Medizin

Was steckt eigentlich hinter … Schwindel?

Medizinisch gesehen ist Schwindel fast immer kein Notfall. Seine Ursache ist meist harmlos und die Prognose überwiegend günstig. Insbesondere Drehschwindel ist aber bei stärkerer Ausprägung extrem unangenehm.

Zahlreiche Ursachen können zu Schwindel führen, v. a. Erkrankungen des Innenohrs, neurologische und Gefäßerkrankungen sowie psychische Störungen.

Zudem gehört Schwindel zu den Gesundheitsproblemen, die mit steigendem Alter stark zunehmen. Typischerweise kann der Schwindel bei alten Menschen nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden, sondern ist durch ein Zusammenspiel verschiedener ungünstiger Einflüsse bedingt, z. B. schwankender Blutdruck plus schlechtes Sehen plus Nervenschäden plus depressive Verstimmung plus Medikamente.

Wie entsteht Schwindel?

Augen, Gleichgewichtsorgane und Rezeptoren in Muskeln, Gelenken und Haut leiten ständig Informationen über unsere Lage im Raum zum Gehirn weiter. Schwindel entsteht immer dann, wenn sich diese Informationen widersprechen und das Gehirn daher kein stimmiges Bild erstellen kann. Begleitet wird der Schwindel oft von Übelkeit, Erbrechen, Blässe und Schweißausbruch, da die an der Gleichgewichtsregulation beteiligten Nervenzellen im Gehirn mit denen zur Steuerung vegetativer Reaktionen verbunden sind.

Benommenheitsschwindel. Am häufigsten ist der Benommenheitsschwindel (unsystematischer Schwindel). Meist sagen die Patienten, ihnen sei "schummrig", sie fühlen sich "leer im Kopf", unsicher auf den Beinen, wie schlaftrunken oder nach Genuss von zu viel Alkohol. Die Ursache für Benommenheitsschwindel liegt in aller Regel nicht im Gleichgewichtssystem.

Drehschwindel. Drehschwindel kann meist sehr exakt beschrieben werden: Der Betroffene hat das Gefühl, seine Umgebung drehe sich um ihn wie in einem Karussell. Begleitet wird der Drehschwindel oft von einem Spontannystagmus (unwillkürliche, zitternde Pupillenbewegungen in Ruhe), Stand- und Gangunsicherheit, sowie Übelkeit bis zum Erbrechen.

Drehschwindel hat seine Ursache überwiegend in einer Schädigung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr. Wegen der räumlichen Nähe zum Innenohr ist eine Hörminderung möglich. Seltener liegt die Ursache in der Informationsverarbeitung durch die Nervenzellen und -bahnen im Gehirn. Dann ist der Schwindel meist ein mäßiger Dauerschwindel, auch die Übelkeit ist nicht so stark.

Schwank- und Liftschwindel. Beim Schwankschwindel hat der Betroffene das Gefühl, der Boden schwanke wie auf einem Schiff, beim Liftschwindel, er bewege sich in einem Aufzug nach oben oder unten. Die Ursachen sind vielfältig. Verhältnismäßig häufig ist der phobische Schwankschwindel, bei dem eine angstbesetzte Situation den Schwindel auslöst.

Lagerungsschwindel. Tritt der Schwindel nur in einer bestimmten Lage oder bei Lageänderung auf, spricht man von Lageschwindel bzw. von Lagerungsschwindel. Verursacht das Drehen nur des Kopfs Schwindel, steht meist eine ernste Erkrankung dahinter.

Der gutartige Lagerungsschwindel ist häufig, aber harmlos. Bei Seitwärtslage des Kopfs verlagern sich die Otolithen im Gleichgewichtsorgan des Innenohrs und führen zu heftigen, sekundenlangen Drehschwindelattacken. Sie werden schwächer, wenn sie mehrmals kurz hintereinander provoziert werden. Auch ohne Behandlung klingt die Erkrankung meist nach sechs bis acht Wochen ab, kann jedoch wiederkehren.

Diagnostik

Die genaue Ursachenzuordnung ist bisweilen eine echte Herausforderung. Oft lässt sich keine exakte Ursache finden, wohl aber eine Reihe von Schwindelursachen, vor allem gefährliche,ausschließen. Der Umfang der diagnostischen Maßnahmen hängt deshalb vom Leidensdruck des Patienten und von der Gefährlichkeit der vermuteten Ursache ab. Ein typisches Programm umfasst z. B. eine neurologische und – besonders bei Drehschwindel – eine HNO-ärztliche Untersuchung. Dazu gehören ein Schellong-Test zum Ausschluss oder Nachweis einer Blutdruckregulationsstörung, ein Langzeit-EKG zum Ausschluss von Herzrhythmusstörungen, eine Dopplersonografie der Hirnarterien, um Arterienstenosen auszuschließen, gegebenenfalls ein Kernspin zum Ausschluss eines Tumors und verschiedene Bluttests.


Beschwerdebild
Was steckt dahinter?
Schwindel bei Wetteränderung,
Schlafmangel, Zeitverschiebung
Überempfindlichkeit des Gleichgewichtssystems
Wechselnder Schwankschwindel,
oft mit Übelkeit
  • verstärkt in belastenden Situationen
Psychogener Schwindel, z. B. bei somatoformer oder dissoziativer Störung, larvierter Depression
Wechselnder Schwindel mit morgendlichen Kopfschmerzen
  • evtl. Herzklopfen, Nasenbluten
Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)
Dauerhafter Drehschwindel oder Schwankschwindel mit Hörminderung und/oder Ohrgeräuschen
  • Infektion am Innen- oder Mittelohr
  • Nebenwirkung, z. B. von Zytostatika
  • Innenohrverletzung
  • Akustikusneurinom
Schwindel mit einseitigen, stirnbetonten Kopfschmerzen und Übelkeit

  • Geräusch-, Lichtempfindlichkeit
  • evtl. Sehstörungen
Migräne
Plötzlicher Schwindel mit Engegefühl oder heftigem Schmerz in der Brust

  • Übelkeit, Erbrechen, kalter Schweiß
  • Atemnot
  • Angst, Vernichtungsgefühl
  • Angina pectoris, Herzinfarkt
  • Panikattacke
  • Lungenembolie
  • Aortendissektion
  • Dissoziative Störung
Sekundenschwindel mit Herzstolpern, Herzrasen oder Herzklopfen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Dissoziative, somatoforme Störung
Wiederkehrende Schwindelanfälle mit Herzklopfen oder -stolpern und Atemnot, v. a. bei körperlicher Belastung
  • Anämie
  • Herzinsuffizienz , Cor pulmonale
  • Aortenklappenstenose
Wiederkehrende, kurze Drehschwindelattacken ohne weitere Beschwerden
Rezidivierende akute Vestibulopathie
Wiederkehrende Drehschwindelattacken mit Übelkeit, einseitiger Hörminderung, Tinnitus
Menière-Krankheit (Morbus Menière)
Drehschwindelattacken, Bewusstseinsstörung, abnorme Bewegungen
Epilepsie, v. a. komplex-fokale Anfälle
Schwankschwindel und Übelkeit bei Blick in die Tiefe
Höhenschwindel, normale Reaktion
Attackenartiger Schwankschwindel
mit Gang- und Standunsicherheit
  • Vernichtungsangst, Schweißausbrüche
  • Phobie, z. B. Höhenangst,
    Agoraphobie (Platzangst)
  • Panikattacke
Wiederkehrender,kurzdauernder Drehschwindel mit Übelkeit bei Lagewechsel des Kopfs
  • Gutartiger Lagerungsschwindel
  • selten: Zentraler Lagerungsschwindel, z. B. bei multipler Sklerose
Schwindel v. a. bei Kopfbewegungen

  • evtl. Nackenverspannung, Kopf-, Schulter-,
    Armschmerzen
  • selten Gefühlsstörungen, Lähmungserscheinungen an Schultern, Armen
HWS-Syndrom, z. B. bei
  • Fehlhaltungen
  • Bandscheibenschäden
  • Blockierungen von Halswirbeln
  • Schleudertrauma
Plötzlicher, heftiger Drehschwindel mit Verstärkung bei Kopfbewegungen
  • oft starkes Krankheitsgefühl, Übelkeit
Akute Vestibulopathie (Neuronitis vestibularis). Ursache ist ungeklärt, diskutiert werden Durchblutungsstörungen.
Schwankschwindel beim Aufstehen

  • Schweißausbruch, Übelkeit
  • evtl. Schwarzwerden vor Augen
Orthostatische Dysregulation
Schwindel, Übelkeit bei passiver Bewegung, z. B. im Auto oder auf dem Schiff
Reisekrankheit (Kinetose)
Dreh- oder Schwankschwindel bei Lagewechsel, Kopfbewegungen
  • Taubheitsgefühl, Lähmungen
  • Sprach-, Schluck-, Sehstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Multiple Sklerose
  • Transitorische ischämische Attacke
  • Schlaganfall im Hirnstamm
  • Migräne im Hirnstamm
  • Gehirntumor
Benommenheitsschwindel bei Medikamenteneinnahme, oft verstärkt bei Lagewechsel und/oder Kopfbewegungen
  • Antihypertensiva
  • Sedativa
  • Antiepileptika
  • Antidepressiva

Therapie

Bei vielen Schwindelformen ist auf Dauer das Gang- und Gleichgewichtstraining am wirksamsten. Beim gutartigen, plötzlich auftretenden Lagerungsschwindel steht das Lagerungstraining ganz im Vordergrund. Nach dem Motto "Was nicht passt, wird passend gemacht" lernt das Gehirn, die widersprüchlichen Informationen neu zu verrechnen und den Schwindel selbst zu korrigieren.

Die verständliche und als Erstmaßnahme aus Sicherheitsgründen durchaus richtige Haltung, sich hinzulegen und zu schonen, vermeidet den Schwindel zwar zunächst einmal, wirkt sich aber auf Dauer ungünstig aus.

Bei psychisch (mit-)bedingtem Schwindel muss die psychische Störung behandelt werden, etwa durch eine Verhaltenstherapie.

Bei älteren Menschen werden alle möglicherweise beteiligten Störfaktoren angegangen. Gleichzeitig wird durch Hilfsmittel wie etwa Gehhilfen und Haltemöglichkeiten im häuslichen Umfeld versucht, die Sturzgefahr zu mindern. Physiotherapie und Trainingsprogramme haben einen mindestens genauso hohen Stellenwert wie bei jüngeren Menschen. Sie erfordern aber nicht selten erhebliche Motivationsarbeit.

Antivertiginosa. Medikamente werden nur bei heftigem Drehschwindel mit Übelkeit kurzzeitig eingesetzt, bis die quälende Übelkeit abgeklungen ist, z. B. Betahistin, Dimenhydrinat, Flunarizin, Scopolamin und Sulpirid.

Alle Antivertiginosa wirken zentralnervös. Hauptnebenwirkungen sind entsprechend Müdigkeit und Benommenheit – und damit möglicherweise wieder Schwindel –, außerdem Mundtrockenheit, Sehstörungen und Blutdruckveränderungen.

Quellen

Probst R. et al (Hrsg.): Hals-NasenOhren-Heilkunde, 3. Aufl. 2008, Thieme Verlag 2008

Schäffler, A. (Hrsg.): Gesundheit heute, 2. Aufl. 2009, Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart

Autor: Dr. med. Arne Schäffler & Kollegen, Augsburg, www.schaeffler.cc

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