Selbstmedikation

Therapieoptionen mit Birkenrinde und Johanniskraut

Trockene und sensible Haut ist nicht selten von Schuppenbildung, Juckreiz und entzündlichen Dermatosen begleitet. Ergänzend zur topischen Behandlung schwerer Krankheitsbilder z. B. mit Cortison sind für die therapiefreien Intervalle Zubereitungen mit möglichst reizarmen Inhaltsstoffen zur Hautpflege empfohlen. In den letzten Jahren rückten pflanzliche Externa mit Extrakten aus Birkenrinde und Johanniskraut in den Focus. Klinische und anwendungsbezogene Studien zeigen, dass ihre Komponenten über regenerierende Eigenschaften und ein breites pharmakologisches Wirkspektrum verfügen.

Neben seiner systemischen Verwendung als Medikament gegen leichte bis mittelschwere Depressionen wird Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) bereits seit der Antike in Form eines Öls zur Behandlung akuter Hautwunden und Verbrennungen eingesetzt. Während bei Depressionen das Zusammenspiel verschiedener Wirkstoffe der Arzneipflanze wie Hypericin und Flavonoide therapeutische Effekte erzielt, ist für eine topische Verwendung das vor allem in den Blüten und Früchten enthaltene Hyperforin von großem Interesse. In experimentellen Untersuchungen konnten für das Phloroglucin-Derivat ausgeprägte antiinflammatorische Effekte nachgewiesen werden. So hemmt Hyperforin die Aktivität von Cyclooxygenase 1 und 5-Lipoxygenase sowie dosisabhängig die Produktion von Prostaglandin E2 Darüber hinaus unterdrückt es typische Immunreaktionen an menschlichen Hautzellen, wirkt epidermal differenzierungsfördernd und zeigt deutliche antioxidative Eigenschaften. Seit einigen Jahren stehen der medizinischen Hautpflege Zubereitungen mit einem Johanniskrautextrakt zur Verfügung (Bedan®), die einen hohen Gehalt an Hyperforin aufweisen, aber frei sind von photosensibilisierendem Hypericin.

Trockene Haut und Neurodermitis profitieren

Verschiedene Untersuchungen beschreiben den Benefit hyperforinhaltiger, Feuchtigkeit spendender Formulierungen bei trockener Haut und Neurodermitis. In einer placebokontrollierten Doppelblindstudie trugen Probanden mit atopischer Dermatitis getrennt nach Körperhälfte entweder eine Johanniskrautcreme oder ein Placebopräparat auf. Dieser Halbseitenvergleich erlaubt die Beurteilung des individuellen Hautzustandes einer Person während und nach der Behandlung. Nach 7, 14 und 28 Tagen wurden die jeweiligen Beobachtungen zum therapeutischen Verlauf dokumentiert. Im Ergebnis zeigte die verwendete hyperforinreiche Zubereitung einen signifikant positiven Effekt auf das Erscheinungsbild der bestehenden Neurodermitis. Als Maß zur Beurteilung des Schweregrads diente der Scorad-Index, in dem Informationen zu Ausdehnung, Intensität und subjektiven Symptomen der Erkrankung enthalten sind. Weitere Untersuchungen ließen außerdem eine deutliche Verbesserung des Symptoms Hauttrockenheit beobachten, gemessen am transepidermalen Wasserverlust, dem Hydratationseffekt und einer reduzierten Schuppigkeit der Haut. Auch bei Babys und Kleinkindern konnte in Form eines zweiwöchigen "Home-in-use"-Tests mit der Verwendung einer Johanniskraut-Creme anstelle der üblichen Pflegeprodukte ein offensichtlicher Rückgang von Trockenheit und schuppiger Haut erreicht werden.

Gute Akzeptanz laut Anwendungsbeobachtung

Um Aussagen zu hyperforinhaltigen topischen Zubereitungen auch hinsichtlich ihrer Anwenderakzeptanz treffen zu können, wurde in 44 dermatologischen Fachpraxen mit insgesamt 203 Patienten im Alter von drei Monaten bis 95 Jahren eine nicht interventionelle Studie durchgeführt. Mehr als 76% der Patienten litten an Neurodermitis, 8% wiesen Substanzdefekte der Haut (Exkoriation) auf, wie sie beispielsweise durch stark juckende Dermatosen hervorgerufen werden. Über einen Zeitraum von sechs Wochen sollte die Johanniskraut-Creme ein bis dreimal täglich auf betroffene Hautareale aufgetragen werden. Als Zielparameter galten neben therapeutischen Effekten auch die Anwendung und Akzeptanz des Präparates sowie die Art und Häufigkeit beobachteter unerwünschter Wirkungen. Zusammenfassend bescheinigten Patienten und Ärzte in jeweils 80 bis 85% der Fälle der Zubereitung eine gute bis sehr gute Hautverträglichkeit. Über leichte reversible Nebenwirkungen berichteten 3,45% der Probanden. Hinsichtlich der therapeutischen Leitsymptome ließ sich in über 90% der Fälle eine Reduktion der Hauttrockenheit verzeichnen. Darüber hinaus gingen Hautschuppung, Juckreiz und Rötung ebenso zurück, wie die flächenhafte Verdickung der Haut (Lichenifikation) und der Substanzverlust. Bei der überwiegenden Mehrheit der Patienten, die zuvor mit Kortison behandelt worden waren, konnte die Dosis reduziert oder ganz auf eine Steroidtherapie verzichtet werden.

Ein Minimum an Inhaltsstoffen

Beim Blick auf die Zusammensetzung vieler Hautpflegeprodukte wird deutlich, dass die komplexen Stoffgemische häufig zahlreiche Substanzen enthalten. So gewährleisten verschiedene Konservierungsstoffe eine ausreichende mikrobiologische Qualität nach Anbruch, verfügen zusätzlich jedoch über ein mögliches allergenes Potenzial. Emulgatoren sorgen wiederum für die thermodynamische Stabilität der Zwei- oder Mehrphasensysteme, sind in ihrer klassischen Form als Tenside aber in der Lage, Penetrationsvorgänge in der Haut zu fördern und die Hautbarriere zu schädigen. Vor diesem Hintergrund besteht gerade für Personen mit atopischer und empfindlicher Haut die Notwendigkeit nach Pflegeprodukten ohne tensidische Emulgatoren und Konservierungsmittel. Als mögliche Alternative zu herkömmlichen Stabilisatoren hat sich ein Trockenextrakt aus Birkenrinde mit der Leitsubstanz Betulin bewährt. Das Gemisch aus Triterpen vermittelt ohne tensidische Eigenschaften zwischen wässriger und öliger Phase, ist gut hautverträglich und im Gegensatz zu Monoterpenen nicht allergen. Mehrere dermatologische und anwendungsbezogene Studien belegen den Betulinen ein breites therapeutisches Wirkspektrum. 1788 erstmals isoliert und beschrieben lässt sich der Hauptinhaltsstoff Betulin (ca. 80%) gemeinsam mit Betulinsäure, Lupeol, Erythrodiol und Oleanolsäure über ein patentiertes Herstellungsverfahren aus dem Birkenkork gewinnen.

Tensidfrei und trotzdem stabil

Der emulgierende Effekt der Betuline basiert auf dem Prinzip von Feststoffemulgatoren, sogenannten Pickering-Emulsionen. Dabei lagern sich kleine Feststoffpartikel an der Grenze zwischen Öl- und Wasserphase an, um diese zu stabilisieren. Wird ein Betulin-Trockenextrakt in Öl suspendiert, ergibt sich ab ca. 2,5% eine stabile Trübung ohne Sedimentation. Die Feststoffteilchen positionieren sich hierbei partiell an der Grenzfläche und bilden eine Netzstruktur aus, wodurch das Absinken des Feststoffes verhindert wird. Bei höheren Betulinkonzentrationen entsteht ein thixotropes Gel, dessen Fließgrenze etwas unterhalb der von Wasserhaltiger Hydrophiler Salbe liegt. Das Oleogel kann über 60% Wasser aufnehmen. Es ergeben sich stabile W/O Emulsionen, die in Tests auch nach dreijähriger Lagerung nicht gebrochen sind und vom Hersteller als "Betulsionen" bezeichnet werden. Im Vergleich zu klassischen Emulgatoren weisen Betulintrockenextrakte nur geringe Grenzflächenaktivitäten auf, was diesem System den Begriff "tensidfrei" erlaubt. Aufgrund der antimikrobiellen Wirkung von Betulin ist ein Zusatz von Konservierungsmitteln für entsprechende Formulierungen nicht notwendig. Die Substanz ist zurzeit in einer Hautpflegeserie eingearbeitet, die außerdem nur noch Wasser und Jojobaöl als Grundzutaten enthält (Imlan®).

Pharmakologisch vielfältig

Verschiedene Untersuchungen zeigen bei der topischen Anwendung betulinhaltiger Zubereitungen in vitro und in vivo antientzündliche Effekte, wobei die Wirkung der Triterpene je nach Entzündungsstimulus auf unterschiedlichen Mechanismen beruhen kann. Darüber hinaus beschreiben Publikationen antitumorale, antioxidative, antimykotische, antibakterielle, juckreizlindernde und wundheilungsfördernde Effekte durch Betuline. Gegenstand jüngerer Untersuchungen ist die differenzierungsfördernde Wirkung der Triterpensäuren auf Keratinozyten. Untersuchungen belegen eine Aufregulation verschiedener Differenzierungsmarker, die als Maß für Regenerationsprozesse in der Epidermis nach Hautschädigungen gelten. Eine Studie zur Behandlung aktinischer Keratosen ergab, dass nach drei Monaten regelmäßigen Auftragens einer betulinbasierten Zubereitung die Epidermis deutlich reorganisiert war, mit Komplettabheilungsraten bis zu 64%.

Regeneration der Hautbarriere

Dass trockene empfindliche Haut von Pflegeprodukten mit Betulin profitiert, macht eine vergleichende Anwendungsstudie deutlich. Meist ist sensible Haut mit einer Störung der epidermalen Barrierefunktion verbunden, wobei der transepidermale Wasserverlust ansteigt, während die Hornschichtfeuchtigkeit abnimmt. Experimentell wurde die regenerative Wirkung von betulinhaltigen Zubereitungen mit der von Nichtionischer Hydrophiler Creme NRF nach einer Schädigung der epidermalen Barriere mittels 0,1%iger Natriumlaurylsulfat-Waschlösung verglichen. Als Bewertungsparameter zählten die Hornfeuchtigkeit, der transepidermale Wasserverlust sowie die Durchblutung und Rötung als Maß der begleitenden entzündlichen Irritation. Nach einwöchiger Anwendung zeigten alle Formulierungen gegenüber unbehandelter Haut eine deutliche Rehydratisierung der epidermalen Schichten, wobei die durch den Waschtest hervorgerufene Entzündungsreaktion unter betulinhaltigen Zubereitungen rascher abheilte.

Adjuvant wirksam bei Pruritus

Nicht selten geht eine trockene Haut mit mehr oder weniger ausgeprägtem Juckreiz (Pruritus) einher. Bei chronischer Verlaufsform sollte auf jeden Fall eine topische Anwendung erfolgen, um Kratzläsionen und Juckreizknötchen zu behandeln und mögliche auslösende sensorische Rezeptoren zu beeinflussen. Dementsprechend sind in den letzten Jahren verschiedene Konzepte zur kurz- und langfristigen Juckreizstillung verfolgt worden. Neben Campher, Menthol, Capsaicin und dem Cannabinoid-Rezeptor-Agonist Palmitoylethanolamin lindern auch topische Steroide und Calcineurininhibitoren mit ihrer zusätzlichen antientzündlichen Wirkung pruritische Beschwerden. In diesem Zusammenhang wird auch Betulin als juckreizstillende und antiinflammatorische Substanz diskutiert. Anhand einer offenen Anwendungsbeobachtung mit 23 Patienten, die Pruritus auf unveränderter Haut aufwiesen sowie 20 Patienten mit chronischen Kratzläsionen wurde die juckreizstillende Wirkung einer betulinhaltigen Zubereitung getestet. 57% der Probanden mit Pruritus auf unveränderter Haut und 70% derjenigen mit Kratzläsionen sprachen auf die topische Betulinbehandlung mit einem nachgewiesenen Rückgang von Juckreiz und Kratzläsionen an. Zudem wurde die Hautverträglichkeit der Zubereitung von den Patienten positiv bewertet.

Quelle

Prof. Dr. Christoph M. Schempp, Freiburg; Dr. Thyra C. Bandholz, Kiel; Apothekerin Marta Grysko, Tübingen; Dr. Melanie Laszczyk, Niefern-Öschelbronn; Prof. Dr. Wolfgang Gehring, Karlsruhe; Prof. Dr. Sonja Ständer, Münster: 13. Jahrestagung der Gesellschaft für Dermopharmazie, Heidelberg, 30. März bis 1. April 2009.

Apothekerin Franziska Wartenberg

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