Arzneimittel und Therapie

Frühe Behandlung reduziert Risiken für Mutter und Kind

Die Folgen westlichen Lebenswandels machen auch vor Schwangerschaftsvorsorge und Kreißsaal nicht halt. Gestationsdiabetes ist ein international wachsendes Problem mit einer Häufigkeit zwischen 1 und 20% aller Schwangerschaften und ein Risikofaktor für eine Reihe von Komplikationen für Mutter und Kind. Der Grenzwert, ab dem eine mütterliche Glucoseintoleranz behandelt werden sollte, ist allerdings noch unklar. Eine randomisierte Studie untersuchte nun in den USA den Nutzen einer frühen Therapie des milden Gestationsdiabetes.
Blutzuckermessung und Insulintherapie gehören sicher nicht zu den Wunschvorstellungen werdender Mütter. Doch kann eine beherzte Therapie hoher Blutglucosespiegel wesentlicher Baustein eines glücklichen Verlaufes von Schwangerschaft und Geburt sein.
Foto: DAK

958 Probandinnen wurden zwischen der 24. und 31. Schwangerschaftswoche nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren in zwei Gruppen randomisiert; nachdem sie in einem 50-g-Glucose-Screeningtest und einem 100-g-Glucose-OGT-Belastungstest die definierten Blutglucosegrenzwerte erreicht hatten. Eine Gruppe wurde diabetologisch betreut und behandelt (Therapiegruppe) während die Vergleichsgruppe das übliche Vorsorgeprogramm durchlief.

Harte Endpunkte

Primärer Studienendpunkt war eine Kombination aus perinataler Sterblichkeit und hyperglykämieassoziierten Komplikationen beim Neugeborenen wie Hypoglykämie, Hyperbilirubinämie, Hyperinsulinämie und Trauma unter der Geburt. Die Mutter betreffende sekundäre Endpunkte waren Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, Gestationshypertonie, Präeklampsie, Kaiserschnitt und medikamentöse Einleitung der Wehen. Die Neugeborenen wurden auf die sekundären Endpunkte hohes (> 4000 g) und niedriges Geburtsgewicht, Behandlung auf der Neugeborenenintensivstation sowie Entwicklung eines akuten Atemnotsyndroms untersucht.

Nutzen bewiesen

Die Häufigkeit schwerer Komplikationen des primären Endpunktes unterschied sich in beiden Gruppen nicht signifikant (Therapiegruppe 32% vs. Kontrollgruppe 37%), auch kam es zu keinen perinatalen Todesfällen. Allerdings wurden in der Kontrollgruppe signifikant mehr Kinder mit einem Geburtsgewicht über 4000 g geboren (14% vs. 6%). Die Mütter profitierten nicht nur durch eine geringere Rate an Kaiserschnittgeburten (20% in der Kontrollgruppe, 13% in der Therapiegruppe), weitere sekundäre Endpunkte wie die gefürchtete Komplikation Präeklampsie (s. Kasten), Gestationshypertonie sowie Schulterdystokie wurden ebenfalls signifikant verringert. Insgesamt wurden 37 Frauen in der Therapiegruppe mit Insulin behandelt.

Präeklampsie in Stichworten


  • hypertensive Erkrankung in der Schwangerschaft
  • früher EPH- Gestose (aus Edema, Proteinuria, Hypertension)
  • Symptomenkomplex bestehend aus Bluthochdruck und Eiweißausscheidung im Urin
  • Ödeme gelten heutzutage nicht mehr als Leitsymptom
  • allgemeine Vasokonstriktion führt zu Minderdurchblutung und renaler Eiweißausscheidung
  • Auftreten vor allem nach der 20. Schwangerschaftswoche
  • multifaktorielles Geschehen des Gerinnungssystems bislang noch unbekannter Ursache
  • Auftreten mit Glucoseintoleranz assoziiert
  • Warnhinweise: Ödeme, auffällige Laborwerte von Niere und Leber, Kopfschmerzen, Schwindel, Augenflimmern sowie Oberbauchbeschwerden mit Übelkeit und Erbrechen
  • Behandlung durch strenge Bettruhe (Seitenlage), eiweißreiche Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • gefürchtete Verlaufsformen mit hoher Letalität Eklampsie und HELLP-Syndrom machen Notfallentbindung ab der 34. Schwangerschaftswoche notwendig

Lebenslange Folgen

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigen aktuelle große internationale Untersuchungen (HAPO- und ACHOIS Studie). Der in Fachkreisen ersehnte Grenzwert ist aber immer noch nicht in Sicht. Doch sollte bestehendes Wissen Anlass sein, den steigenden Anteil an Müttern mit Risikofaktoren, wie Übergewicht und erhöhtem Body-Mass-Index, sorgfältiger zu überwachen. Lebenslange Folgen von unbehandeltem Diabetes in der Schwangerschaft, manifester Diabetes der Mutter und Übergewicht des Kindes, können so vermieden werden.

Grenzwerte für einen 75g-oralen-Glucosetoleranztest (OGT)
Messzeitpunkt
kapilläres Vollblut mg/dl Glucose
venöses Plasma mg/dl Glucose
nüchtern
≥ 90
≥ 95
nach 1 Stunde
≥ 180
≥ 180
nach 2 Stunden
≥ 155
≥ 155
Aktuelle Diagnosekriterien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe für eingeschränkte Glucosetoleranz (IGT) und Schwangerschaftsdiabetes (GDM): Erreichen oder Überschreiten eines (IGT) oder von zwei (GDM) der in der Tabelle angegebenen Grenzwerten.

Quelle

Landon, M. B. et al., A Multicenter, Randomized Trial of Treatment for Mild Gestational Diabetes, N Engl J Med 2009; 361:1339 – 48

Sacks, D. A., Gestational Diabetes – Whom do We Treat?, N Engl J Med 2009; 361:1396 – 98


Apotheker Peter Tschiersch

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