aquarell von ­Marie v. Bunsen, 1898.