Aus Kammern und Verbänden

Gemeinsam mit den Ärzten für den freien Heilberuf

Zum Neujahrsempfang der Apothekerkammer Nordrhein am 7. Januar im Düsseldorfer Maxhaus begrüßte Präsident Lutz Engelen rund hundert Gäste und Ehrengäste, darunter die Präsidenten der Bundesapothekerkammer, Dr. Ulrich Krötsch, und der Bundesärztekammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe. Engelen betonte die Grundfesten der freien Berufsausübung von Arzt und Apotheker: Professionalität und Gemeinwohlverpflichtung, Selbstverwaltung sowie Eigenverantwortlichkeit.
Dr. Ulrich Krötsch, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe und Lutz Engelen (von links) beim Neujahrsempfang der Apothekerkammer Nordrhein in Düsseldorf.
Foto: Alois Müller/Müller-Bringmann

Nach Einschätzung Engelens wächst die Wirtschafts- und Finanzkrise sich zu einer Vertrauenskrise aus. Doch könne man zugleich den hoffnungsvollen Beginn einer Grundsatzdebatte um Ethik, Werte, Regeln, persönliche Verantwortung und Gemeinwohlorientierung beobachten: "Welch ein Unterschied zu den Kernaussagen Liberalisierung und Wettbewerb, die zum Must Have, zum unbedingt benötigten Vokabular einer jeden politischen Grundsatzrede der letzten Jahre gehörten!"

Betriebswirtschaftliches 1x1 versus Sozialromantik

Mahnung und Kritik der Ärzte und Apotheker in den vergangenen Jahren, dass sich das Gesundheitswesen nicht wie ein klassischer Markt organisieren lasse, wurden müde belächelt oder als Sozialromantik abgetan. Man glaubte, mit dem betriebswirtschaftlichen Einmaleins die Probleme unseres Gesundheitssystems lösen zu können. Zukunftsfähige Versorgungskonzepte lassen sich jedoch nicht auf Kosten und Preise reduzieren, sondern beruhen auf professionell und individuell erbrachten Gesundheitsleistungen. Engelen erinnerte in diesem Zusammenhang an Grundfesten der freien Berufsausübung: Professionalität und Gemeinwohlverpflichtung, Selbstverwaltung sowie Eigenverantwortlichkeit.

Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und der Debatte um Ethik und notwendige staatliche Regelungen scheinen die freien Heilberufler Ärzte und Apotheker und ihre Selbstverwaltung unter strategischen Gesichtspunkten aktuell auf der Höhe der Zeit zu sein, so Engelen. Ein Ausruhen auf diesen Lorbeeren wäre jedoch fatal. Vielmehr müssen die Apotheker unter dem Leitgedanken der Pharmazeutischen Betreuung Ideen zu einer zukunftsorientierten Versorgung der Patienten entwickeln. Für ebenso essenziell hält Engelen eine institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern, wie sie regional schon zum Teil besteht, um die Probleme vor Ort zu lösen. Kompromisslos abzulehnen seien hingegen an Partikularinteressen ausgerichtete Streitereien wie die Arzneimittelbelieferung der Patienten aus Versandapotheken aufgrund von Sonderverträgen von Ärzten oder Arztnetzen.

Von Prof. Hoppe wünschte sich Engelen zudem eine an der Versorgungsoptimierung ausgerichtete Diskussion zum Gendiagnostikgesetz: "Das kategorische Nein der Ärzteschaft zur Einbeziehung der Apotheker für spezielle und eng eingegrenzte Dienstleistungen erschließt sich mir bis heute nicht."

Keine tief greifenden Differenzen

Professor Hoppe betonte in seinem Grußwort, dass zwischen Ärzten und Apothekern in wesentlichen Punkten wie dem Prinzip der Freiberuflichkeit große Einigkeit herrsche. Da in der Politik die Wertschätzung der durch die freien Berufe geleisteten Arbeit abnehme, müssen Ärzte und Apotheker, Zahnärzte, Tierärzte und Psychotherapeuten hier zusammenstehen. Allerdings stelle der Freie Beruf in Europa eine deutsche Besonderheit dar, und es müsse das Ziel aller Beteiligten sein, die anderen Länder von dessen Wert zu überzeugen.

Große Sorge bereite der Ärzteschaft die zunehmende Standardisierung und Schablonisierung im Gesundheitswesen. Es werde so getan, als handele es sich bei der Medizin um eine Naturwissenschaft mit klarem Versuchsaufbau und reproduzierbaren Ergebnissen. Die Patienten werden zu schlichten Diagnoseträgern. Weitere Gefahren bergen nach Einschätzung Hoppes die diagnoseabhängigen Fallpauschalen (Diagnose Related Groups, DRG). Die Krankenhausaufenthalte werden immer kürzer; der Arzt habe kaum eine Chance, den Patienten richtig kennenzulernen.

Welche Folgen das Renditedenken im Gesundheitswesen haben könne, zeigen die Erfahrungen in den USA, wo die ethischen Maßstäbe abhanden gehen. Es sei aber notwendig, auch solche Patienten zu versorgen, mit denen sich kein Geld verdienen lässt, denn die soziale Sicherung sei das Fundament unserer Gesellschaft.

Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Gesundheitsfonds weisen, so Hoppe, auf ein steuerfinanziertes Gesundheitswesen mit all den bekannten systemimmanenten Problemen hin. Wegen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) freuten sich die gesetzlichen Krankenkassen inzwischen mehr über kranke als über gesunde Versicherte.

Gemeinsames gemeinsam stärken

Seit Einführung der individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) haben auch Ärzte damit zu kämpfen, dass sie als Gewerbebetrieb wahrgenommen werden. Umso mehr müsse die ärztliche Selbstverwaltung bei den IGeL-Angeboten auf die Einhaltung der berufsrechtlichen Bestimmungen achten.

Hoppe resümierte, es sei eine wichtige Aufgabe der Ärzte und Apotheker, dem Nachwuchs die besondere Bedeutung des Freien Berufes zu vermitteln und die Zusammenarbeit der verschiedenen Heilberufe auf Bundesebene zu institutionalisieren. Eine konstruktive Bearbeitung der großen Schnittmengen zwischen den Professionen würde keine Unklarheiten wie im Fall der Gendiagnostik entstehen lassen, und man könne sich gemeinsam zielorientierter positionieren.


Dr. Constanze Schäfer

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