Aus Kammern und Verbänden

Autoimmunerkrankungen und Biologicals

Der 32. Heidelberger Kongress am 21. und 22. November 2009 befasste sich mit Autoimmunerkrankungen. Bei der zweitägigen Fortbildungsveranstaltung der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg wurden Herstellung und Wirkweise biotechnologisch hergestellter Pharmazeutika vorgestellt sowie Pathophysiologie, Klinik und Therapie einiger Autoimmunerkrankungen erläutert. Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse, was sich in der Teilnehmerzahl von rund 800 Apothekerinnen und Apothekern widerspiegelt.
Der Heidelberger Fortbildungskongress fand auf dem Campus im Neuenheimer Feld statt.
Foto: Jungmayr

Bei der Therapie von Autoimmunerkrankungen werden in zunehmendem Maße Biopharmazeutika eingesetzt. Der erste Vortrag befasste sich daher mit der Herstellung rekombinanter therapeutischer Proteine.

Herstellung von Biologicals

Dr. Klaus B. Schoepe, Laupheim, gab einen Überblick zu regulatorischen Anforderungen und technologischen Voraussetzungen und schilderte den Ablauf der biotechnologischen Herstellung, deren wichtigstes und streng gehütetes Element die Zellbank bildet. Da die Proteinwirkstoffe von kultivierten Zellen synthetisiert werden, entsteht nie ein völlig einheitliches Produkt, sondern eine mikroheterogene Mischung unterschiedlicher molekularer Spezies. Das Produkt wird also durch den Herstellungsprozess geprägt ("The process is the product").

Die immunologischen Grundlagen für das Verständnis von Pathophysiologie und Therapie von Autoimmunerkrankungen wurden von Prof. Dr. Theo Dingermann, Frankfurt, erläutert. Vereinfacht dargestellt, liegt bei Autoimmunerkrankungen an unterschiedlichen Stellen ein Missverhältnis zwischen antiinflammatorischen und inflammatorischen Prozessen vor. Diese Störung der Homöostase führt zu entzündlichen und degenerativen Erkrankungen.

Moderne Immunsuppressiva greifen gezielt in die fehlgesteuerten Prozesse ein. So werden etwa TNF-α-Antagonisten verwendet, um den überschüssigen Tumornekrosefaktor abzufangen, oder spezielle Antikörper, um die T‑Zell-Funktion gezielt zu blockieren.

Anwendung bei verschiedenen Indikationen

Die Umsetzung immunologischer Strategien zeigte sich in den folgenden Vorträgen, die sich mit der rheumatoiden Arthritis, der Psoriasis, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und der multiplen Sklerose befassten. Wie Prof. Ina Kötter, Tübingen, darlegte, werden zur Therapie der rheumatoiden Arthritis zunehmend Biologicals wie etwa TNF-α-Blocker verordnet. Diese sollten bei einem unzureichenden Ansprechen auf Methotrexat und Leflunomid eingesetzt werden.

Bei der Psoriasis werden laut Prof. Matthias Goebeler, Gießen, neben der UV-Therapie zuerst Topika, dann klassische systemische Wirkstoffe wie Fumarate, Methotrexat, Acitretin oder Ciclosporin gegeben; die Gabe von Biologicals (Etanercept, Infliximab, Adalimumab, Golimumab, Ustekinumab) folgt erst in einem fortgeschrittenen Stadium oder bei Kontraindikationen der klassischen Wirkstoffe.

Ähnlich zurückhaltend werden derzeit Biologicals bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzt. Prof. Jürgen Schölmerich, Regensburg, zeigte auf, dass nur ein relativ kleiner Teil der Patienten von einer Therapie mit Biologicals profitiert und dass die gelegentlich propagierte Top-down-Strategie umstritten ist (siehe ausführlichen Bericht "Mukosale Barrierestörung" in der Rubrik "Arzneimittel und Therapie").

Abschließend stellte Prof. Brigitte Wildemann, Heidelberg, neue Substanzen zur Therapie der multiplen Sklerose und die dazu gehörigen Studiendaten vor. Das derzeitige Augenmerk liegt auf oralen Immunsuppressiva oder Immunmodulatoren wie Fingolimod oder Cladribin sowie auf molekularen Antikörpern. Ihr Einsatz – ob zur Basis- oder zur Eskalationstherapie – sowie ihre Sicherheit können derzeit noch nicht genau eingeschätzt werden. Eine erwiesene Wirksamkeit auf den Langzeitverlauf der schubförmigen multiplen Sklerose haben Interferon beta-1a und ‑1b, Glatirameracetat, Natalizumab, Mitoxantron, Azathioprin und mit Einschränkungen (ohne Zulassung hierfür) hochdosierte intravenöse Immunglobuline.

Ausführliche Berichte über die Vorträge folgen in der nächsten Ausgabe der DAZ. pj

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