Arzneimittel und Therapie

Deutliche Hemmung der Progression unter CD52-Antikörper

Der CD52-Antikörper Alemtuzumab (MabCampath®) bewirkt bei Patienten mit schubförmiger multipler Sklerose eine signifikante Reduktion der mittleren jährlichen Schubrate. Der gentechnologisch hergestellte humanisierte monoklonale IgG1-Kappa-Antikörper, mit dem die Patienten nur einmal jährlich behandelt werden, hemmt außerdem die Progression von Behinderungen infolge der multiplen Sklerose.
Alemtuzumab bindet an das CD52-Antigen, das in hoher Dichte vor allem auf den Oberflächen von B- und T-Lymphozyten sowie auf Monozyten und Makrophagen exprimiert wird.

Bereits seit rund zehn Jahren wird Alemtuzumab bei der Behandlung der B-CLL-Leukämie eingesetzt. Der humanisierte monoklonale Antikörper wirkt zytotoxisch und führt zu einer Reduktion von T-Zellen und auch B-Zellen, welche bei der Pathogenese der multiplen Sklerose eine bedeutende Rolle spielen. Der Effekt ist reversibel, hält aber durch die weitgehende Depletion des bestehenden Lymphozytenpools lange an, so dass eine einmal jährliche Behandlungsserie ausreichend ist. Dass der CD52-Antikörper bei der multiplen Sklerose therapeutisch wirksam ist, wurde zunächst in zwei Pilotstudien mit offenem Design gezeigt. Nach einer Prämedikation mit Methylprednisolon erhielten 22 Patienten mit schubförmiger multipler Sklerose (RRMS, Relapsing Remitting MS) und in der zweiten Studie 36 Patienten mit sekundär progressiver multipler Sklerose (SPMS, Secondary Progressive MS) Alemtuzumab, was zu einer signifikanten Reduktion der jährlichen Schubrate um 91% führte bei gleichzeitiger Reduktion der Behinderungsprogression.

Geringere Schubrate, länger schubfrei

Die ersten Beobachtungen wurden mittlerweile in der Phase-II-Studie CAMMS 223 bestätigt, in der 334 zuvor unbehandelte Patienten entweder eine Behandlung mit hochdosiertem Interferon beta-1a nach herkömmlichem Schema erhielten oder initial fünf Tage lang jeweils 12 oder 24 mg Alemtuzumab mit einer Wiederholung der Behandlung für drei Tage nach zwölf Monaten. Die Gabe des Antikörpers bewirkt gegenüber der Interferon beta-1a-Behandlung eine um 74% reduzierte kumulative Rate an MS-Schüben im Verlauf von drei Jahren. So wurde unter Interferon beta-1a eine jährliche Schubrate von 0,36 registriert, gegenüber nur 0,11 unter der niedrigeren und sogar nur 0,08 unter der höheren Alemtuzumab-Dosierung. Dies erklärt einen weiteren Befund der Studien: Es blieben unter dem CD52-Antikörper signifikant mehr Patienten als in der Kontrollgruppe über den gesamten dreijährigen Beobachtungszeitraum schubfrei (77 und 83,5% unter Alemtuzumab aber nur 51,6% unter Interferon beta-1a). Es ergab sich ferner eine mit 71% und damit ebenfalls signifikant reduzierte Behinderungsprogression, gemessen anhand des EDSS (Expanded Disability Status Scale). Nicht unproblematisch können andererseits aber die Nebenwirkungen des Antikörpers sein. So trat in Einzelfällen eine thyreoidale Dysfunktion auf und etwas mehr als 2% der Patienten reagierten mit einer idiopathischen thrombozytopenischen Purpura auf die Antikörper-Therapie. Unter dieser ist somit ein engmaschiges Monitoring der Thrombozytenzahl erforderlich und ebenso der Schilddrüsenfunktion. Die Wirksamkeit und Sicherheit von Alemtuzumab bei der multiplen Sklerose wird derzeit in zwei Phase-III-Zulassungsstudien geprüft. Eingeschlossen in die Prüfungen werden 525 behandlungsnaive Patienten sowie 1200 vorbehandelte Patienten mit schubförmiger multipler Sklerose. Sie sollen zwei Jahre lang randomisiert und doppelblind Alemtuzumab oder Interferon beta-1a erhalten. Geplant ist zudem eine sich anschließende offene Extensionsphase.

MS-Frühtherapie ist angesagt

Bei der multiplen Sklerose wird zunehmend eine Frühtherapie propagiert. Denn es mehren sich die Hinweise darauf, dass die Prognose der Betroffenen von der initialen Situation abhängig ist. Damit erlaubt die anfängliche Läsionslast eine Risikostratifizierung und ist wegweisend für die Behandlung. Fassen lässt sich die subklinische Aktivität der multiplen Sklerose in der Kernspintomographie. Zeigt sich in der Bildgebung eine hohe Krankheitsaktivität, so ist von einer frühen Konversion zu einer klinisch manifesten MS und der Entwicklung von Behinderungen auszugehen. Experten empfehlen deshalb eine konsequente Untersuchung der Patienten mittels MRT und das initial beim ersten Schub sowie nach sechs und erneut nach zwölf Monaten.

 

Quellen
Prof. Dr. Hans-Peter Hartung, Düsseldorf; Prof. Dr. Michael Sailer, Magdeburg: Presse-Round-Table "Am Anfang war Betaferon® – 20 Jahre Fortschritt und Erfolge in MS-Therapie", Nürnberg, 24. September 2009, veranstaltet von der Bayer Vital GmbH, Leverkusen.

 

Christine Vetter, freie Medizinjournalistin

 

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