Aus Kammern und Verbänden

Mumia als Arzneidroge in Renaissance und Barock

Zu einem gemeinsamen Vortrag mit der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft lud die Landesgruppe Franken der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie am 13. Januar in Würzburg ein. Referent war Dr. Wolfgang Caesar, Stuttgart, der über die Geschichte der Arzneidroge "Mumia" vortrug.
Mumia im Kräuterbuch des Adam Lonicer, Ausgabe 1679.

Die Mumie war in der Kulturgeschichte schon immer Ausdruck für die Hoffnung der Menschen nach einem Weiterleben nach dem Tod und den Glauben an ein Jenseits. Die Technik der Mumifizierung war eine außerordentliche Leistung im alten Ägypten, die den Verstorbenen in der Grabkammer vor Verwesung bewahrte. Nach einer Entwässerung des Leichnams folgte eine Auffüllung der Körperhöhle und des Schädels mit einem Gemisch aus Harzen, Wachs, Ölen sowie Bitumen und die Einbalsamierung des gesamten Körpers.

Seit dem 16. Jahrhundert waren ägyptische Mumien ein Exportschlager für den europäischen Markt. Sie wurden auf direktem Weg bezogen und in den großen Messestädten wie Frankfurt oder Nürnberg an Apotheker verkauft. Ein Grund für die Tatsache, dass viele Gräber in Ägypten geplündert wurden, hängt mit der großen Nachfrage nach der Arzneidroge "Mumia" zusammen. Von der "Mumia aegyptiaca" ist die "Mumia nativa" abzugrenzen. Sie stammte aus Persien und bestand aus Bitumen, einem Gemisch aus polyzyklischen Kohlenwasserstoffen. Die natürliche Mumia wurde in der Regel nicht nach Europa exportiert.

Gegner und Befürworter

Die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert popularisierte viel medizinisches Wissen. Nicht nur die Fachleute, sondern auch gebildete Laien, die sich und ihre Familienangehörigen selbst behandelten, richteten sich nach den gedruckten Kräuter- und Arzneibüchern. Alle diese Werke erwähnten die Mumia, so auch die württembergischen Pharmakopöen des 18. Jahrhunderts, welche im deutschsprachigen Raum weit verbreitet waren. Organoleptisch handelte es sich nach damaliger Definition um eine "dunkelbraune, bitter schmeckende, wohlriechende Masse".

Neben Befürwortern gab es auch Gegner der Mumia, welche die Arzneidroge als ein Relikt der arabisch beeinflussten Medizin des Mittelalters verurteilten. Dazu gehörte der Kräuterbuchautor und Medizinprofessor Leonhart Fuchs, der den Apothekern unterstellte, durch die Zurschaustellung ganzer Leichname Kunden anzulocken. Interessanterweise kam die Kritik an der arzneilichen Verwendung der Mumia nicht von der Seite, von der man es vielleicht erwarten sollte, von den christlichen Kirchen. Der protestantische Theologe Gottfried Vockerodt (1665 –1727) lobte sie sogar und berief sich u. a. auf die biblische Tradition des Mumifizierens, die schon bei den alttestamentarischen Patriarchen Joseph und Jakob angewandt wurde. Freilich erschien die Stellungnahme Vockerodts anonym und war Bestandteil einer Schrift, die sein Schwiegervater, der Apotheker Christian Herzog in Gotha, verfasst hatte. Dieser hatte im Jahre 1715 eine ganze ägyptische Mumie erworben.

Mumiahaltige Komposita

Die Rolle der Mumia im Arzneischatz der Renaissance und des Barock darf nicht überbewertet werden. Sie wurde niemals einzeln, sondern in mehr oder weniger komplex zusammengesetzten Arzneimitteln verabreicht. Exemplarisch stellte der Referent einige Komposita vor. Dazu gehörten das in der Württembergischen Pharmakopöe von 1741 beschriebene Betonienpflaster, das bei Kopfschmerzen angewandt wurde, und das bereits seit dem 16. Jahrhundert bekannte, oral einzunehmende Schlagpulver. Neben den Arzneibüchern beschrieb auch das Zedlersche Universallexikon mumiahaltige Arzneimittel, u. a. den Pforzheimer Zauberbalsam, der bei allen Krankheiten empfohlen wurde, die man auf Zauberei zurückführte. Ob der Glaube an die Magie entscheidend zur Wertschätzung der Mumia beigetragen hat, ist heute schwer zu beurteilen Jedenfalls haben der Apotheker Herzog und andere Autoren die pharmazeutisch-medizinischen Qualitäten der Mumia hervorgehoben.

War Mumia wirksam?

Eine pharmakologische Prüfung der Mumia im modernen Sinne gab es natürlich nicht, aber der Mediziner Engelbert Kaempfer unternahm um 1680 in Persien einen bemerkenswerten Tierversuch mit natürlicher Mumia, d. h. Bitumen. Er brach das Bein eines jungen Haushuhns und behandelte es sowohl äußerlich mit einer Auflage auf der Bruchstelle als auch innerlich per os mit diesem Mittel. Das Bein heilte innerhalb kurzer Zeit. Eine postmortale Untersuchung des Versuchstieres zeigte eine verstärkte Knochenhaut, was auf eine proliferationsfördernde Wirkung des Mittels schließen lässt.

Die Medizin der Aufklärung läutete das Ende der Arzneidroge Mumia ein. Beispielsweise lehnte Samuel Hahnemann alle menschlichen Arzneidrogen ab, weil man sie leicht durch Bestandteile von "unedleren Tieren" ersetzen könne. Das Prinzip der Polypharmazie hatte um 1800 ausgedient. Die Vielzahl der Bestandteile war per se kein Qualitätsmerkmal eines Arzneimittels – im Gegenteil. Gelegentlich führten die Apotheken noch Mumia für den Bedarf von Heilpraktikern und Tierärzten, bis sie im frühen 20. Jahrhundert ganz aus der Offizin verschwand.

"Die Geschichte der Arzneimittel wird in hohem Maße durch gesellschaftliche und ideengeschichtliche Strömungen geprägt. Dafür ist der Einsatz von Mumia ein gutes Beispiel", so lautete das Schlusswort des Vorsitzenden der Landesgruppe Franken der DGGP, Dr. Thomas Richter, an diesem Abend.


Dr. Thomas Richter, DGGP, 1. Vorsitzender Landesgruppe Franken

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