Mikronährstoffe

Sport, Immunsystem und Mikronährstoffbedarf

Regelmäßige sportliche Aktivität im aeroben Bereich stärkt das Immunsystem und mindert die Anfälligkeit des Körpers für Infektionskrankheiten und Krebs. Zudem beugt sie dem metabolischen Syndrom, Diabetes und koronarer Herzkrankheit vor. Die positiven Wirkungen des Ausdauersports lassen sich durch die Supplementierung bestimmter Mikronährstoffe steigern. Noch wichtiger ist eine solche Supplementierung für Leistungssportler. Dabei brauchen sie nicht zu befürchten, dass sie die Anti-Doping-Bestimmungen übertreten. Im Gespräch mit Uwe Gröber informiert der Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck, wie sich Sport und Mikronährstoffe in ihren Wirkungen ergänzen.

Gröber: Sehr geehrter Herr Professor Uhlenbruck, Sie sind seit über 30 Jahren weltweit als Experte im Bereich der Sportmedizin und Immunbiologie tätig. Welche Bedeutung hat regelmäßige sportliche Aktivität für unser Wohlbefinden und unser Immunsystem?

Uhlenbruck: Regelmäßige sportliche Aktivität im Sinne eines Ausdauertrainings im aeroben Bereich unter Verbrauch von 2000 bis 2500 kcal pro Woche hat folgende Bedeutung in Bezug auf unser gesundheitliches Wohlbefinden:

Unser Immunsystem wird stabilisiert, d. h. unsere Abwehrkräfte werden ebenfalls trainiert. Denn wenn man mit dem sportlichen Training beginnt, werden zunächst entzündliche Prozesse im Körper hervorgerufen, denen dann antientzündliche Gegenregulationen folgen. Diese gewinnen im weiteren Verlauf des Trainings die Oberhand und bewirken einen gesunden Organismus. Regelmäßiger Sport ist auf die Dauer gesundheitsstabilisierend.

Die durch Sport stabilisierte Gesundheit kann man auch so definieren: Gesundheit ist gekennzeichnet durch das Überwiegen antientzündlicher Regelkreise und eine Downregulation proentzündlicher Prozesse. Diese Definition beinhaltet allerdings auch, dass sportliche Belastungen bei stärkeren entzündlichen Prozessen – auch bei lokalen Infekten – kontraindiziert sind.

Merke: Sport ist Mord bei Fieber am Wettkampfort!

Gröber: Kann man durch Sport sogar die Abwehrkräfte "tunen" und Krankheiten vorbeugen?

Uhlenbruck: Sport stärkt nicht nur durch die Aktivierung verschiedener Immunzellen unser Immunsystem. Es werden auch zusätzliche vasoprotektive Faktoren gebildet. Hinzu kommen positive Einflüsse auf den Stoffwechsel, insbesondere den Fett- und Zuckermetabolismus. Sport hat auf diese Weise eine Art antiarteriosklerotischen Effekt. Insofern kann sportliche Betätigung tatsächlich im Hinblick auf die verschiedensten Krankheiten – man denke nur an das metabolische Syndrom – vorbeugend wirken. Denn: Schlank und rank hält jung und macht selten krank. Oder: Der Mensch ist so alt wie seine Hirngefäße und so jung wie seine Herzgefäße.

Oder: Sport ist Mord an vielen Krankheitsursachen.

Gröber: Es wird immer wieder behauptet, dass der Bedarf an Vitaminen und anderen Mikronährstoffen in der deutschen Bevölkerung durch eine ausgewogene Ernährung gedeckt werden kann. Ist der Mikronährstoffbedarf im Sport erhöht?

Uhlenbruck: Die sogenannte ausgewogene Ernährung versucht man in der Regel auf dem Papier bzw. auf der Nahrungsmittelwaage mit Zahlen einzukreisen. Oft fehlen jedoch konkrete Angaben über die je nach Bedarf und Sportart für den Sportler unverzichtbaren Vitamine, Mineralstoffe und anderen Mikronährstoffe, die an der Steuerung des gesamten Stoffwechsels beteiligt sind. Besser wäre hier, von einer bedarfsangepassten Ernährung zu sprechen. Beim normalen gesundheitsmotivierten Breitensportler kann davon ausgegangen werden, dass er auch seine Ernährung bewusst plant und seinen Bedarf an Mikronährstoffen deckt.

Das gilt jedoch nicht für den Profi- und Spitzensport und auch nicht für die "Über-5000-kcal-Amateure", die zum Teil profimäßig trainieren und nebenher auch noch beruflichen Stress verarbeiten müssen. Hier sind Nahrungsergänzungen in Form von Multivitamin-Mineralstoff-Präparaten zur Optimierung und Unterstützung des Mikronährstoffhaushaltes in jedem Fall sinnvoll, vor allem bei der Wettkampfvorbereitung. Dass im Spitzensport ein erhöhter Bedarf an Mikronährstoffen besteht, konnte übrigens in verschiedenen Studien eindeutig nachgewiesen werden. Persönlich halte ich es ebenfalls für äußerst sinnvoll, Omega-3-Fettsäuren mit einzubeziehen, da sie nicht nur eine antientzündliche Wirkung haben, sondern auch einen guten Gefäß- und Immunschutz darstellen. Zur Infektprophylaxe hat sich auch Zink bewährt. Zur Regeneration nach Verletzungen oder Extrembelastungen empfehlen sich Präparate mit Enzymen wie Bromelain.

Übrigens: Der individuelle Status an Mikronährstoffen wie Magnesium, Eisen oder Selen kann beim Sportler ganz einfach durch Blutuntersuchungen objektiviert werden.

Gröber: Untersuchungen an Fußballspielern der Bundesliga haben gezeigt, dass die Einnahme von Mikronährstoffen gesundheitliche Störungen und Beeinträchtigungen wie grippale Infekte, Muskelkrämpfe und Zerrungen vermindert. Kann man demnach Leistungssportlern eine Stoffwechsel-Optimierung mit Mikronährstoffen im Sinne eines "Metabolic Tuning" empfehlen?

Uhlenbruck: Tatsächlich hat sich gerade im Fußball gezeigt, was völlig unerwartet war, dass auch die Zahl der Verletzungen und nicht nur die Infektanfälligkeit zurückgegangen ist. Es scheint so, als ob auch durch Mikronährstoffe antientzündliche Prozesse unterstützt werden und die Regeneration gefördert wird. Darüber hinaus muss man eine gewebestabilisierende Wirkung annehmen. Auch die mentale Leistungsfähigkeit wird im Allgemeinen beim Sportler durch die Optimierung seines Mikronährstoffhaushaltes gestärkt.

Die Untersuchungen an den Fußballern hinsichtlich der Supplementierung mit verschiedenen Mikronährstoffen wie Zink, Selen und B-Vitaminen lassen sich durchaus auch auf andere Hochleistungssportarten übertragen – sie stammen unter anderem von meinem langjährigen Freund und einem Experten auf dem Gebiet der Sportmedizin, Professor Heinrich Liesen, der nicht nur Bundesligavereine, sondern auch die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft erfolgreich betreut und diätetisch beraten hat.

Gröber: Eine Befragung von Sportlern aus aller Welt bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles ergab, dass über 90% der Athleten zusätzlich zur normalen Ernährung Vitaminpräparate einnahmen. Gibt es Mikronährstoffe, die bei Spitzensportlern als problematisch im Sinne von Doping einzustufen sind?

Uhlenbruck: Mikronährstoffe, die hier als problematisch eingestuft werden müssen, gibt es meines Wissens nicht. Es gibt auch kein Doping durch Mikronährstoffe – auch nicht wenn reine Mikronährstoffpräparate vom Arzt gespritzt werden, da eine solche Injektion nicht den Tatbestand des Dopings erfüllt.

Allerdings können Nahrungsergänzungsmittel dem Dopingverbot unterliegende Steroidhormone enthalten, ohne dass diese aus den Herstellerangaben ersichtlich sind. Nach Untersuchungen des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln wiesen von 634 Nahrungsergänzungsmitteln etwa 15% positive Befunde für verbotene anabol-androgene Steroide auf, die nicht auf der Packung deklariert waren. Diese Präparate stammten unter anderem von Firmen aus den USA, Holland, Deutschland und dem Internet-Versandhandel.

Firmen, die Nahrungsergänzungsmittel herstellen, sollten zur Absicherung der Sportler und Trainer über ein Qualitätsmanagement verfügen und regelmäßig Analysen der verwendeten Rohstoffe machen. Ein Hinweis, dass diese Produkte einer regelmäßigen Kontrolle im Hinblick auf das WADA-Antidoping-Reglement unterliegen, ist sicherlich sinnvoll. Siehe auch die "Kölner Liste" von der Sporthochschule Köln.

Gröber: Ein interessanter Mikronährstoff im Sport ist das L-Carnitin. Sportler und Besucher von Fitnesscentern verbinden mit L-Carnitin vorrangig ein Mittel zum Körperfettabbau. Was ist eigentlich L-Carnitin und wie wirkt es im Körper?

Uhlenbruck: Natürlich hat L-Carnitin etwas mit dem Fettstoffwechsel zu tun, was aber nicht bedeutet, dass zusätzlich zugeführtes L-Carnitin auch vermehrt den Fettabbau fördert.

L-Carnitin ist ein sehr interessantes Aminosäurederivat, welches im Rahmen des Fettstoffwechsels eine Schlüsselfunktion beim Transport und bei der Verstoffwechselung von Fettsäuren übernimmt. Die Substanz hat eine sogenannte Shuttle-Funktion, d. h. sie ist unbedingt notwendig bei der Energiegewinnung aus Fett, die bekanntlich beim Ausdauersport eine große Rolle spielt. Dabei geht man davon aus, dass L-Carnitin die Fettverbrennung zulasten der Glykogenverbrennung fördert, wodurch eine längere Arbeitszeit unter maximaler Belastung erreicht wird.

Ich habe in meinen eigenen Untersuchungen an Sportlern gefunden, dass diese basische Aminosäure zusätzlich einen immunmodulatorischen Effekt besitzt, also ebenfalls zur Stabilisierung der körpereigenen Abwehr beitragen kann, was beim Sport nicht uninteressant ist. Auch die mir bestens bekannte Weltrekordlerin im mehrfachen Triathlon und Ultratriathlon Astrid Benöhr aus Bergisch-Gladbach hat mir gegenüber immer wieder betont, dass zum Beispiel ihre Infektanfälligkeit im Hochleistungstraining drastisch nachließ, wenn sie L-Carnitin eingenommen hatte.

Gröber: In welcher Dosierung sollte L-Carnitin im Sport ergänzt werden und wer kann noch von L-Carnitin profitieren?

Uhlenbruck: L-Carnitin kann "grammweise" – um es grob zu sagen – von Leistungssportlern eingenommen werden, in der Regel 1 bis 3 g, manchmal sogar auch mehr, zum Beispiel beim mehrfachen Triathlon und bei 100-km-Läufen. Wegen der neuroprotektiven Wirkung würde ich es auch Boxern und Fußballern (Kopfbälle!) empfehlen sowie während der Regeneration nach Extrembelastungen und bei leichteren Infekten.

Gröber: Lieber Herr Professor Uhlenbruck, ich bedanke mich ganz herzlich für das interessante Interview.

Literaturtipp

Uwe Gröber
Metabolic Tuning statt Doping. Mikronährstoffe im Sport
302 Seiten, 125 Tabellen, 57 farbige Abbildungen. 29,90 Euro.
Hirzel Verlag, 2008. ISBN 978-3-7776-1608-7
Dieses Buch können Sie einfach und schnell bestellen unter der Postadresse:
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oder im Internet unter: www.dav-buchhandlung.de

oder per Telefon unter: (07 11) 25 82 - 3 41 oder- 3 42

Prof. Dr. med. Gerhard Uhlenbruck

… studierte Medizin und forschte seit 1963 am Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Als Direktor des Instituts für Immunbiologie an der Universität zu Köln (1974 – 1996) befasste er sich u. a. mit dem Einfluss von Sport auf das Immunsystem. Er verfasste zahlreiche Lehrbücher über Immunologie, Blutgruppen und Tumormarker, ist Gründungsmitglied der Internationalen Society for Exercise and Immunology und erhielt hohe Auszeichnungen. Er war Deutscher Marathonmeister der Ärzte und initiierte das Projekt "Sport und Krebs" beim Landessportbund in Nordrhein-Westfalen.

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