Aus der Hochschule

Berufsinformation für Pharmaziestudenten

Zwischen der Hektik des Laboralltags und dem Lernstress vor den Klausuren befassen sich nur wenige Studenten mit der Zeit nach dem dritten Staatsexamen. Sie kennen die öffentliche Apotheke aus ihrer Famulatur und wissen auch, dass es noch vielfältige andere Berufsfelder gibt. Doch wie die dort ausgeübten Tätigkeiten aussehen und wie der Einstieg in diese Berufsfelder gelingt, ist vielen unklar. Gleich zwei Veranstaltungen an der Universität Münster sollten im Sommersemester 2009 bei diesem Informationsdefizit Abhilfe schaffen.

Am 17. Juni fand, von Prof. Dr. Verspohl organisiert, im Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie eine allgemeine Informationsveranstaltung zu Berufsfeldern für Pharmazeuten statt. Eingeladen waren Vertreter aus der öffentlichen Apotheke, der Krankenhausapotheke, der Bundeswehr, der Zeitschriftenredaktion, der Kassenärztlichen Vereinigung und der pharmazeutischen Industrie. Am Ende des sehr informativen Abends hatten die Studenten einen guten Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten ihres späteren Berufsdaseins als Pharmazeuten gewonnen.

Apotheker in der pharmazeutischen Industrie

Nur drei Wochen später wurde der Tätigkeitsbereich in der pharmazeutischen Industrie vertieft. Von Prof. Dr. Langer zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft für Pharmazeutische Verfahrenstechnik (APV) organisiert, fand am Institut für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie eine "APV-Roadshow" statt. In dieser Veranstaltung gaben Industrieapotheker noch einmal detailliert Auskunft über die Facetten ihrer Tätigkeiten. Voraussetzungen für den Berufseinstieg wurden ebenso besprochen wie Chancen zum Berufsaufstieg. Das Interesse unter den Studierenden war größer als erwartet, und im Hörsaal des Institutes mussten sogar die Fensterbänke als Sitzgelegenheiten dienen.

Einleitend machte Dr. Stieneker, Leiter der Geschäftsstelle der APV in Mainz, einige Aussagen, die im Laufe des Abends mehrmals wieder aufgegriffen und bestätigt wurden: Das Pharmaziestudium bereite die Studenten ausgezeichnet auf einen Einstieg in die pharmazeutische Industrie vor, der hohe Anteil analytischen Arbeitens und die vielfältigen vermittelten Grundlagen seien wichtige Voraussetzungen für die Tätigkeit in der Pharmaindustrie. Für bestimmte Tätigkeiten, etwa im Rahmen der Qualitätssicherung, sei die Approbation sogar durch das Arzneimittelgesetz vorgeschrieben.

Die Anzahl der approbierten Apotheker sinke seit Jahren beständig, und viele Stellen in der pharmazeutischen Industrie müssen wegen Mangel an Bewerbern mit Absolventen anderer Fachrichtungen besetzt werden. Darunter leide der Marktwert der Apotheker. Ergänzend stellte Stieneker die Geschichte, Struktur, Tätigkeitsfelder und Publikationen der APV vor.

In der anschließenden Diskussion kam die Frage auf, ob eine Promotion für den Einstieg in die Industrie notwendig sei. Laut Stieneker ist eine Promotion grundsätzlich keine Voraussetzung für den Berufseinstieg, teilweise sei der direkte Wechsel nach der Approbation vom Pharmaziepraktikum in das Unternehmen sogar bevorzugt. Wer im Bereich Forschung und Entwicklung arbeiten wolle, müsse allerdings promoviert sein; die Promotion erleichtere auch das "Erklimmen der Karriereleiter". Stieneker sagte rückblickend, dass er seine eigene Doktorandenzeit nicht missen möchte.

Anschließend bestätigte Dr. Küster, der bei der Firma Boehringer Ingelheim als Herstellungsleiter tätig ist, das Interesse der Industrie an Pharmazeuten. Er stellte verschiedene Tätigkeitsfelder in der Firma vor und beschrieb seinen Arbeitsalltag. Laut einer von ihm vorgestellten Statistik beträgt der Anteil der approbierten Apotheker in der Industrie 13%; von ihnen sind 57% Frauen. Das warf im Publikum die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Karriere auf. Sowohl Küster als auch später Herr Meyer von der Firma Rottendorf bekräftigten diese Vereinbarkeit. Sie nannten Kooperationen der Unternehmen mit Kinderbetreuungseinrichtungen und informierten über Mutterschaftsurlaub, Teilzeitarbeit und "Home Office"-Tätigkeiten.

Küster gab auch Auskunft über verschiedene Wege des Berufseinstiegs bei Boehringer Ingelheim, beispielsweise über das PJ oder über Postdoc- oder Trainee-Programme.

Michael Bayer von NextPharma machte die Besonderheiten der Arbeit bei einem Lohnhersteller deutlich. Während sich Originalhersteller oft auf wenige Arzneiformen konzentrieren, haben Lohnhersteller mit den vielfältigsten und oft problembehafteten galenischen Zubereitungen zu tun. Kenntnisse in vielen Bereichen der Pharmazie und manchmal etwas Kreativität seien erforderlich, um die daraus resultierenden Probleme in den Griff zu bekommen.

Von der Firma Rottendorf, ebenfalls ein Lohnhersteller, kam mit dem Vertriebsleiter Meyer ein ehemaliger Münsteraner Student an den Ort zurück, an dem er den Grundstein für seine Karriere gelegt hat. Er bekräftigte, dass immer mehr Produktionsbereiche von den Originalherstellern ausgelagert werden, und zwar nicht erst kurz vor Ende des Erlöschens des Patentschutzes, wie es früher durchaus der Fall war. Mit vielen Bildern aus den Bereichen Produktion und Analytik konnte er den Studierenden auch visuell vermitteln, wie ihr zukünftiger Arbeitsplatz im Industriebereich aussehen könnte. In der anschließenden Diskussion betonte Meyer, dass die englische Sprache im Berufsalltag unumgänglich sei; es sei allerdings kein Problem, das nötige Vokabular zu erlernen. Im Anschluss hatten die Studierenden die Möglichkeit, im Foyer des Institutes bei "Bier und Brezeln" ihre Fragen direkt mit den Referenten zu diskutieren. Von dieser Gelegenheit wurde bis in den Abend hinein intensiv Gebrauch gemacht.

Die wichtigsten Infos

Zusammenfassend seien folgende Aspekte einer Tätigkeit in der pharmazeutischen Industrie hervorgehoben: Die Stellen sind mit viel Einsatz und Verantwortung verbunden, schnell muss sich der Berufseinsteiger mit der Planung von Projekten und der Führung von Personal befassen. Die Belastung ist hoch, ein grundsätzliches Interesse und die Bereitschaft zur ständigen Weiterentwicklung sind gefordert. In vielen Positionen müssen Pharmazeuten in der Lage sein, schnell Entscheidungen zu treffen und die Kooperation mit anderen Abteilungen suchen, um einen möglichst störungsfreien Herstellungsprozess zu ermöglichen. Anreize der Tätigkeit sind vergleichsweise hohe Gehälter und die Vielfalt der zu lösenden Probleme. Approbierte Apotheker werden jederzeit von der pharmazeutischen Industrie gesucht, daher sollten Studierende sich nicht scheuen, eine Industriekarriere in Erwägung zu ziehen und mit Firmen Kontakt aufzunehmen.


Jan Giersdorf

Internet

Apotheker in der Pharmaindustrie

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