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Die Rosskastanie vor der Miniermotte schützen

Die imposanten Blüten, die stacheligen Früchte und das schöne Gelb der Blätter der Rosskastanie gehören einfach zum Herbst. Leider werden zunehmend die Blätter schon im Spätsommer unansehnlich braun und fallen ab. Die Ursache ist das massenhafte Auftreten eines unscheinbaren Schmetterlings – der Kastanienminiermotte. Deren Larven fressen an den Blättern und "unterminieren" sie mit ihren Fraßgängen. Zwar sterben die Bäume nicht ab, ihre Effektivität als Luftbefeuchter, Staub- und auch Blickfänger ist aber stark beeinträchtigt.

Die Gewöhnliche Rosskastanie (Aesculus hippocastanum, Abb. 1) ist ein schnell wachsender, sommergrüner Baum, der eine Höhe von etwa 30 Metern und ein Alter von bis zu 300 Jahren erreichen kann. Früher wurde sie zu den Hippocastanaceae gezählt, nach neuerer Klassifizierung gehört sie zur Familie der Seifenbaumgewächse (Sapindaceae) und nicht wie die Edelkastanie Castanea sativa zu den Kastanien (Castanea). Die charakteristischen Laubblätter sind groß und handförmig aus fünf bis sieben Blättchen (Fiedern) zusammengesetzt. Die Oberseite ist bei gesunden Bäumen sattgrün, kahl, schwach glänzend, die Unterseite hellgrün mit filzigen Adern. Auffällig sind auch die fünfzähligen Blüten, die in Ähren ("Kerzen") angeordnet sind. Die bestachelten Kapselfrüchte reifen im September bis Oktober. Sie enthalten meist zwei, selten drei große braun-glänzende Samen, die für den Menschen ungenießbar sind.

Die Rosskastanie als Neobiot

Die Gewöhnliche Rosskastanie muss als typischer Kulturfolger betrachtet werden. Sie ist erst im 16. Jahrhundert durch den Menschen in das nördliche Europa importiert worden. Heimisch ist die Pflanze in der Balkanregion, in der sie vermutlich die letzte Eiszeit überlebte. In unseren gemäßigten Breiten ist sie nur selten wild anzutreffen und ist in die hiesigen Pflanzengemeinschaften mit ihren Laubwäldern noch nicht integriert. Ebenso wie die Robinie (Robinia pseudoacacia , Fabacaea) oder Amerikanische Traubenkirsche (Prunus serotina , Rosaceae) kann die Rosskastanie als Neobiot, also als gebietsfremder Organismus, betrachtet werden. Da solche Neobioten noch nicht in das bestehende ökologische System integriert sind, gibt es zunächst auch keine natürlichen Fraßfeinde oder Parasiten, die eine massenhafte Verbreitung eindämmen könnten. Diese Neobioten können sogar gefährlich werden, wie das Beispiel der hochallergenen krautigen Pflanze Ambrosia artemisiifolia (Beifußblättriges Traubenkraut, Asteraceae) zeigt. Sie können aber auch stören, wie die Amerikanische Traubenkirsche, die die heimische Art Prunus padus ( Gewöhnliche Traubenkirsche) verdrängt. Der Rosskastanie fehlt jedoch die Invasivität der vorgenannten Arten. Im Gegenteil: durch ihr häufiges Auftreten in Monokulturen z. B. als Alleenbaum im urbanen Bereich bieten sich für Parasiten günstige Lebensbedingungen, während das Auftreten von Nützlingen, die ihrerseits den Parasiten zurückdrängen könnten, aufgrund der Artenarmut solcher Gebiete erschwert ist. So können einem Befall durch Schädlinge wie der Miniermotte Tür und Tor geöffnet werden.

Problemschädling Kastanienminiermotte

Die Kastanienminiermotte (Cameraria ohridella) gehört zur Familie der Blatttütenmotten (Gracillariidae). Es handelt sich um einen etwa 5 mm kleinen Schmetterling, dessen kupferfarbene Vorderflügel weiße, außen schwarz gerandete Querbinden tragen (Abb. 3). Bereits Anfang der 1980er Jahre wurde ein Massenauftreten einer bislang unbekannten Miniermottenart am See Ohrid im Balkangebiet (heutiges Mazedonien) beobachtet und diese von den Forschern Deschka und Dimic 1986 als neue Art beschrieben. Die Herkunft des Insekts ist aber noch immer umstritten. Möglich ist z. B. eine anthropogene (durch den Menschen verursachte) Einschleppung aus Asien oder Amerika. Auch ein plötzlicher Wirtspflanzenwechsel als Ursache für die explosionsartige Verbreitung wird diskutiert. Nach neueren Erkenntnissen ist die letztgenannte Variante wahrscheinlicher – der Ohridsee liegt abseits frequentierter Verkehrswege wie Häfen oder Flughäfen. Auch sind weder in Asien noch in Amerika nahe Verwandte der Motte bekannt. Die weitere Verbreitung erfolgte über das oberösterreichische Linz, wo 1989/90 das Auftreten beschrieben wurde, zügig über Süddeutschland (Bayern 1993) nach Mittel- und Westeuropa. Im mittel- bis norddeutschen Raum ist sie seit 1998 nachgewiesen (Berlin). Der Parasit erreichte 2006 die Südküste Finnlands, auch Großbritannien ist seit 2005 betroffen. Letztlich kann die Motte überall dorthin vordringen, wo es mit der Rosskastanie geeignete Wirte gibt. Obwohl die Falter flugfähig sind, fliegen sie aktiv nur kurze Strecken. Der leichte Körperbau und die fransigen Hinterflügel ermöglichen ein Schweben in der Luft, sodass die Falter passiv mit dem Wind auch größere Distanzen überwinden können. Neben dem Wind, in dem die Miniermotte treiben kann, verschleppt in erster Linie der Mensch selbst über Reise- und Transportwege (Auto, Bahn, Schiff) den Schädling bzw. beschleunigt so die Verbreitung. Die Invasionsgeschwindigkeit, also die "Reisegeschwindigkeit" der Motte lag bei durchschnittlich 60 Kilometern pro Jahr.

Je nach Klima erscheinen jedes Jahr ein bis vier Generationen der Motten. In Deutschland sind es typischerweise drei. Im zeitigen Frühjahr (Ende April) schlüpfen die ersten Motten aus den in der Bodenstreu überwinternden Puppen. Nach der Paarung werden kleine, weißlich-transparente Eier auf der Blattoberseite zwischen den Seitennerven abgelegt. Innerhalb von 15 bis 21 Tagen schlüpfen daraus Larven (Abb. 4), die fünf fressende Stadien durchleben. Die zunächst noch sehr kleine, rundliche "Mine" – das ist die Tasche im Blatt, in der die Larve im Palisadengewebe der Blattoberseite lebt, während die Blattunterseite unbeschädigt bleibt – sieht anfangs grünlich-ocker aus und wird dabei schrittweise vergrößert. Im Endstadium ist sie unregelmäßig länglich, ca. 3 bis 4 cm lang und etwa halb so breit, das Blatt wird "unterminiert". Es wird während der Entwicklung von innen regelrecht ausgehöhlt, das Palisadengewebe als Ort der Chloroplasten und der Photosynthese dabei zerstört. Die Blattoberseite verfärbt sich ocker, später braun. Die nach ca. 14 Tagen 5 mm große Larve entleert den Darm (schwarzer, tintenähnlicher Klecks am Grunde der Mine), versieht die Mine mit einem Gespinstbaldachin und verpuppt sich für zwölf bis 16 Tage. Über den Winter kann die Puppenruhe bis zu sechs Monaten betragen. Ende Juni schlüpft dann das fertige Insekt der 2. Generation, woraufhin der Zyklus erneut startet. Durch die wiederholte Belastung und das Parasitieren am Mesophyll der Blätter verlieren diese ihre photosynthetische Aktivität und vertrocknen allmählich: Es entsteht die für den Mottenbefall typische Braunfleckung der Blätter (Abb. 2). Sie rollen sich von den Rändern her ein. Die Blätter fallen vorzeitig ab, wodurch insbesondere junge und anderweitig belastete Bäume geschwächt werden. Die langfristigen Folgen für die Rosskastanien sind schwer einschätzbar. Gesunde Bäume scheinen diesen Ausfall verkraften zu können – das Austreiben im Frühjahr erfolgt im üblichen Zeitrahmen. Allerdings ist nicht klar, wie lange die Bäume von den im Holz gespeicherten Reserven die durch die Motte bedingten Verluste auffüllen können.

Natürliche Gegenspieler gesucht

Die beste Art der Bekämpfung ist bislang noch nicht abschließend geklärt. In den letzten Jahren sind jedoch deutliche Fortschritte erzielt worden. Das einfache Besprühen der Pflanzen mit Insektiziden oder deren Einbringen über die Wurzel ist nicht möglich, da aufgrund der Größe der zu behandelnden Flächen ein Schaden für Mensch und Tier nicht ausgeschlossen werden kann. Auch Grundwasserressourcen können dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Um die Motte dennoch mit der "chemischen Keule" bekämpfen zu können, besteht die Möglichkeit, Insektizide in den Stamm der befallenden Bäume zu injizieren, z. B. das Insektizid Abamectin (Vertimec®). Patentiert wurde auch die Bekämpfung von C. ohridella mittels auf Baumpflastern aufgebrachtem Cholinesterasehemmstoff (Dimethoat), die als Klebstofffalle bzw. Nervengift wirken sollen. Daneben sind Versuche mit Lockstofffallen (Pheromone: (8E, 10Z)-tetradeca-8,10-dienal und Derivate, Kastanienblatt-Extrakte) durchgeführt worden. Es wurde auch versucht, resistente Kastanienvarietäten zu züchten. Diese sollen 80% weniger Infektionen durch die Miniermotte erleiden und bis zum Ende der Vegetationsperiode photosynthetisch aktiv sein. Andere Methoden der biologischen Bekämpfung sind die Züchtung oder gezielte Einfuhr von natürlichen Gegenspielern der Motte. Da aber auch die Motte als Neobiot gelten kann, gibt es zurzeit keine spezifischen natürlichen Gegner in Mitteleuropa. Aktuelle Forschung an verschiedenen Standorten in Europa widmet sich dieser Problematik. Die Erzwespenart Pnigalio agraules kann noch als effektivster Parasit an der Kastanienminiermotte gelten (12 bis 35% der Puppen werden abgetötet). Eine echte Reduktion der Populationsdichte von C. ohridella gelingt ihr jedoch nicht. Heimische Meisenarten wie Blau-, Kohl- und Sumpfmeise sind als Fraßfeinde der Motte beschrieben – das Anbringen von zusätzlichen Meisenkästen in befallenen Bäumen wird daher empfohlen.

An alle Hobbygärtner: Laub aufharken und vernichten!

Eine wirksame und dabei ebenso einfache wie arbeitsintensive Methode ist das Entfernen sämtlichen Laubes nach dem Blattfall. Werden die im trocknen Laub überwinternden Puppen vernichtet, kann der Frühjahrsbefall durch die erste Insektengeneration stark reduziert werden. Allerdings muss das Laub so entsorgt werden, dass die Puppen abgetötet werden. Das gelingt durch Verbrennen des Laubes oder mit einer professionellen Kompostierung, bei der die Temperatur über 55 °C steigt. Der heimische Komposthaufen reicht dazu aber nicht aus. Um das Kastanienlaub dennoch im eigenen Garten verwerten zu können, wird empfohlen, das Laub vor der Kompostierung z. B. mittels Schredder oder Rasenmäher zu zerkleinern. So sollen 80% der Puppen abgetötet werden können. Dass die konsequente Vernichtung der Blätter erfolgreich ist, zeigt ein Beispiel aus Berlin (siehe Abb. 5). Hier wurde in öffentlichen Parks und Grünanlagen durch die bezirklichen Gartenämter konsequent das Kastanienlaub entsorgt. An mehreren Standorten im Berliner Stadtgebiet wurden Lockstoff-Fallen aufgehängt und wöchentlich kontrolliert und ausgezählt. Es zeigte sich, dass durch sorgfältiges Laubsammeln der Neubefall um zwei Drittel gesenkt werden konnte. Es zeigte sich leider auch, dass die Wiederbesiedelung der Rosskastanien durch die Miniermotte im folgenden Frühjahr nicht völlig verhindert werden kann, aber die Blätter werden deutlich weniger geschädigt: Die Bäume bleiben länger grün und verkraften spätere Laubschäden besser. Da das Absammeln und Vernichten der Herbstblätter momentan die einzige vernünftige Möglichkeit ist, den Befall der Bäume durch die Kastanienminiermotte zu reduzieren, ist die möglichst umfassende Entfernung allen Laubes sehr wichtig. Neben dem öffentlichen Raum sollten auch Bäume auf privatem Grund berücksichtigt werden. Hier ist die Mithilfe aller Baumeigner gefragt. In Berlin (und nicht nur dort) wird durch Plakate und im Internet die Bevölkerung für dieses Thema sensibilisiert und um Mithilfe gebeten. Weitere Informationen finden sich im Internet unter anderem unter www.stadtentwicklung.berlin.de/pflanzenschutz/kastanienminiermotte.

 

Quelle

Hellrigl, K.; Ambrosi, P.: J. Pest Science 73, 25 – 32 (2000).

Pschorn-Walcher, H.: Linzer Biol. Beitr. 26, 633 – 642 (1994).

Gilbert, M.; Gregoire, J.C.; Freise, J.F.; Heitland, W.: J Anim Ecol. 73, 459 – 468 (2004).

Augustin, S.; Guichard, S.; Heitland, W.; Freise, J.; Svatos, A.; Gilbert, M.: J Appl Entomol. 133, 58 – 66 (2009).

www.scifinder.com und Web of Science

www.stadtentwicklung.berlin.de/ pflanzenschutz/kastanienminiermotte/

 


Anschrift des Verfassers 

 

Dr. Kristian Wende
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 
Institut für Pharmazie 
Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 15 
17489 Greifswald

Abb. 1: Aesculus hippocastanum Die weißblühende Rosskastanie ist die Wirtspflanze für die Kastanienminiermotte. Es gibt auch vereinzelte Befallsmeldungen von einigen anderen Rosskastanienarten und sogar anderen Baumarten. Die rotblühende Rosskastanie (Aesculus x carnea) ist eine Hybride und bleibt weitgehend befallsfrei.

Abb. 2: Schadwirkung Hier ein gesundes, gelbgefärbtes Herbstblatt einer Rosskastanie in Greifswald (Oktober 1999) ...

Abb. 2: Schadwirkung ... und hier das typische Schadbild mit braunen Minen im Blatt eines Alleenbaums von der gleichen Fundstelle (August 2009). Der Schaden an den Blättern entsteht durch die Fraßtätigkeit der Larven. Bei starkem Befall vertrocknen die Blätter allmählich und rollen sich von den Rändern her ein.

Fotos: K. Wende
Abb. 3: Rosskastanienminiermotte Der etwa 5 mm kleine Schmetterling ist zwar flugfähig, lässt sich aber meist passiv mit dem Wind über größere Distanzen tragen. Entscheidend für seine Verbreitung ist neben der Anzahl der überwinterten Puppen im direkten Umfeld eines Baumes auch die Witterung zur Zeit der Eiablage durch die erste Faltergeneration im April und Mai.
Foto: J. Deckert, www.lwl.org
Abb. 4: Die Larve ist ca. 1 mm breit und 4 bis 5 mm lang. Sie lebt in einer zunächst noch sehr kleinen, rundlichen Tasche im Blatt – der sogenannten Mine – die hier künstlich geöffnet wurde. Die schwarzen Flecken sind Kot der Larve. In der Mine verpuppt sie sich für zwölf bis 16 Tage.
Fotos: K. Wende
Abb. 4: Die Puppe bohrt sich dann auf der Blattoberseite aus der Mine heraus, bevor die erwachsenen Falter aus der Puppenhülle schlüpfen.
Abb. 5: Flugverlauf der Kastanienminiermotte Dargestellt wird die Wirkung der Falllaubbeseitigung durch den Vergleich der Fangzahlen der Kastanienminiermotte auf einer vom Herbstlaub geräumten und ungeräumten Fläche aus 2008 im Vergleich zum langjährigen Mittelwert (2003 bis 2007). Zwar scheint sich die Mottenpopulation im Laufe eines Jahres wieder zu erholen, aber langjährige Beobachtungen zeigten, dass dort, wo das Falllaub im Herbst beseitigt wurde, im Frühsommer die Bäume länger grün blieben. [Quelle: www.stadtentwicklung.berlin.de]

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