DAZ aktuell

Manipulationen beim Apothekentest der ZDF-Reporter?

OLCHING (mz). Oops, he did it again! Professor Frölichs letzte Shoppingtour wurde am 23. April in der Sendung "ZDF-Reporter" ausgestrahlt. Wieder urteilt der emeritierte klinische Pharmakologe vernichtend über die Apotheken – und wieder kommt man, wenn man eine seiner Fragen genau durchleuchtet, zu überraschenden Ergebnissen.
Fokus Apotheke Die – vermeintlich – schlechte Beratung in Apotheken ist immer wieder ein beliebtes Thema von TV-Magazinen. Aktuell bescheinigte ZDF.Reporter Apotheken die Beratungsnote "mangelhaft".

Seine erste Frage betraf eine Kombination von Miroton® und Sennesblättern. Hier hätten die Pharmazeuten vor dem Risiko von Arrhythmien warnen sollen. Miroton® enthält herzwirksame Glykoside, deren Wirkungen und Nebenwirkungen durch den Kaliumverlust, zu dem ein Missbrauch von Anthrachinon-Laxanzien führen kann, verstärkt werden. Kalium war und ist der Klassiker unter den Interaktionen – nicht nur bei Testkäufen!

Frölichs zweiter Einkauf betraf das Migränemittel Formigran® und wurde bereits in unserem Artikel "Apothekentester im Test" behandelt (DAZ Nr. 16/ 2009, Seite 76–77).

Seine dritte Frage hatte es in sich, und das nicht nur, weil offenbar in einigen Fällen Metoprolol ohne Rezeptvorlage abgegeben wurde. Verlangt wurde neben Metohexal 100 mg retard auch das rezeptfreie Ranitidin 75 mg. Die Kombination könne, so Frölich, zu Blutdruckabfällen, Herzrhythmusstörungen und Ohnmachten führen. Einem Apotheker, der die Interaktion in der ABDA-Datenbank nicht fand, beschied er, man dürfe sich nicht auf die Software verlassen, die Wechselwirkung sei schon 1983 beschrieben worden und gut bekannt. Solche Aussagen reizen zur Recherche.

In der Tat wurde 1983 in der Klinischen Wochenschrift über die Interaktionen von H2 -Antagonisten publiziert und auch erwähnt, dass Cimetidin, der erste und inzwischen weitgehend obsolete Vertreter der Substanzklasse, den Metabolismus vieler Stoffe, darunter auch Metoprolol, hemmt. Zu Ranitidin heißt es im Abstract: "Other H2 -blocking agents (ranitidine, oxmetidine) did not impair the elimination of antipyrine, warfarin, diazepam or propranolol." [1]. Metoprolol ist an dieser Stelle nicht erwähnt. In der Folge befassten sich weitere Studien mit der möglichen Ranitidin-Metoprolol-Interaktion und kamen zu dem Ergebnis, dass es sie nicht gibt: "Ranitidine had no effect on the pharmacodynamics or pharmacokinetics of metoprolol." [2, 3] Andere Pharmakokinetik-Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Ranitidin unter bestimmten Bedingungen eine geringfügige, aber signifikante Erhöhung des Metoprolol-Spitzenspiegels, z.T. auch der AUC, bewirken kann, die sich klinisch jedoch nicht signifikant messbar äußert [4, 5, 6, 7]. Alle diese Studien wurden mit Ranitidindosierungen durchgeführt, die beim Zwei- oder Vierfachen der von Frölich verlangten Dosis lagen.

Auf der Basis dieser Ergebnisse findet man die Interaktion weder in der amerikanischen Datenbank Drugdex (unbestritten eine der gehaltvollsten und gründlichsten Arzneimitteldatenbanken weltweit), noch in den Fachinformationen von Ranitidin-Präparaten. In den Metoprolol-Fachinformationen und in der Roten Liste ist allgemein eine Interaktion mit H2 -Antagonisten aufgeführt, was die pharmakokinetischen Effekte von Cimetidin abdeckt.

Fazit: Frölich verlangte von den getesteten Apotheken eine Warnung vor einer Interaktion, von der in der Literatur gut belegt ist, dass es sie in klinisch relevantem Maße nicht gibt und die aus gutem Grund nicht in den Datenbanken erscheint. Einen Patienten mit einer solchen Warnung zu verunsichern, wäre ein Kunstfehler gewesen.

Angesichts dieser manipulativen Kreativität Frölichs stellt sich die Frage, was bei seinen Testkäufen in Wirklichkeit noch völlig anders war, als es in dem Beitrag der ZDF-Reporter dargestellt wurde.

Literatur:

[1] Klotz U, Reimann I: Einfluss von H2 -Rezeptorantagonisten auf die hepatische Elimination von Arzneimitteln. Klinische Wochenschrift 1983; 61 (13): 625–632

[2] Toon S et al: The racemic metoprolol H2 -antagonist interaction. Clinical pharmacology and therapeutics 1988; 43 (3): 283–289

[3] Baciewicz AM, Baciewitz FA: Effect of cimetidine and ranitidine on cardiovascular drugs. American heart journal 1989; 118 (1): 144–154

[4] Kelly JG et al: Effects of ranitidine on the disposition of metoprolol. Btitish journal of clinical pharmacology 1985; 19 (2): 219–224

[5] Kirch W et al: The influence of two histamine H2 -receptor antagonists, cimetidine and ranitidine, on the plasma levels and clinical effect of nifedipine and metoprolol. Archives of toxicology, Suppl. 1984; 7: 256–259

[6] Kirch W et al: Interactions and non-interactions with ranitidine. Clinical pharmacokinetics 1984; 9 (6): 493–510

[7] Mutschler E et al: The interaction between H2 -receptor antagonists and beta-adrenoreceptor blockers. British journal of clinical pharmacology, 1984; 17 Suppl.1: 51S–57S

Autor:

Dr. Markus Zieglmeier, Olching, E-Mail m_zieglmeier@web.de

Das könnte Sie auch interessieren

Welche Rolle spielen mahlzeitenbezogene Einnahmehinweise auf Medikationsplänen?

Vor, zum oder nach dem Essen?

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Pharmakotherapie

Mann ist nicht gleich Frau

Grundlagen für das Medikationsmanagement

Gastroösophageale Refluxkrankheit

Steigende Verordnungszahlen bereiten Unbehagen – eine aktuelle wissenschaftliche Einschätzung

Metamizol – eines der sichersten Analgetika?

Spitzenreiter der Herz-Kreislauf-Therapie sorgen für Überraschungen

Betablocker in neuem Licht

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.