Arzneimittel und Therapie

Genentech nimmt Raptiva® in den USA vom Markt

Genentech hat in den USA soeben freiwillig das Psoriasis-Medikament Efalizumab (Raptiva®) vom Markt genommen. Grund dafür ist u. a. ein erhöhtes Risiko für eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie. Diese gefährliche Virusinfektion des zentralen Nervensystems ist bislang nachweislich bei drei Psoriasispatienten aufgetreten, die alle mehr als drei Jahre ohne Unterbrechung mit Efalizumab behandelt worden waren.

Neben einer PML sind weitere schwerwiegende Nebenwirkungen wie Guillain-Barré- und Miller-Fisher-Syndrom, Sepsis, Enzephalitis, Meningitis, Enzephalopathie sowie opportunistische Infektionen unter einer Efalizumab-Behandlung aufgetreten. Vor diesem Hintergrund hatte die EMEA schon im Februar dieses Jahres empfohlen, die Zulassung für das Psoriasismedikament Efalizumab (Raptiva®) ruhen zu lassen. Es wird damit gerechnet, dass die Europäische Kommission dieser Empfehlung nachkommen und das Ruhen der Zulassung anordnen wird. Raptiva® wird in Deutschland von der Firma Merck Serono GmbH vertrieben. Als Reaktion auf die EMEA-Empfehlung hatte Merck Serono Ärzte und Apotheker mit einem Rote-Hand-Brief informiert und geraten, Efalizumab nicht mehr zu verordnen und auf eine andere adäquate Therapie umzustellen. Wegen der Gefahr eines Rebounds wird empfohlen, Efalizumab nicht abrupt abzusetzen. Für eine Übergangszeit wird Merck Serono daher noch eine kontrollierte Marktversorgung in Deutschland sicherstellen. Die Belieferung des Großhandels und der Apotheken wurde inzwischen gestoppt, ausgelieferte Bestände aber nicht zurückgerufen. Apotheker, denen eine Verordnung über Efalizumab vorgelegt wird, sollten mit dem Arzt Kontakt aufnehmen und sich vergewissern, dass dieser über das geplante Ruhen der Zulassung und die Gründe dafür informiert ist. Wenn der Arzt auf der Verordnung besteht und die Apotheke nicht mehr über den Großhandel beliefert werden kann, sollte sich der Apotheker direkt an Merck Serono wenden. Es ist allerdings zu beachten, dass Merck Serono in den nächsten Wochen auch die kontrollierte Marktversorgung einstellen wird. Dann wird Raptiva® im deutschen Markt nicht mehr verfügbar sein. In den USA wird Raptiva® nur noch bis zum 8. Juni 2009 erhältlich sein.

PML bei geschwächter Immunabwehr

Die progressive multifokale Leukoenzephalopathie wird durch eine Reinfektion mit dem JC-Virus ausgelöst. Das JC-Virus – bezeichnet mit den Initialen des Patienten John Cunningham, aus dem das Virus erstmalig isoliert wurde – zählt zur Gattung der Polyomaviren und ist nicht zu verwechseln mit dem Erreger der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung. Die JC-Primärinfektion verläuft in der Regel asymptomatisch. Eine geschwächte Immunabwehr (z. B. Aids oder immunsuppressive Therapie) begünstigt Reinfektionen, in deren Verlauf die Viren im ZNS Oligodendrozyten der Nervenscheiden befallen. Es kommt zu einer Entmarkung von Nervenzellen, die sich in Form einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie äußert. Diese Demyelinisierung kann je nach betroffener Region geprägt sein von fortschreitenden Lähmungen, Gedächtnis-, Sprach-, Seh- und Empfindungsstörungen. Die Prognose der progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie ist schlecht, sie endet häufig innerhalb von durchschnittlich drei bis 20 Monaten tödlich. Da die immunsuppressive Wirkung von Efalizumab noch acht bis zwölf Wochen nach Absetzen anhält, müssen die Patienten in dieser Zeit weiterhin engmaschig hinsichtlich neurologischer Symptome überwacht werden. Solche Symptome könnten ein Indiz für eine JC-Virus-Infektion und damit eine PML sein. Unklar ist, wie sich begleitende oder alternative immunsuppressive Psoriasistherapien im Anschluss an die Efalizumabbehandlung auf das PML-Risiko auswirken. Ein erhöhtes Risiko ist nicht auszuschließen. Auch bei den immunsuppressiv wirkenden monoklonalen Antikörpern Natalizumab und Rituximab besteht die Gefahr, dass sich eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie entwickelt. In den Fachinformationen wird entsprechend darauf hingewiesen.

 

Quelle
Voluntary U.S. Market Withdrawal of Raptiva® • Genentech, 8. April 2009.

Rote-Hand-Brief zu Efalizumab: EMEA empfiehlt Ruhen der Zulassung. AMK-Information vom 26. Februar 2009.

 

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Efalizumab: Hinweise zur Therapieumstellung

Die EMEA-Empfehlung zum Ruhen der Zulassung von Efalizumab hat die Deutsche Dermatologische Gesellschaft und den Berufsverband Deutscher Dermatologen zu einer Stellungnahme bewogen. Sie verweisen darauf, dass das Auftreten einer PML vor dem Hintergrund des Behandlungsaufkommens von inzwischen 47 000 Patientenjahren ein seltenes Ereignis ist. Die Mechanismen und die Kausalzusammenhänge seien unklar. Dennoch schließen sich beide Verbände der EMEA-Empfehlung an: Sie raten von Neueinstellungen ab und empfehlen, derzeit mit Efalizumab behandelte Patienten gegebenenfalls auf eine andere Therapie umzustellen. Für die Umstellung geben sie folgende Hinweise:
  • Die Umstellung bzw. Beendigung der Therapie mit Raptiva® sollte nur durch einen in der Systemtherapie der Psoriasis erfahrenen Facharzt für Dermatologie erfolgen.
  • Für die Umstellung liegen keine Daten zu festen Behandlungsalgorithmen aus klinischen Studien vor. Alle Maßnahmen sind somit der individuellen Situation des Patienten anzupassen.
  • Nach Absetzen von Raptiva® sind folgende Situationen zu unterscheiden:
a) Keine Verschlechterung der Psoriasis: weiteren Verlauf abwarten; bis zum Auftreten einer Befundverschlechterung kann ggf. ohne systemische Therapie behandelt werden.
b) Langsam fortschreitende Verschlechterung: Therapie gemäß S3-Leitlinie, d. h. in der Regel Umstellung auf ein anderes der zugelassenen Systemtherapeutika bzw. Biologika wie auch Phototherapie.
c) Rasche oder starke Verschlechterung oder Rebound: Der sofortige Einsatz eines rasch wirksamen Präparates ist zu empfehlen; Studiendaten zur Behandlung eines Rebounds liegen nur für Ciclosporin (3 bis 5 mg/kg KG) und für Infliximab vor.
  • Mit Raptiva® behandelte Patienten sind gemäß der gültigen Fachinformation auf das Auftreten neurologischer Symptome hin zu überwachen. Bei entsprechendem Verdacht ist eine gezielte neurologische Abklärung zu empfehlen.
Quelle: Stellungnahme der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft und des Berufsverbandes Deutscher Dermatologen vom 9. März 2009.

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