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Zukunft mit dem Fonds

Thomas Müller-Bohn

Das Jahr 2009 hat mit einer der größten Reformmaßnahmen begonnen, die das Gesundheitswesen in den vorigen Jahrzehnten erlebt hat. Ausnahmsweise sind die Apotheken diesmal nicht direkt und sofort betroffen. Indirekt und mittelfristig wird der Gesundheitsfonds aber an niemandem im Gesundheitswesen vorbeigehen, auch nicht an den Apotheken. Inwieweit der Fonds allerdings überhaupt eine langfristige Zukunft haben wird, dürfte wesentlich vom Ausgang der Bundestagswahl in diesem Jahr abhängen. Denn der Fonds ist nur aus der politischen Logik der Großen Koalition zu erklären.

Im Bundestagswahlkampf 2005 waren die beiden großen Parteien mit unvereinbaren Reformkonzepten für das Gesundheitswesen angetreten. Die Bürgerversicherung und die Kopf- oder Bürgerpauschale sind ökonomisch und politisch grundverschiedene Ansätze. Während die Bürgerversicherung auf eine Abschaffung der privaten Krankenversicherung hinausliefe, würde eine Pauschale Elemente der privatwirtschaftlichen Versicherung in die GKV einführen und den sozialen Ausgleich außerhalb des Versicherungssystems über Steuern organisieren. Während eine Pauschale die Krankenversicherungsbeiträge von den Arbeitseinkommen abkoppeln würde, wären bei einer Bürgerversicherung noch mehr Einkommensarten mit der Krankenversicherung verbunden. Die beiden großen Parteien hatten also mit ihren Konzepten auf Konfrontation gesetzt. Dementsprechend schwer war in der Großen Koalition ein gemeinsamer Weg zu finden. Angesichts der fundamentalen Unterschiede zwischen beiden Konzepten ist der Gesundheitsfonds auch kein inhaltlicher Kompromiss, sondern eine neue Organisationsform mit dem besonderen Charme, dass der Fonds relativ leicht in beide Richtungen verändert werden könnte. Damit erfüllt der Fonds in idealer Weise die politischen Anforderungen einer Großen Koalition, gerade weil er keine Entscheidung für eine gesellschaftliche Grundorientierung enthält. Dies erklärt auch, warum führende Koalitionspolitiker den Gesundheitsfonds unbeirrt durchgedrückt haben, obwohl Experten unterschiedlichster Couleur bis zuletzt abgeraten haben. Daher wird auch die langfristige Zukunft des Fonds vom Bestand der Großen Koalition abhängen. So wie die Mehrheitsverhältnisse sich auf Bundesebene darstellen, spricht vieles dafür, dass der Fonds eine lange Zukunft haben könnte. In Österreich gibt es große Koalitionen schon seit Jahrzehnten.

Daher sollten sich auch die Apotheker auf den Fonds einstellen. Die größten Sorgen machen die Befürchtungen der Krankenkassen, der Einheitsbeitrag sei zu knapp bemessen. Da bieten die angekündigten zusätzlichen Steuermittel aus dem Konjunkturprogramm Hoffnung auf Entlastung. Doch wenn das Geld nicht reicht, wird man sich an die üblichen Verdächtigen wenden. Arzneimittel und Apotheken sind dann wieder schnell im Visier. Neue Spargesetze werden nach der Bundestagswahl leichter zu vermitteln sein, als wenn viele Krankenkassen Zusatzbeiträge erheben müssten. Den vermehrten Druck auf die Krankenkassen werden diese vermutlich auch über neue Rabattverträge weitergeben. Auch dies kann nichts Gutes für die Apotheken bedeuten. Alternative Vertragsformen werden die Krankenkassen nur akzeptieren, wenn sie deren Entscheidungsspielraum nicht verringern. Für das Zielpreismodell der ABDA ist das keine gute Ausgangslage.

Doch könnte es für die Apotheken auch eine positive Seite geben. Bei fehlendem Beitragswettbewerb könnten sich die Krankenkassen durch Zusatzleistungen profilieren. Damit hätten die Apotheken die lang ersehnte Chance, neue pharmazeutische Leistungen anzubieten und dafür endlich ein Honorar zu erhalten. Die bevorzugte Zielgruppe dürften die gut eingestellten Chroniker sein, denn der morbiditätsabhängige Risikostrukturausgleich ist der größte Steuerungsmechanismus des Fonds. Erste Vereinbarungen über die pharmazeutische Betreuung durch Haus- oder Service-Apotheken gibt es bereits. Diejenigen Krankenkassen, die diese Chance erkennen, dürfen auf Wettbewerbsvorteile hoffen – und die beteiligten Apotheken auch. Allerdings wird der zunehmend unterschiedliche Umgang mit den Versicherten verschiedener Kassen den Apothekenalltag sicher nicht vereinfachen. Doch auch dies wäre eine gewollte Folge des Fonds. Die Apotheken und ihre Softwareanbieter sollten rechtzeitig die notwendigen organisatorischen Strukturen dafür schaffen.


Thomas Müller-Bohn

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