Feuilleton

Ernst Schering – Gründer eines Weltunternehmens

Wenn von der Industrialisierung Berlins die Rede ist, bleibt das "Feuerland" nicht unerwähnt. So nannte der Berliner Volksmund das Werksgelände des "Lokomotivkönigs" Borsig, das längst verschwunden ist. Es lag an der Chausseestraße, wo noch heute ein nach ihm benanntes Haus an Borsig erinnert. Unweit davon stand einst die "Grüne Apotheke", die Keimzelle eines Weltunternehmens.
Ernst Schering (1824 –1889)

Ernst Christian Friedrich Schering wurde am 31. Mai 1824 in Prenzlau geboren. Als Knabe träumte der Gastwirtsohn davon, Förster zu werden. Die Eltern wollten ihn aber als Apotheker sehen, was er nach einigen Auseinandersetzungen akzeptierte. Ausschlaggebend war dabei sein älterer Bruder, der als Regierungsbeamter ein Auskommen in Berlin hatte. Der bot ihm freie Kost und Logis an, zudem zahlte er noch das damals übliche Lehrgeld.

So trat Schering 1841 als Lehrling in die seinerzeit berühmte Berliner "Apeliusschen Apotheke" ein. Schon damals entwickelte er Ideen, "schmutzige" Chemikalien für pharmazeutische Zwecke möglichst "sauber" – oder richtiger "rein" – herzustellen. Nach der Gehilfenprüfung folgte 1845 die Wanderschaft mit Anstellungen in verschiedenen Apotheken. 1849 kehrte er nach Berlin zurück, um Pharmazie zu studieren und 1850 sein Staatsexamen abzulegen.

"Grüne Apotheke" in der Chausseestraße

Als "Apotheker I. Klasse" erwarb Schering 1851 die "Schmeissersche Apotheke" in der Chausseestraße, die er in "Grüne Apotheke" umbenannte. Sie hatte unmittelbare Anbindung an den Fabrikkomplex von Borsig, dessen Arbeiter die größte Kundengruppe der Apotheke waren. Im Umgang mit ihnen gewann Schering Einsichten, die wichtig für sein späteres Verständnis von Unternehmertum wurden.

In seinem kleinen Labor stellte Schering Chemikalien von größter Reinheit her. Er präsentierte sie auf der Pariser Weltausstellung von 1855 und kehrte preisgekrönt heim. Mit seinen Erzeugnissen belieferte er die Parfümerie-, Textil-, Leder-, Seifen- und Feuerwerksindustrie. Die Nachfrage wuchs, und aus der "Grünen Apotheke" entwickelte sich etappenweise eine Fabrik für chemische und pharmazeutische Präparate. Im September 1864 bezog das Unternehmen ein neues Gebäude im Stadtteil Wedding. Dort produzierte man – neben den Spezialpräparaten – im größeren Maßstab Iodkali, Chloroform, Salpetersäure und Salzsäure.

Vom Heereslieferanten zum Fabrikanten

Trotz der stetig steigenden Nachfrage entschloss sich Schering erst auf Drängen von Geschäftsfreunden zu einer rasanten Ausweitung seiner Produktion. Vorausgegangen war der deutsch-französische Krieg 1870/71, in dem er mehrere preußische Armeekorps mit Arzneimitteln versorgt hatte, was ihm den "Roten Adlerorden" und den Titel eines "Königlichen Kommerzienrates" bescherte. Als solcher unterzeichnete er am 21. Oktober 1871 den Prospekt für eine "Chemische Fabrik auf Actien" mit einer Kapitaleinlage von 500.000 Talern. Sie diente zum Aufbau einer großen, modernen Fabrikanlage an der Müllerstraße.

Das Geschäft prosperierte, und die Aktionäre strichen zunächst dicke Dividenden ein. Zugleich waren aber auch viele andere Aktiengesellschaften gegründet worden, die keine reelle wirtschaftliche Basis hatten. Übertriebene Spekulationen führten 1873 zum "Gründerkrach" mit einer nachfolgenden schweren Wirtschaftskrise. In deren Strudel geriet auch die "Chemische Fabrik", die zeitweise zahlungsunfähig war, aber gerettet werden konnte und ab 1875 wieder Dividenden ausschüttete. Die Belegschaft wuchs bis 1879 auf 220 Personen, und "Schering" war nun ein weltweit anerkannter Markenname.

Soziale Fürsorge

Scherings Mitarbeiter konnten sich in der "Freien Hilfskasse" der Firma versichern, die zu den ersten deutschen Betriebskrankenkassen gehörte. Später kamen noch eine "Beamten- und Arbeiter-Pensionskasse" und dann eine "Witwen- und Waisenkasse" hinzu.

Schering selbst hatte mittlerweile die Chausseestraße, wo er im Gebäude der "Grünen Apotheke" gewohnt hatte, verlassen und eine repräsentative Villa in Charlottenburg bezogen. 1882 zwangen ihn gesundheitliche Probleme, aus dem Vorstand des Unternehmens auszuscheiden. Er nahm dies zum Anlass, aus seinem Privatvermögen das Kapital für eine Stiftung bereitzustellen, von deren Zinsen alle Arbeiter nach 20 Jahren ununterbrochener Firmenzugehörigkeit eine Treueprämie erhalten sollten.

Forschung ergänzt die Produktion

Lange Zeit wirkte Schering als Schatzmeister der Deutschen Chemischen Gesellschaft, an deren Gründung er 1866 mitgewirkt hatte. Der Kontakt mit den führenden deutschen Chemikern brachte ihn 1877 auf die Idee, eine firmeneigene Forschungsabteilung aufzubauen, die allerdings erst 1888 fest etabliert war. Deren Innovationen sicherten den weiteren Aufstieg der "Chemischen Fabrik".

Der Name überlebt die Fusion

Als die Bayer AG im Jahr 2006 die Schering AG kaufte, wollte sie auf den guten Namen des Unternehmens nicht verzichten, sodass seither ein Teil des Konzerns als "Bayer Schering Pharma" firmiert. Seine Zentrale steht im Wedding an jenem Ort, wo früher die weltberühmte "Chemische Fabrik" stand.

Vor 120 Jahren, am 27. Dezember 1889, starb Ernst Schering in Berlin. Seine "Grüne Apotheke" in der Chausseestraße gibt es längst nicht mehr, doch anderenorts in Berlin existieren mehrere Apotheken mit diesem Namen. Sie alle führen natürlich Produkte von "Bayer Schering Pharma".


Andreas Hentschel
Das Grab von Ernst Schering auf dem ­Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirchen-Gemeinde in Berlin.
Foto: Hentschel
Die Grüne Apotheke in der Chausseestraße.
Das Hauptgebäude von Bayer Schering Pharma im Berliner Stadtteil Wedding.

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