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Die Apothekerkammern – kein Mehrwert für Approbierte?

Angestellte Apothekerinnen und Apotheker hätten in der Vergangenheit für sich keinen Mehrwert in der Tätigkeit der Kammergremien erkennen können! So lautete die Klarstellung eines angestellten Mitarbeiters, der gerade in den Vorstand der Apothekerkammer Nordrhein wiedergewählt worden ist. Zur Diskussion gestellt: Ist das wirklich so?
Elisabeth Thesing-Bleck
Foto: Reimo Schaaf

Bedauerlicherweise häufen sich die Anzeichen, dass speziell nach der letzten Gesundheitsreform die Arbeitszufriedenheit der Angestellten in öffentlichen Apotheken stark abgenommen hat. Wie lassen sich diese Beobachtungen erklären? Liegt es daran, dass es überwiegend die Angestellten waren, die vor Ort die Hauptlast der Umsetzung der Gesundheitsreform zu tragen hatten? Oder daran, dass die tägliche Arbeit in der Apotheke durch die Einführung der Rabattverträge immer stärker verdichtet wurde? Und wie hat sich das Arbeitsfeld seit dem verändert? Bleibt nicht immer weniger Zeit für das, was Angestellte gerne machen, besonders gut können und was einen großen Anteil am Erfolg der Inhaber geführten Apotheke ausmacht: Zuhören, Zeit und Zuwendung für Patientinnen und Patienten?

Seit einiger Zeit lässt sich ein Mangel an Approbierten nicht mehr länger verheimlichen. Das gilt speziell für ländliche Regionen. Warum ist das so? Spielt möglicherweise die Höhe der Tarifgehälter eine oft unterschätzte Rolle? Die regelmäßig wiederkehrenden per Gesetz verordneten Kostendämpfungsmaßnahmen lieferten jedenfalls immer aufs Neue eine Begründung dafür, dass über einen sehr langen Zeitraum hinweg die Tarifabschlüsse für die öffentlichen Apotheken zum Teil deutlich unter den Abschlüssen vergleichbarer anderer Berufe blieben. Ein Benchmarking zwischen der Höhe der Gehälter, die die Apothekerkammern selbst ihren eigenen angestellten Apothekern zahlen und den Gehältern ihrer abhängig beschäftigten Kammermitglieder könnte speziell in dieser Frage zu mehr Transparenz beitragen.

Selbstverständlich ist es den Kammern untersagt, sich in Tarifangelegenheiten einzumischen. Und das ist gut so! Trotzdem wünsche ich mir, dass es gelingen möge, der Vorsitzenden des Arbeitgeberverbandes "Tarifgemeinschaft der Apothekenleiter Nordrhein" (TGL), die ebenfalls schon lange Mitglied des nordrheinischen Kammervorstands ist, in einem persönlichen Gespräch klarzumachen, dass die Tarifgehälter in der öffentlichen Apotheke inzwischen an das unterste Ende vergleichbarer akademischer Berufe gerutscht sind; und dass es auch deshalb insbesondere auf dem Land für die Chefs fast unmöglich geworden ist, neue junge angestellte Apothekerinnen oder Apotheker für ihren Betrieb zu verpflichten.

Berufeinsteiger orientieren sich bei ihrer Entscheidung über ihr zukünftiges Tätigkeitsfeld auch an den Tariftabellen. Es steht zu befürchten, dass ein Teil von ihnen beim Blick auf die ausgehandelten Löhne die Aufnahme einer Beschäftigung in der öffentlichen Apotheke gar nicht erst erwägt.

Entmutigend wirkt auch die unattraktive Arbeitszeit. Die in vielen Apotheken immer noch übliche zweistündige, von vielen Angestellten als zu lang empfundene Mittagspause, ist nicht gerade motivierend dafür, auf Dauer auch längere Wege zum Arbeitsplatz auf sich zu nehmen. Das erschwert es vielen stadtfernen Apotheken zusätzlich, gut ausgebildete Fachkräfte langfristig an sich zu binden.

Und in der Großstadt? Dort wirken sich die ausufernden Ladenöffnungszeiten auch nicht gerade motivationsfördernd aus. Arbeitszeiten bis in den Abend hinein verhindern, dass an der Nahtstelle Schule und Familie eine kontinuierliche Kinderbetreuung gewährleistet ist. Und wenn zum Beispiel am Freitagnachmittag die Apothekerkammer Nordrhein ihre Pforten schon lange zugesperrt hat, dürfen viele Angestellte aus der öffentlichen Apotheke immer noch nicht nach Hause gehen. Sie arbeiten inzwischen auch am Samstag bis 20.00 Uhr – in Einkaufszentren und in der City! Zusätzlich kommen noch die Nacht- und Sonntagsdienste dazu. Speziell Frauen empfinden solche Rahmenbedingungen als ausgesprochen familienunfreundlich. Wen wundert es, dass hauptsächlich junge Väter und Mütter in andere Tätigkeitsbereiche mit vermeintlich attraktiveren Konditionen abwandern.

Aber dieses Szenario gilt nicht nur für Approbierte, es gilt auch für die anderen Apothekenberufe. Wie viele clevere PKAs arbeiten heute in leitenden Positionen bei Schlecker und Co? Oder auch bei Doc XYZ? Und die Chefs grämen sich lautstark über viel zu wenige in der öffentlichen Apotheke verbliebene Mitarbeiterinnen!

Dessen ungeachtet muss man wohl fragen, ob die durchschnittliche Lebensarbeitszeit, die eine PTA in der öffentlichen Apotheke verbringt, fünf Jahre deutlich übersteigt? Genaue Zahlen fehlen hier, denn die Statistik für Apothekerinnen und Apotheker wird von der Kammer geführt und PTAs sind ja nicht verkammert!

Damit sind wir wieder beim Ausgangpunkt meiner Betrachtung. Welchen Mehrwert bieten die Kammern den Angestellten? Ich wage nicht abzuschätzen, inwieweit im neu gewählten Vorstand der gewichtigen meinungsbildenden nordrheinischen Apothekerkammer zukünftig auch Themen eine Rolle spielen werden, die den approbierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der öffentlichen Apotheken unter den Nägeln brennen. Aber genau diese Berufsgruppe ist unter allen Kammerangehörigen die zahlenmäßig größte. In nordrheinischen öffentlichen Apotheken arbeiten derzeit 2280 Leiter, die Anzahl der angestellten Apothekerinnen und Apotheker liegt aber mit 3654 Approbierten deutlich höher. Die 189 Pharmaziepraktikanten können auch noch mitgerechnet werden*. Dieses Verhältnis spiegelt sich im neu gewählten Vorstand nicht wider! Von den 14 besetzten Positionen werden derzeit lediglich drei von Angestellten aus öffentlicher Apotheken, dafür aber neun von Apothekenleitern bekleidet. Eine krasse Schieflage, wie sich unschwer feststellen lässt! An Bewerbern aus dem Angestelltenbereich hat es jedenfalls nicht gefehlt!

Ein weiterer Umstand verschärft die Schräglage noch. Wie oben bereits erwähnt arbeitet die Vorsitzende der TGL schon lange im Vorstand der Apothekerkammer Nordrhein mit. Um das Gleichgewicht der Interessen ausbalancieren zu können, stände es dem Präsidenten gut zu Gesicht, auch ein gleich hohes Mitglied der Adexa in die Vorstandsarbeit einzubinden. Bekanntlich ist eine Heilberufekammer mehr als jedes andere Selbstverwaltungsorgan zur Überparteilichkeit und zur berufspolitischen Neutralität verpflichtet!

Schlussendlich bleibt zu hoffen, dass sich zügig die Erkenntnis durchsetzt, dass Chefs heute mehr denn je ein motiviertes einsatzwilliges Angestelltenteam brauchen. Die Corporate Identity der inhabergeführten Apotheke wird in ganz entscheidendem Maß auch durch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geprägt. Allerdings nicht zum Nulltarif! Im Gegenteil, die Selbstverwaltung unseres Berufsstandes hat unverzüglich ihre Strukturen so zu verändern, dass sie zügig in sehr viel größerem Maße als bisher die Angestellten integrieren kann. Nur so können alle Apothekerinnen und Apotheker in ihrer Apothekerkammer einen deutlichen Mehrwert erkennen.

Elisabeth Thesing-Bleck (ehem. Vizepräsidentin der Apothekerkammer Nordrhein), Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie, Geriatrische Pharmazie, Gesundheitsberatung und Prävention, Aachen

* Mit der Apothekerkammer Nordrhein im Gespräch Zahlen, Daten, Fakten 2008

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