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Erinnerungen an den Herbst 1989

Am Abend des 9. November 1989 öffneten sich die innerdeutschen Grenzen. Vorhergegangen waren Protestveranstaltungen in vielen Städten, insbesondere die Montagsdemonstrationen in Leipzig. Mit dem Ende der DDR und der deutschen Wiedervereinigung gab es auch einen gewerkschaftlichen Neuanfang für die ostdeutschen Apothekenmitarbeiter. ADEXA-Aktive erinnern sich:
Die Friedenssäule vor der Leipziger Nikolai­kirche erinnnert an die gewaltlosen Montagsdemonstrationen und die nachfolgende Wiedervereinigung.
Foto: Fotolia/Ami2

Margit Hartmann (Jahrg. 1947), die frühere langjährige Landesvorsitzende von Berlin, war zu DDR-Zeiten über 20 Jahre lang als Apothekenfacharbeiterin in der Ostberliner Galenus-Apotheke tätig. Sie war, wie damals fast unumgänglich, Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), der Einheitsgewerkschaft in der DDR. "Schon in der Lehrzeit wurde die ganze Klasse zum Eintritt aufgefordert", erinnert sie sich. Allerdings bedeutete Gewerkschaft damals etwas völlig anderes als heute: Es gab weder Tarifverhandlungen – die Löhne und Gehälter wurden von einer staatlichen Gehaltskommission festgelegt – noch eine Rechtsberatung oder andere Leistungen, von verbilligten Reisen abgesehen. Als Mitglied musste man einen "Solibeitrag" für befreundete sozialistische Länder wie Kuba bezahlen.

Im Herbst 1989 hatte die Familie Hartmann, deren Kinder damals 17 und 20 Jahre alt waren, beschlossen: Zu Demos oder Versammlungen des Neuen Forums geht aus Sicherheitsgründen immer nur ein Elternteil. Doch an der großen Kundgebung auf dem Alexanderplatz am 4. November nahm dann die ganze Familie teil. Sie war mit rund 500.000 Teilnehmern die größte offiziell genehmigte Demonstration und stand unter dem Motto "gegen Gewalt und für verfassungsmäßige Rechte".

Gleich nach der Wende wurde Hartmann von einer Kollegin aufgefordert, zu der Informationsveranstaltung des BVA (Bundesverband der Angestellten in Apotheken; Vorgänger von ADEXA bis 2004) zu gehen – und noch ehe sie richtig Mitglied war, war sie schon zur Landesvorsitzenden gewählt.

Als Margit Hartmann 2001 als PKA in eine Westberliner Apotheke wechselte, stieß sie immer noch auf Vorurteile ihrer Westkolleginnen – die sie aber glücklicherweise bald überwinden konnte. Doch gerade in sozialen Brennpunkten, meint sie, sind die Berührungsängste und die Mauer in den Köpfen auch heute immer noch da.

… und in Leipzig

Die Leipziger Pharmazieingenieurin Ina Zenker (Jg. 1944) hat die Wendezeit im Zentrum der Veränderungskräfte erlebt. "Die Großdemo am 9. Oktober mit 70.000 Menschen war für mich persönlich das wichtigere Erlebnis als der 9. November. Was manche damals riskiert haben! Viele hatten die Bilder der blutigen Ereignisse in China auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Kopf. Mein Mann hat zu mir gesagt: Bleib zu Hause, heute wird geschossen! Es waren ja zum Beispiel auch schon Blutkonserven bereitgestellt worden. Ich bin dann ganz allein und voller Angst hingegangen. Doch zum Glück kam es nicht zum gewalttätigen Einschreiten. Mut hat uns damals auch die Ausstrahlung im Westfernsehen am nächsten Tag gemacht. Die Demo war heimlich vom Dach der Kirche gefilmt worden und das Filmmaterial an westliche Journalisten übergeben worden."

Auch Ina Zenker war FDGB-Mitglied und beschreibt die Gewerkschaft damals als verlängerten Arm der Partei. "Es war eine Zwangsgemeinschaft ohne tarifliche Gestaltungsmöglichkeiten. Unser Solidaritätsbeitrag wurde auch für den Kauf von Waffen verwendet. Für uns waren vor allem die verbilligten Reisen für die Mitglieder wichtig, die allerdings zu 90% innerhalb der DDR blieben. Die wenigen Auslandsreisen gingen fast ausschließlich an SED-Mitglieder." Noch vor der Wiedervereinigung fand in Berlin ein großer Gewerkschaftskongress statt, auf dem sich verschiedene Westgewerkschaften präsentierten. "Ein Arzt regte die Gründung einer eigenen Gewerkschaft für die Gesundheitsberufe an, doch daraus ist nichts geworden." 1990 wurde sie von der damaligen BVA-Vorsitzenden Magdalene Linz nach Hannover eingeladen und dort als Wahlhelferin für die Wahl der neuen Landesgruppe Sachsen gewonnen. "Ich bin beim BVA aktiv geworden, denn man konnte sich im Gegensatz zum FDGB einbringen und seine Meinung sagen." Zu der Wahlveranstaltung für die Landesgruppe Sachsen im September 1990 kamen über hundert Kolleginnen und Kollegen. "Wir haben uns damals alle Demokratie gewünscht. Bei ADEXA konnte und kann man Einfluss nehmen und etwas verändern. Deshalb kann ich nur jede Kollegin und jeden Kollegen ermuntern, Mitglied zu werden."

PI: Kampf um Anerkennung

Die Chemnitzer Pharmazieingenieurin Annerose Berndt, seit 1990 Landesvorsitzende von Sachsen, erinnert sich: "Nach dem Mauerfall wurde der FDGB aufgelöst. So wie wir es als DDR-Bürger gelernt hatten, interessierten wir uns zunächst für die Angebote vom DGB bzw. anderen Großgewerkschaften. Zuerst lud die DAG* zu einer Veranstaltung ein. Viele Kolleginnen aus den Apotheken hörten sich die Ausführungen an, aber wir konnten keine direkte Vertretung unserer Interessen erkennen. Es folgte eine Veranstaltung der ötv** ; hier dachten etliche Kolleginnen, dass dies die richtige Gewerkschaft bzw. Interessenvertretung sei, und traten dort ein. Trotzdem gab es noch viele Kolleginnen, welche sich in den großen Gewerkschaften nicht richtig vertreten sahen, waren doch alle Berufsgruppen des Gesundheitswesens zu DDR-Zeiten im FDGB das letzte Glied in einer langen Kette.

Im Frühjahr 1990 wurden alle PI der Region eingeladen, einen Berufsverband der Pharmazieingenieure zu gründen. Das war zwar noch immer keine Gewerkschaft, aber da wir wussten, dass es in der BRD die Berufsgruppe nicht gab, so sahen wir hier die Möglichkeit, um die Anerkennung unseres Berufes zu kämpfen.

Einige Kolleginnen hatten aber damals schon vom BVA gehört, der eine Gewerkschaft speziell für Apothekenmitarbeiter sei. Im September 1990 wurde dann in Leipzig die BVA-Landesgruppe Sachsen gegründet."

Die Wende in der Provinz

Pharmazieingenieurin Heidelore Oldenburg (Jg. 1953) war vor der Wende jahrelang für die Abteilung Medizintechnik im Pharmazeutischen Zentrum des Kreises Pasewalk zuständig. Im Rückblick erinnert sie sich daran als eine Verwaltung der Mangelwirtschaft. Dafür musste sie in den medizinischen Einrichtungen des Kreises den Bedarf an technischen Geräten, Kitteln usw. sammeln, an den Bezirk Neubrandenburg melden und die erhaltenen Kontingente verteilen. Daneben war sie regelmäßig als Vertretung in Apotheken tätig.

Außerdem war Oldenburg als Gewerkschaftsvorsitzende für das Zentrum zuständig; zu ihren Aufgaben gehörten vor allem das Führen der Brigadebücher und die Organisation des jährlichen Betriebsfestes. Wirkliche Gewerkschaftsarbeit wurde hier aber auch nicht geleistet. Oldenburg: "Wir bekamen Vorgaben von oben, es fanden keine kritischen Diskussionen statt, und Probleme wurden schöngeredet." Allerdings sei der Zusammenhalt der Kolleginnen zu DDR-Zeiten besser gewesen. "Die Menschen haben sich mittlerweile sehr distanziert, jeder sucht heutzutage nur sein eigenes kleines Glück."

Den Mauerfall hat sie lediglich am Fernseher verfolgt, denn in Pasewalk war man von den Großdemonstrationen und der geöffneten Grenze relativ weit entfernt. Bei ihrem ersten Besuch in Westberlin sind ihr vor allem die Bettler aufgefallen – und das Begrüßungsgeld kam ihr eher "wie ein Almosen" vor.

Zu Beginn der Wiedervereinigung, als die Apotheken privatisiert wurden, herrschte zunächst große Verunsicherung. Aber man habe nach vorne geschaut und der berufliche Wechsel habe neue Erfahrungen und mehr Selbstbewusstsein gebracht.

Aus Westberliner Sicht

Ingrid Heberle, die heutige Berliner Landesvorsitzende, arbeitete 1989 in einer Apotheke in Dahlem. Sie erinnert sich: "In der Apotheke hat sich erst einmal nichts verändert, da wir im ‚nobleren Westen’ gearbeitet haben. Erst Monate später haben wir unsere erste Praktikantin aus den neuen Bundesländern bekommen, damals aus der Nähe von Bautzen. In der Stadt war aber eine enorme Aufbruchstimmung. Am Ku‘damm standen die Leute nach Begrüßungsgeld an, die Apotheke in unserem Haus verteilte heißen Tee und Kekse, überall roch es nach Trabi-Abgasen, überall sah man Leute mit Supermarkttüten, in denen die Errungenschaften von den 100 DM Begrüßungsgeld verstaut waren. Es war schon ziemlich verrückt!

Mit der Apothekengewerkschaft hatte ich damals noch nichts zu tun. Und als ich dann Mitglied wurde, war es mir auch ziemlich egal, woher die Kolleginnen kamen. Hauptsache, sie waren nett und man konnte gut mit ihnen zusammenarbeiten. Das ist auch heute für mich wichtig!"

Dr. Sigrid Joachimsthaler


* Deutsche Angestellten-Gewerkschaft, seit 2001 in ver.di integriert

** Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, seit 2001 in ver.di integriert.

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