Arzneimittel und Therapie

Orale Alternative zur Chemotherapie

Der oral einzunehmende Tyrosinkinase-Hemmer Gefitinib (Iressa®) zeigt bei Patienten mit einem fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom eine vergleichbare Wirkung wie das intravenös zu verabreichende Zytostatikum Docetaxel (Taxotere®). Somit steht eine orale, gut verträgliche Alternative zur Chemotherapie zur Verfügung.

Das fortgeschrittene nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC = non-small-cell lung cancer) weist eine schlechte Prognose auf und die Überlebensraten sind trotz intensiver Therapien gering. Die Chancen sinken weiter, wenn die Erstlinientherapie – eine platinbasierte Zweierkombination – nicht anspricht und Folgetherapien durchgeführt werden müssen. Eine Option der Secondlinetherapie ist dann die Gabe des Zytostatikums Docetaxel, mit dem im Vergleich zur best supportive care ein längeres Überleben und eine höhere Lebensqualität erzielt werden. Dieser Benefit wird allerdings mit Nebenwirkungen wie Diarrhö, Neuropathien und Neutropenien erkauft.

Auf der Suche nach weiteren Therapiemöglichkeiten stieß man auf den EGFR-Antagonisten Gefitinib, da viele Lungentumore eine verstärkte Expression von EGFR (epidermal growth factor receptor) aufweisen. Durch die gesteigerte Produktion von Wachstumsfaktor-Rezeptoren initiiert die Tumorzelle intrazelluläre Signale, die letztendlich zu einer verstärkten Zellproliferation, zur Angiogenese und zur Metastasierung führen. Durch eine Blockade der entsprechenden Rezeptoren hofft man, das unkontrollierte Wachstum zu unterbinden. Gefitinib gehört zu den sogenannten small molecules und hemmt die intrazelluläre EGFR-Tyrosinkinase. Gefitinib ist bereits in verschiedenen Ländern zur Therapie des fortgeschrittenen NSCLC zugelassen. Bei der europäischen Zulassungsbehörde EMEA ist die Zulassung beantragt.

Multizentrische Studie

In einer großen multizentrischen Phase-III-Studie (Interest-Studie) wurde Gefitinib direkt mit Docetaxel verglichen. 1466 Patienten, die bereits vorher eine platinbasierte Therapie durchlaufen hatten, erhielten entweder

  • einmal täglich 250 mg Gefitinib oral (n = 733) oder
  • alle drei Wochen eine einstündige Infusion von 75 mg/m² Körperoberfläche Docetaxel (n = 733).

Die Gesamtüberlebensrate war in beiden Gruppen ähnlich (7,6 Monate unter Gefitinib versus 8,0 Monate unter Docetaxel). In einer vorab festgelegten Patientengruppe mit einer hohen Vervielfachungsrate des Genes für den epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor (EGFR) war die Gesamtüberlebensrate ebenfalls vergleichbar (8,4 Monate unter Gefitinib versus 7,5 Monate unter Docetaxel). Unter einer Therapie mit Gefitinib traten vor allem Hautausschläge und Akne (49% versus 10%) sowie Diarrhö (35% versus 25%) auf. In der Docetaxel-Gruppe wurden häufiger Neutropenien (74% versus 5%), asthenische Störungen (47% versus 25%) sowie Haarausfall (36% versus 3%) registriert. Unter der Therapie mit Gefitinib war die Verbesserung der Lebensqualität signifikant ausgeprägter als unter Docetaxel.

Alternative zur Chemotherapie

Die Studienautoren kommen zum Schluss, dass die orale Therapie mit Gefitinib eine interessante Alternative zur Chemotherapie mit Docetaxel ist, zumal eine verbesserte Lebensqualität und das günstigere Nebenwirkungsspektrum für den Tyrosinkinase-Hemmer sprechen. Neben dem Nachweis einer vergleichbaren Effektivität beider Therapien führte die Studie zu zwei unerwarteten Ergebnissen. Erstens: Ein hoher EGFR-Genkopien-Status war wider Erwarten kein Prädiktor für ein besonders gutes Ansprechen auf Gefitinib. Zweitens: Die aus früheren Ergebnissen abgeleitete Annahme, eine bestimmte Patientengruppe (weibliche Nichtraucherinnen asiatischer Herkunft mit einem Adenokarzinom der Lunge) profitiere besonders von einer Therapie mit Gefitinib, trifft zwar zu und schlägt sich in einem höheren Gesamtüberleben nieder, aber diese Patientengruppe profitiert auch verstärkt von einer Chemotherapie mit Docetaxel. Das heißt also, diese Patientengruppe erfährt einen besonderen Benefit von der Therapie, unabhängig davon, ob Gefitinib oder Docetaxel eingesetzt wird.

Quelle

Kim E., et al.: Gefitinib versus docetaxel in previously treated non-small-cell lung cancer (INTEREST): a randomised phase III trial. Lancet 372, 1809-1818 (2008).

Cullen M., et al.: Gefitinib or docetaxel in advanced non-small-cell lung cancer. Lancet 372, 1785-1786 (2008).

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

Die Studie in Stichworten

  • offizieller Studientitel
  • Randomized, Open-Label, Parallel Group, International, Multicenter, Phase III Study of Oral ZD1839 (Iressa®) Versus Intravenous Docetaxel (Taxotere®) in Patients With Locally Advanced or Metastatic Recurrent Non-Small Cell Lung Cancer Who Have Previously Received Platinum-Based Chemotherapy
  • Studienziele
  • direkter Vergleich zwischen Gefitinib und Docetaxel bei vorbehandelten Patienten mit einem fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom
  • Studienart
  • randomisierte open-label Phase-III-Interventions-Studie
  • Studienendpunkte:
  • Vergleich des Gesamtüberlebens
  • Vergleich der TTP (Time to progression)
  • Vergleich der Tumorresponse
  • Vergleich der Therapiesicherheit
  • Vergleich der Lebensqualität
  • Intervention
  • täglich oral 250 mg Gefitinib
  • alle drei Wochen 75 mg/m² Körperoberfläche Docetaxel
  • Studiennummer: NCT00076388
  • Investigator und Sponsor: AstraZeneca
  • Beginn: Februar 2004
  • Ende: Oktober 2007

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