Aus Kammern und Verbänden

Ostdeutschland im demografischen Strudel

Die Ausprägungen des demografischen Wandels können regional sehr unterschiedlich sein. Den Osten Deutschlands treffen viele demografische Probleme wesentlich stärker als den Westen. Unternehmen mit einem regionalen Markt, wie es Apotheken sind, müssen sich mit ihren langfristigen Strategien auf die absehbaren Entwicklungen an ihrem Standort einstellen.
Dr. Jürgen Grümmert und Dr. Karl-Otto Richter (von links), Unabhängiges Centrum für empirische Markt- und Sozialforschung (UCEF), Rostock.

Foto: DAZ/tmb

Welche demografischen Veränderungen in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden, wurde beim Wirtschaftsseminar des Apothekerverbandes Mecklenburg-Vorpommern am 7. Oktober in Rostock-Warnemünde erläutert. "Das Thema berührt jeden auf elementare Weise", erklärte Dr. Karl-Otto Richter, Unabhängiges Centrum für empirische Markt- und Sozialforschung (UCEF), Rostock, "wir sind an der Kante eines demografischen Tsunami." Die Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern nimmt seit Jahren um durchschnittlich etwa 13.000 Personen pro Jahr ab. Bei den gebärfähigen Frauen ist der Rückgang weitaus stärker als bei der Gesamtbevölkerung. Dies verstärkt den Rückgang bei der Kinderzahl. Diese Entwicklung sei eine Besonderheit des Ostens, in Westdeutschland gebe es nirgendwo eine so starke Veränderung. Aus Ostdeutschland wandern insbesondere die jungen Frauen ab, teilweise gebe es weniger als 80 Frauen pro 100 Männer. Dieser Rückgang wirkt sich anderswo im Westen als Zugang aus.

Menschen werden älter und viel weniger

Richter erwartet, dass dieser Trend anhält, denn wenn die Region insgesamt keine Perspektive hat, können auch einzelne neue Arbeitsplätze die Menschen nicht dort halten. Eine größere Zuwanderung wohlhabender Senioren aus dem Westen werde es auch nicht geben, weil diese bevorzugt in vertraute Gebiete in Schleswig-Holstein und nördlich des Ruhrgebietes ziehen. "Mecklenburg-Vorpommern wird nicht das Florida von Deutschland", so Richter, "denn Florida ist anders." In Florida gebe es mehr junge Arbeitskräfte für Dienstleitungen und mehr Kinder. Auch Einwanderung könne den großen Bevölkerungsverlust, der seit der Wiedervereinigung eingetreten ist, nicht ausgleichen. Dabei sei die Veralterung langfristig keineswegs das größte Problem. In etwa 20 Jahren werde sich der Alterungsprozess langsam umkehren. Noch stärker werde sich die Schrumpfung der Bevölkerung auswirken. Grundsätzlich sei eine geringe Bevölkerungsdichte nicht schlecht – viele Regionen in Skandinavien sind weitaus dünner besiedelt. Das Problem sei der Weg bis zu einem neuen stabilen Zustand.

Unternehmen, die eine bestimmte Kundenzahl und Kunden in bestimmten Altersgruppen erwarten, müssen dies beachten. Es ist zu bedenken, inwieweit Entscheidungen über die Infrastruktur und Investitionen regionaler Dienstleister wie Apotheken noch nachhaltig sind. Richter erläuterte, dass sich die demografischen Veränderungen auch innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern auf Kreis- und sogar Gemeindeebene erheblich unterscheiden.

Apotheker werden sehr gebraucht

Dies hat auch Konsequenzen für die ärztliche Bedarfsplanung, wie Dr. Jürgen Grümmert berichtete, der zuvor bei der Kassenärztlichen Vereinigung Mecklenburg-Vorpommern engagiert war und nun auch für das UCEF tätig ist. Auch viele Ärzte erreichen bald den Ruhestand, sie gehen meist mit 62 oder 63 Jahren in Pension. Mittlerweile unterstützt die Kassenärztliche Vereinigung die Besetzung frei werdender Arztpraxen in latent unterversorgten Gebieten. Grümmert erwartet, dass sich der Konzentrationsprozess in der Ärzteschaft dynamisch fortsetzen wird, dazu gehören Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren. Für die Apotheken sieht Grümmert die demografische Entwicklung durchaus positiv, denn "Sie werden sehr gebraucht", sagte er zu den Apothekern bei der Veranstaltung.

tmb

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